Sex und Moral
Erst Übermut, dann Melancholie – Sex ist «etwas kompliziert»

Nichts hat in den letzten dreissig Jahren derart zugenommen wie fehlender Inhalt. Kein Schmonzes mehr um Bedeutung, jeder Effort geht in die Verpackung. «Lesen Sie die Packungsbeilage» – dieser Universalstecker von Satz gilt drum heute auch beim Sex.

Max Dohner
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Es ist nicht Prüderie, was heute um stimmungslose Häuser schleicht.

Es ist nicht Prüderie, was heute um stimmungslose Häuser schleicht.

BAG

Gerade beim Sex wurden die meisten Dinge hygienisch eingeschweisst und haben an Volumen, nicht an Bedeutung gewonnen. Folgerichtig befiel Eros die Schwindsucht; obdachlos streift er am Rand der Moderne umher. Dafür blähte sich alles andere. Jeder Pfupf war nun «geil», Sex überall feil: in der Luxusboutique, im «M-Budget»-Regal, am Tankstellen-Shop. Die Flatrate, erfunden fürs Handy, galt schon am Tag danach auch im Puff.

Aber die Jugend will mehr, unsere sensible Jugend fragt: «Wo streamsch gratis Sex, Monn?» Alle Welt hat vergessen, dass für Sex mehr vonnöten ist als ein Passwort: «Sesam, öffne dich» – ein Zauberwort. Alle Welt hat vergessen, dass mitunter tatsächlich Zauber darin liegt. Etwas ... wie Gnade. «Lass die Verarsche, Monn – du meinsch Gnadenbrot.» Gnade trägt ein Paar fort, als wäre alles sonst Illusion, um es in ein gesteigertes Leben zu tauchen, nicht auf ewig, zu berühren mit dem unbestimmbaren Atem der Welt.

Zwei Wege führen dahin – sorry, kein dritter, vor allem kein Mittelweg: Entweder glückt Sex in aller Form, wirkt so frisch und keusch, dass jede Schweinerei sich in Unschuld wäscht. Oder dann illuminiert unkeusche Andacht die Sinne bei gregorianischem Choral. Also Lotterbett oder Klostergruft.

Dass Schwestern und Brüder sich mit Entsagung kasteien, um Gott zu erfahren, ist schon richtig. Genauso klappt das jedoch mit dem gegenteiligen Exerzitium, mit Engelssünde. Natürlich steckt da der Teufel drin, auch stete Qual. Schlauberger predigen drum beides – sich mit Sex «zu reinigen» fürs Paradies: west-östliche Sektengurus über Inka-Kaziken bis zu Charlie Manson und «Vatti» im Emmental.

Leider steckt zu oft beides drin, Segen und Fluch, selbst das nur halb: bloss verheissener Segen, erst angedrohter Fluch. Im Sex offenbart sich gerade so viel, um nach einer goldenen Ernüchterung zu hoffen und zu lächeln – oder zu grübeln und zu hadern. Entweder packt uns Übermut oder Melancholie, sitzt am Bettrand das berühmte «Animal triste». Wir kommen blutjung aus dem Abenteuer raus – oder steinalt.

Das darf man auch mal laut sagen

So setzt das Elementarste, das den Menschen erfassen könnte, ihn auch dem Mehrdeutigsten aus, das Naturhafteste dem Künstlichsten. Endlos eifern, regeln, seelenklempnern wir dran rum – aber wir spalten, trennen, ordnen es nicht. Niemals werden wir aus Laken klug. Die innerste Sphäre der Scham, die Gott sei Dank heute noch die Intimität der meisten Paare umhüllt, ist nicht moralischer Natur, sondern Zurückhaltung, weil man keine Ahnung hat, was genau vorgefallen war.

Sex bleibt «e bisserl kompliziert». Das darf man auch mal laut sagen, nachdem fünfzig Jahre «Befreiung» an uns ausprobiert worden sind: Sitten lockern, Sitten «neu definieren», Libido à la Tantra dosieren, oder à la Hexe und Satyr fauchen lassen, Libido «einbinden», dann über die Schnur hauen –, als sei alles ohne Sinn, gehorche höchstens einer Art Jazzrhythmus: dem auf und ab wallenden Brausen im ansonsten gleichgültigen Takt der Zeit.

Die Nacktkünstlerin Milo Moiré provoziert auch während der diesjährigen Art Basel.
8 Bilder
Auf dem Barfi hat sie eine Kamera installiert.
Jeder konnte ein Selfie mit der Nackten schiessen.
Auch Frauen waren an der Aktion interessiert.
Nicht nur die Künstlerin beweist Mut, auch die Passanten brauchten wohl etwas Überwindung.
Milo Moiré provoziert mit Nackt-Selfies
«Sie hatte nur noch Schuhe an ...»
Zur Erinnerung: So lief Milo Moiré letztes Jahr während der Art in Basel herum.

Die Nacktkünstlerin Milo Moiré provoziert auch während der diesjährigen Art Basel.

Keystone

Vermutlich ist es so. Und alle Kasteiung umsonst, auch jede Raserei. Sex – das sind tausend Chamäleons. Sex kann ständig die Farbe wechseln. Und seine fiesen Tricks, die Art der Verführung, die Maskerade. Kann ständig den Ernst der Lage verkennen, aus Jux und Spiel dann plötzlich ein Drama machen.

Uschi Obermeier

Darum bleibt der Umgang der Gesellschaft mit Sex furchtsam, abergläubisch, schizoid. Denn sie kichern immer noch ... Gelegentlich wabert irgendwas von «Befreiung» durch die Reihen, Wolken fröhlichen Gifts: 1968 eingeflösst durch Uschi Obermeier in der K1, nochmals rabiat aufgemischt während der Achtziger im «Studio 54» von New York. Da aber wurde der Kater schon gespenstisch, wegen Aids.

Seither verschiebt man sich eher wieder retour, auf die Ofenbank, um den Hintern bloss noch anzuwärmen, mit dem Risiko, dass er auf Sparflamme bald noch vollends auf Grundeis läuft. Die Sache scheint den Leuten wieder irgendwie «zu heiss». Lieber «cooler» Sex, was heisst: So zu tun als ob, genügt. Lieber diversifizierte Kost: hier Blümchennummer nach «langen Gesprächen bei Candlelight», dort duftkerzenfreie Pornografie.

Hören manche Leute, der Tag sei nahe, da Zeugung keinen Sex mehr braucht, seufzen sie auf: asexuell, welche Wohltat! Endlich herrscht Ruhe im Wellnessland. Nur schmutzige Sansculottes, so lautet der Konsens der korrekt aufgeklärten Gesellschaft, greifen direkt rein in die Glut. Die postbürgerliche Anstandsschickeria, die heute den Ton angibt, steif vor Liberalität, weist jeden Vorwurf entrüstet von sich, sie etabliere eine neue Prüderie: «Also bitte, man gondelte doch einst mit dem Döschwo nach Südfrankreich und wusste noch nix von GPS und der Pille danach.»

Und die Noblesse hat wohl recht.

Es ist nicht Prüderie, was heute um stimmungslose Häuser schleicht. Vermutlich ist es Bammel vor dem Sprung. Sex ist und bleibt ein Wagnis. Tolles Risiko, fürchterlicher Hasard: Eine Luke öffnet sich, gähnender Himmel, Wind rauscht um die Ohren: Innen spürt man, man wäre völlig schwerelos, aussen sieht man, null Fallschirm. Das ist Liebe vor Sex oder Sex vor Liebe, nicht einmal das weiss man genau ...

Hass auf das Mehrdeutige

Inzwischen springt man eher nicht. Und hasst alles, was einem vor die berauschende Luke schiebt. Hasst das Mehrdeutige an der Lage zwischen Wolkendrift und Sturz. Hasst jeden, der ans Mehrdeutige rührt, vom Mehrdeutigen spricht, hasst die drei Buchstaben SEX, die so rasch zerfallen in tausendfache Mehrdeutigkeit ...

Nein, es ist keine Prüderie. Eher Feigheit. Immer häufiger in eine glühende Spitze getrieben durch Hass. Und dieser Hass gegen alles Mehrdeutige, auch politisch, dieses Pochen auf ein «Recht der Eindeutigkeit» – er wächst.