Es war einmal
Ballonspringen, Mob-Fussball und Weinschleudern: Diese skurrilen Sportarten sind nicht ganz zu Unrecht in Vergessenheit geraten

Wie bei den Olympischen Spielen tauchten in der Menschheitsgeschichte auch immer wieder neue Sportarten auf und verschwanden wieder vom kollektiven Bewusstsein. Eine Liste der lustigsten und bizarrsten Sportarten von früher.

Gülpinar Günes
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Fünf neue Sportarten sind in Tokio zum ersten Mal olympisch und ein Ende dieser immer länger werdenden Liste an sportlichen Wettkämpfen ist nicht abzusehen. Denn der Mensch ist äusserst erfinderisch, was das Erfinden von «Sportarten» anbelangt, das zeigt ein Blick in die Vergangenheit. Die meisten haben es zwar, aus guten Gründen, nicht an die Olympischen Spiele, wohl aber in die «Enzyklopädie der vergessenen Sportarten» von Edward Brooke-Hitching geschafft.

Inhaltsverzeichnis

    Babyboxen

    Zwei Sechsjährige bei einem Boxkampf im Jahr 1939 an den «Navy Junior Boxing Championships» in den USA.

    Zwei Sechsjährige bei einem Boxkampf im Jahr 1939 an den «Navy Junior Boxing Championships» in den USA.

    Universal History Archive / Universal Images Group Editorial

    So nannten Journalisten den Sport, der 1919 in den USA entstanden ist. Die Idee dazu hatte ein ehemaliger US-Armee Sergeant, der als Boxtrainer an einer Marineakademie arbeitete. Mit dem «Navy Junior Boxing Program» rief er einen Trainingskurs im Vollkontaktboxen ins Leben, der die Söhne der dort dienenden Offiziere abhärten sollte.

    Webbs Zielgruppe waren dabei Jungs zwischen 5 und 11 Jahren. Sie trainierten wochenlang, um dann gegeneinander antreten zu können. In der Enzyklopädie heisst es: «Den Babyboxern wurde auch verziehen, wenn sie durch einen Schlag auf die Nase den Mut verloren und anschliessend in die Arme ihrer Mütter flüchteten.»

    Ballonspringen

    Auch aus der US-Armee kam in den 1920er Jahren die Erfindung des Sprungballons: ein grosser Ballon, der mit Seilen an einer Bank befestigt wurde. Ursprünglich sollte er so den Mechanikern dazu dienen, die Aussenflächen von grossen Flugzeugen zu inspizieren. Doch der menschliche Spieltrieb erkannte schnell, dass sich damit allerhand anders anstellen liess. Etwa ballonhüpfend zur Arbeit zu «gehen» oder Wettkämpfe damit auszutragen.

    Denn die Ballone waren recht einfach zu bedienen: Angemacht an den Ballon, musste man nur in einen schwachen bis mittelstarken Wind springen. Das Gewicht des Piloten musste dabei stets höher sein als die Zugkraft des Ballons. Dieser war wahlweise mit Helium oder Wasserstoff gefüllt, wobei die Piloten Helium bevorzugten, da sie so während des Flugs rauchen konnten. Man träumte von einem neuen Freizeitsport mit Wettkampfpotenzial.

    Februar 1927: Ein Ballonspringer in London.

    Februar 1927: Ein Ballonspringer in London.

    Fox Photos / Hulton Archive

    Doch als sich die Schlagzeilen um Ballonpiloten häuften, die beispielsweise wegen Stromleitungen ums Leben kamen, nahm die Beliebtheit des Sportes wieder ab.

    Fuchsprellen

    Sportarten, die zum Leid von Tieren und zur Freude der Menschen ausgeführt wurden, gab und gibt es in der Menschheitsgeschichte viele. Fuchsprellen ist einer dieser Zeitvertreibe, der absurder kaum sein könnte. Er stammt aus dem 17. Jahrhundert und wurde vorwiegend an königlichen Höfen veranstaltet.

    Damen und Herren fanden sich dafür in einer Arena ein, «bewaffnet» mit einem langen Tuch – dem Prelltuch – an dessen Enden jeweils jemand stehen musste. Dann wurden Füchse in die Arena eingelassen, die ängstlich umherirrten. Wenn sie dabei auf das Tuch eines «Prellerpaars» sprangen, katapultierten die Spieler das Tier mehrmals bis zu 7 Meter hoch in die Luft und liessen es fallen, bis es schliesslich starb.

    Teil des Vergnügens sei es gewesen, den Tieren zuzuschauen, wie sie in der Luft versuchten, sich so zu drehen, dass sie auf den Pfoten landeten. Das Spiel gehe wahrscheinlich auf den Aberglauben zurück, dass Füchse Symbol des bösen Wintergeistes sind, heisst es in der Enzyklopädie.

    Kottabos

    So heisst ein Trinkwettstreit aus dem antiken Griechenland im 4. und 5. Jahrhundert vor Christus. Im Prinzip ging es dabei darum, Wein aus einem Becher in Schalen zu schleudern, die in einer gewissen Entfernung aufgestellt waren. Die besten Spieler seien ähnlich hochgeschätzt worden wie Speerwerfer, schreibt Edward Brooke-Hitching. Das Spiel sei im alten Griechenland weit verbreitet gewesen.

    Ein Archäologieprojekt einer Uni untersucht das Spiel Kottabos. So könnte es ausgesehen haben.

    Heather F. Sharpe/Youtube

    Mob-Fussball

    Der Mob-Fussball ist eine Urform des heutigen Fussballs, die im Mittelalters vor allem an religiösen Feiertagen gespielt wurde. Das Prinzip deckt sich mit dem heutigen Spiel: Der Ball muss ins Tor. Allerdings soll es damals noch keine Regeln gegeben haben. So war die Zahl der Teilnehmer nicht begrenzt und alles erlaubt, um den Ball ins gegnerische Tor zu schiessen.

    Das habe unter anderem zu schlachtartigen Szenen und Toten auf dem Feld geführt. Manche Könige hatten sogar die Teilnahme daran verboten und Kirchen drohten den Spielern mit der Exkommunikation. Ein Pater aus England soll geschrieben haben: «Es ist ein ziemlich garstiges Spiel, muss ich sagen, das selten ohne irgendein Unglück endet, vulgär, unwürdig und weniger lohnenswert als irgendein anderes Spiel.»

    Hat das Ganze vielleicht etwa so ausgesehen?

    Ski-Ballett

    Das ist im Grunde Eislaufen auf Skiern mit Musik und schrillen Kostümen. Ski-Ballet, auch genannt Schneetanz oder Acroski, ist eine Unterkategorie des Freestyle-Skiing und erlangte zwischen den 1960ern und 2000ern grosse Beliebtheit. Es verband Figuren des Eiskunstlaufs, des klassischen Balletts und der Sportgymnastik aus Skiern in einer einzige Choreografie mit Sprüngen, Drehungen und Überschlägen. Zu Spitzenzeiten gehörten glitzernde Kostüme genauso zur Darbietung wie Lichteffekte oder Konfettiregen.

    Hermann Reitberger am Ski-Ballett Finale der Herren an den Olympischen Spielen in Calgary in 1988.

    raycyr/Youtube

    1988 wurde Ski-Ballett sogar als Demonstrationssportart bei den Olympischen Winterspielen in Calgary aufgeführt. Es schaffte es allerdings nie in die offiziellen Winterspiele und mit den zunehmenden Regulierungen am Sport verloren die Fans schliesslich das Interesse.

    Telefonzellenstopfen

    In den 1950er Jahren behauptete eine Gruppe südafrikanischer Studenten, einen Weltrekord aufgestellt zu haben, indem sie 25 Personen in eine Telefonzelle gestopft hatte. Kurz darauf wollten Studenten auf der ganzen Welt diesen Rekord brechen und begannen selbst mit dem sogenannten «Sport». Dabei zählte eine Person, sobald mehr als die Hälfte ihres Körpers in der Zelle war.

    Den Rekord aus Südafrika konnte allerdings niemand brechen – am nächsten aber kam ein kalifornisches College, das 1959 insgesamt 22 Studentinnen in eine Zelle brachte. Auf den Trend folgte eine Welle von weiteren «Stopf-Aktionen», wie beispielsweise in Autos oder in Plumpsklos bis sie dann abklang.

    *Buch: Edward Brooke-Hitching, «Enzyklopädie der vergessenen Sportarten»

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