Fliegen
Beginn einer Ära: Als aus den holprigen Kisten Verkehrsflugzeuge wurden

Exakt vor 100 Jahren startete in Dübendorf der erste schweizerische Linienflug. Nach zweieinhalb Stunden landete die Junker F 13 der Fluggesellschaft Ad Astra in Fürth bei Nürnberg.

Hans Weder
Drucken
Die Junker F13 mit Pilot Henry Pillichody auf dem Flugplatz in Dübendorf.

Die Junker F13 mit Pilot Henry Pillichody auf dem Flugplatz in Dübendorf.

ETH

Fliegen ist schon seit Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit. Doch erst 100 Jahre ist es her, dass sich in der Schweiz erstmals ein Verkehrsflugzeug in die Lüfte erhob. Vom Flugplatz Dübendorf startete am 1. Juni 1922 um 9.30 Uhr ein Linienflugzeug des Typs Junkers F 13 nach Fürth bei Nürnberg.

Den ersten Linienflug der Schweizer Fluggesellschaft Ad Astra pilotierte Henry Pillichody. Zweieinhalb Stunden dauerte sein Flug nach Fürth mit dem damals modernsten Ganzmetallflugzeug in Europa. Damit war ein Meilenstein in der Geschichte der Schweizer Luftfahrt erreicht, denn bis dahin waren nur Rund- und Charterflüge angeboten worden.

Linie von Genf nach Nürnberg

Der gesamte erste Linienflug führte von Genf via Zürich nach Nürnberg und war aufwendig. Für die Bedienung der ganzen Flugstrecke waren zwei Flugzeuge und total sechs Piloten eingeplant. Für die Stationen Genf und Fürth waren zudem je ein Chefmechaniker und zwei Mechaniker vorgesehen.

Erst zweieinhalb Jahre zuvor war am 15. Dezember 1919 im Hotel Baur au Lac in Zürich die Aktiengesellschaft «Ad Astra, Schweizerische Luftverkehrs AG» gegründet worden, die sich aus drei schon bestehenden Schweizer Fluggesellschaften zusammensetzte. Die neue Fluggesellschaft verfügte nun über 18 Flugzeuge, die Mehrheit davon Flugboote. Die Gesellschaft beabsichtigte in vielen grösseren Schweizer Städten mit Seelage, Flugstationen zu errichten. Und «durch Passagierflüge vorerst das Publikum an das neue Verkehrsmittel zu gewöhnen und nach und nach daraus sich flugplanmässige Verbindungen entwickeln zu lassen.»

Absturz beschädigt Vertrauen der Passagiere

Doch schon bald musste die Ad Astra einsehen, dass ihre Ausbaupläne viel zu optimistisch ausgefallen waren. Das schlechte Wetter im Sommer 1920 sowie die viel höher als budgetiert angefallenen Unterhaltskosten der Flugboote führten zu einem tiefroten Jahresergebnis. Dazu kamen der Absturz von zwei ihrer Flugzeuge, die dem Vertrauen der Passagiere in das neue Verkehrsmittel alles andere als förderlich waren.

So wurde Ende 1920 fast dem gesamten Personal gekündigt und sämtliche Flugstationen mit Ausnahme von Zürichhorn und Dübendorf aufgegeben. Fast alle Flugboote wurden ausser Betrieb genommen und die Flugzeugflotte auf die neu erhältlichen «Metallflugzeuge» der Firmen «Dornier» und «Junkers» ausgerichtet.

Heimliche Lieferung über den Bodensee

Diese beiden deutschen Flugzeughersteller waren sehr an einer engen Zusammenarbeit mit Ad Astra interessiert, war es ihnen doch durch die Siegermächte nach wie vor nicht erlaubt, Verkehrsflugzeuge zu bauen und zu erproben.

Ein von Dornier trotzdem heimlich gebautes Flugzeug wurde in Einzelteilen in Kleinbooten heimlich über den Bodensee gebracht und von dort mit der Bahn nach Dübendorf transportiert, wo das Flugzeug dann in der Werft der Ad Astra zusammengebaut und erprobt wurde. Dornier konnte so die Versuchsflüge mit dem neuen Flugzeug durchführen und Ad Astra erhielt die einmalige Gelegenheit, eines der modernsten Metallflugzeuge in der Praxis zu erproben und für ihre Passagierflüge zu verwenden.

Recht pünktlich, aber die Passagiere fehlen

Die neue Flugstrecke erreichte eine Pünktlichkeit von 74,3 Prozent. Für die damaligen technischen Möglichkeiten ein hoher Wert. In 672 Flugstunden wurden total 95'810 Flugkilometer zurückgelegt. Leider blieb aber die Auslastung weit unter den Erwartungen. Bis zum Ende der Flugsaison, am 30. September 1922, wurden nur gerade 122 Passagiere gezählt, was einer Auslastung von rund 10 Prozent entsprach. So endete der erste Versuch einer zivilen Fluglinie mit einem hohen Verlust.

Vom Autor dieses Textes stammt das Buch «Startbereit – Die Entstehung des Linien-Flugverkehrs in der Schweiz, 1919–1939.»