Essay
Der Genderstern hält Einzug – warum er nicht zwingend für eine gerechtere Sprache steht

Autorin Nina Kunz gendert. Und erklärt, warum das keine komplizierte Sache ist. Einen Stern braucht es dafür nicht unbedingt. Probieren Sie es einfach aus.

Nina Kunz
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Stern des Anstosses: Der Genderstern und andere inklusivere Schreibweisen sorgen immer wieder für Diskussionen.

Stern des Anstosses: Der Genderstern und andere inklusivere Schreibweisen sorgen immer wieder für Diskussionen.

Bild: Imago

Mein Name ist Nina Kunz, ich bin Kolumnistin beim «Magazin», und ich wurde heute eingeladen, um über geschlechtergerechte Sprache zu reden. Und bevor Sie jetzt denken «Oh nein, bitte nicht!» – lassen Sie mich eine Sache klarstellen: Ich werde Ihnen im Folgenden weder sagen, dass Sie Fussgänger nun als «Zu-Fuss-Gehende» bezeichnen sollen. Oder weibliche Gäste als «Gästinnen». Ich bin nur hier, um Ihnen zu erklären, warum ich «gendere» – und warum es mir ehrlich gesagt auch ein bisschen egal ist, ob Sie nun das Binnen-I verwenden oder nicht.

Nina Kunz Kolumnistin und Journalistin beim «Magazin».

Nina Kunz
Kolumnistin und Journalistin beim «Magazin».

Bild: zvg

Beginnen wir also mit diesem Wort: «Gendern». Das ist nämlich ein Begriff, den ich selbst etwas unschön finde – aber dann gibt es viele Begriffe, die ich unschön finde. Wie zum Beispiel «Dekret». Oder «Zertifikatskontrolle».

Jedenfalls glaube ich, dass es einige Mythen gibt, die diesen Begriff umranken. Dabei ist «Gendern» echt nicht kompliziert. In meinem Alltag bedeutet «gendern» zum Beispiel nur, dass ich beim Schreiben auf das generische Maskulinum verzichte; und eben nicht darauf vertraue, dass die Leute schon checken, dass die Frauen «mitgemeint» sind, wenn ich zum Beispiel den Satz schreibe: Hundert Sänger nahmen am Konzert teil.

Manchmal schreibe ich daher: Sängerinnen und Sänger. Benutze also beide Formen. Manchmal schreibe ich: Sänger*innen. Mit Stern. Weil ich zeigen möchte, dass Geschlecht ein Spektrum ist. Manchmal schreibe ich aber auch: SängerInnen. Mit Binnen-I. Oder brauche den Doppelpunkt. Je nach Laune, Zweck und Zielpublikum suche ich mir eine Option aus.

Das generische Maskulin ist keine Lösung, sondern ein Quark

Natürlich verstehe ich, wenn nun einige Autorinnen und Autoren zögern, diese neuartigen Schreibweisen zu verwenden. Schliesslich ist ein Text eine persönliche Sache, und es gibt ja auch nicht die Lösung für geschlechtergerechte Sprache – so wie es auch nicht das ästhetische Empfinden oder den guten Stil gibt. Nur leider meine ich, dass das generische Maskulinum aber gar keine Lösung ist. Sondern vor allem ein Quark.

Und das meine ich nicht nur ideell, sondern auch praktisch. Nehmen wir etwa folgende Geschichte: «Ein Vater und sein Sohn sind mit dem Auto unterwegs und haben einen Unfall, bei dem beide schwer verletzt werden. Der Vater stirbt auf dem Weg ins Spital, sein Sohn muss sofort operiert werden. Bei seinem Anblick erblasst jedoch einer der Chirurgen und sagt: Ich kann nicht operieren – das ist mein Sohn!»

Haben Sie die Pointe verstanden? Natürlich ist einer der Chirurgen die Mutter. Das ist sprachlich korrekt, aber auch komplett irr, weil die Mutter bei den Chirurgen einfach mitgemeint sein soll. Genauso wie Karin Keller-Sutter, Viola Amherd und Simonetta Sommaruga mitgemeint sein sollen, wenn von den «Bundesräten» die Rede ist. Ein Grund, warum ich also «gendere», ist einfach, dass ich diese Schreibweise oft präziser finde.

Ein weiterer Grund ist jedoch, dass ich auch der Überzeugung bin, dass die Sprache unser Denken enorm beeinflusst. Das hört sich etwas esoterisch an, aber damit meine ich nur, was die Autorin Kübra Gümüşay in ihrem Buch «Sprache und Sein» mit folgender Anekdote auf den Punkt bringt:

Kübra Gümüşay Autorin

Kübra Gümüşay
Autorin

Bild: Wiki

Einmal stand sie mit ihrer Familie am Meer, als ihre Tante meinte: Schaut mal, wie schön dieser Yakamoz leuchtet. Sie schaute aufs Meer, konnte aber nichts erkennen – bis ihre Eltern ihr erklärten, dass mit Yakamoz die Reflexion des Mondes auf dem Meer gemeint ist; und dann sah sie es auch: das Leuchten.

Manchmal nehmen wir Dinge erst wahr, wenn wir sie benennen können. Und genau darin liegt die Kraft der Sprache.

Sie ist ein zentraler Faktor, um zu erklären, warum wir die Welt wahrnehmen, wie wir sie wahrnehmen.

So gibt es zum Beispiel auch Sprachen, die keine Mengenangaben kennen. Oder Sprachen, die keine Vergangenheitsform haben. Und natürlich prägen diese Eigenheiten, wie die Sprecherinnen und Sprecher ihre Realität konstruieren. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein formulierte es für seine Realität sogar einmal so:

«Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.»
Ludwig Wittgenstein Bedeutender Philosoph des 20. Jahrhunderts

Ludwig Wittgenstein
Bedeutender Philosoph des 20. Jahrhunderts

Bild: Wittgenstein Archive Cambridge

Und die Grenzen sind in Bezug auf das generische Maskulinum offensichtlich. Ich will Sie jetzt nicht mit Studien langweiligen, aber es gab immer wieder Versuche, um herauszufinden, ob Frauen tatsächlich mitgedacht werden, wenn in einem Text «Fussballer» oder «Lehrer» steht.

Und dabei ist herausgekommen, dass wir zum Beispiel bei der Frage: «Was ist dein liebster Romanheld?» – meist an Männer denken, während wir bei der Frage: «Was ist deine liebste Romanfigur?» – eher alle Geschlechter berücksichtigen. Der zweite Grund, warum ich also geschlechtergerechte Sprache benutze, ist, dass ich die Macht der Sprache ernst nehme und Frauen genauso wie non-binäre Personen nicht ausradieren will.

Gleichzeitig verstehe ich aber, wenn einige Leute damit ein Unbehagen haben. So schrieb etwa die Autorin Nele Pollatschek kürzlich im «Magazin», dass sie lieber als «Schriftsteller» bezeichnet werden will – da sie der Meinung ist, dass das «Gendern» den Graben zwischen den Geschlechtern nur noch vertieft und sie in ihrem Alltag auch nicht ständig daran erinnert werden will, dass sie eine Frau ist.

Doch das, so glaube ich, ist zu kurz gedacht. Denn auch ich will in meinem Alltag natürlich nicht ständig daran erinnert werden, dass ich eine Frau bin. Aber als junge Journalistin bekomme ich etwa einmal im Monat ungefragt eine Rendezvous-Einladung. Oder habe es mit Veranstaltern zu tun, die fragen, ob ich nicht im eleganten Abendkleid zur Lesung kommen könne. All das erleben meine männlichen Kollegen nicht.

Die Sprache, so meine ich, schafft die Ungleichheit also nicht, sondern macht sie nur sichtbar.

Und das wiederum ist eine Chance, um diese Ungleichheit zu kritisieren. Und klar: Natürlich wäre es super, wenn es irgendwann egal wäre, ob da «Schriftsteller» oder «Schriftstellerin» steht. Doch solange diese Begriffe in der Realität so unterschiedliche Dinge bedeuten, wäre es doch unsinnig, diesen Fakt unsichtbar zu machen.

Es ist ein bisschen wurst, ob man «Gast» oder «Gästin» schreibt

Dann wiederum will ich die Bedeutung der Sprache aber nicht überhöhen. Denn Macht besteht ja immer aus einem «symbolischen» und einem «handfesten» Teil. Und die «handfesten» Probleme sind erdrückend:

So verdienen Frauen in der Schweiz etwa immer noch 11, 5 Prozent weniger Lohn als Männer, sind öfters von Altersarmut betroffen und übernehmen den Löwenanteil der unbezahlten Arbeit. 2016 waren 73 Prozent der knapp 10 000 Menschen, die von häuslicher Gewalt betroffen waren, Frauen – und laut dem Global Gender Gap Report 2020 wird es noch 257 Jahre dauern, bis die Geschlechter in der Wirtschaftswelt gleichgestellt sind.

Und genau deshalb schreibt sogar Margarete Stokowski – eine Ikone des Feminismus – dass es ihr im Grunde etwas wurst ist, ob wir nun «Gast» oder «Gästin» schreiben, solange diese handfesten Probleme derart krass sind.

Margarete Stokowski Autorin, Feministin und Kolumnistin

Margarete Stokowski
Autorin, Feministin und Kolumnistin

Bild: Harald Krichler

Und ganz ehrlich: Auch ich kenne keine Feministin, die besonders passioniert oder dogmatisch «gendert». Das Problem ist nur: Auf diesen Eindruck könnte man kommen, wenn man die Debatte in den letzten Jahren verfolgt hat. Schliesslich gab es so viele Artikel von Leuten, die sich über diesen Trend aufregten, dass man hätte meinen können, es gäbe inzwischen eine Busse für alle, die noch das generische Maskulinum verwenden. Was natürlich nicht stimmt.

Was mich also so aufreibt an dieser Debatte ist, dass wir wegen dieses Backlashs ständig über das «Gendern» reden müssen, und so eine aufgebauschte Stellvertreter-Diskussion entsteht, die von anderem ablenkt.

Zum Beispiel ist es ja etwas absurd, dass ich heute eingeladen wurde, um über die «Macht der Sprache» zu reden, wenn die vielleicht fünf mächtigsten Menschen im Schweizer Journalismus – die Verleger der grössten Medienhäuser, die nach mir auf der Bühne stehen werden – alles Männer sind. Darüber möchte ich gerne reden.

Oder darüber, dass wir laut der Schriftstellerin Rebecca Solnit immer noch in einer Welt leben, in der das Recht zu sprechen, wie das Recht gehört zu werten, für Männer und Frauen ungleich verteilt ist.

Aber wie gesagt: Ob Sie jetzt das Binnen-I verwenden oder nicht, dazu habe ich keine starke Meinung. Ich verstehe sogar, wenn Sie die Lösung mit dem Stern etwas hässlich finden. Ich weiss ja selbst nicht, ob ich die Lösungen jetzt super ästhetisch finde – aber aufgrund der genannten Punkte purzelt die Ästhetik in meiner Prioritätenliste einfach nach hinten.

Und noch eine Sache zur Kritik, das Gendern würde die Sprache verhunzen. Dieses Argument überzeugt mich wenig, da Sprache doch immer im Wandel ist – und ich sogar froh bin, dass ich nicht mehr schreibe wie Klopstock, der 1750 Sätze formulierte wie: «Von des schimmernden Sees Traubengestaden her.»

Finde ich also, dass Sie geschlechtergerechte Sprache verwenden sollten – auf eine Art, wie es Ihnen sinnvoll erscheint? Klar. Finde ich, dass es wichtigere Themen gibt? Auf jeden Fall. Sehe ich es als grosses feministisches Statement, wenn jemand schreibt «Bundesrätinnen und Bundesräte»? Nein. Mein Ansatz ist einfach: Just do it, aber erwarten Sie sich auch nicht zu viel davon.

Dieser Text ist eine gekürzte Version einer Rede, welche die Autorin am Swiss Media Forum gehalten hat.

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