Spenden
Ein Batzen für das gute Gewissen: Was Spenden über uns aussagt

Vor Weihnachten unterstützen wir gerne andere mit Geld. Die Gründe für eine Spende sind so unterschiedlich wie die verschiedenen Spendertypen.

Silvia Schaub
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Vier Mal die Höhe des Zürcher Prime Towers wäre der Dollar-Turm von Mark Zuckerberg, wenn er seine Spende in 100-Dollar-Scheinen auf-einanderstapeln würde. Die Summe: 45 Milliarden Dollar. Sie wirkt noch eine Spur gigantischer, wenn man sie ausschreibt: 45 000 000 000. So viel – 99 Prozent seines Vermögens – will der Facebook-Gründer über die nächsten Jahre für wohltätige Zwecke spenden.

Nicht nur Zuckerberg und andere Prominente sind eifrige Spender, auch wir Schweizerinnen und Schweizer gehören zu den grosszügigsten Geldgebern, wenn es darum geht, ein Zeichen der Solidarität zu setzen und weniger Bemittelten zu helfen. Das Spendenvolumen der Schweizer wird auf 1,7 Milliarden Franken jährlich geschätzt. In den vergangenen zwölf Monaten sollen laut einer Umfrage von Demoscope im Auftrag der Stiftung Zewo in der Schweiz 72 Prozent der 15- bis 75-Jährigen einem Hilfswerk Geld gespendet haben. Weitere neun Prozent können sich vorstellen, in den nächsten zwölf Monaten zu spenden. Nur 15 Prozent spenden gar nicht. Einzig die Irländer und Briten mit 74 Prozent sind noch spendabler.

Die Spendertypen

Der praktische Spender
Auch wenn das Geld bei ihm nicht so locker sitzt, will er spenden. Deshalb gibt er lieber Sachspenden, zum Beispiel Altkleider oder ausgediente Spielsachen oder Werkzeuge. Oder er hilft als Begleiter älteren Menschen und stellt sich als Aufgabenhilfe für Kinder aus sozial schwachen Familien zur Verfügung.

Der patriotische Spender
Für ihn gibt es allein schon in der Schweiz genug Armut und Unterstützungsmöglichkeiten. Deshalb konzentriert er sich bei der Spendenvergabe nur auf Schweizer Institutionen. Er hilft Behinderten, Jugendlichen und dem Tier- und Umweltschutz.

Der nachhaltige Spender
Er spendet nur dann, wenn seine Spende in mehrfacher Hinsicht Sinn macht. Sie soll nachhaltig sein und für konkrete Projekte eingesetzt werden. Deshalb verschenkt er handwerklich gefertigte Produkte oder solche aus fairem Handel von gemeinnützigen Institutionen, weil er damit gleichzeitig auch diese unterstützt. Oder er spendet für Patenschaften für ein Kind aus der Dritten Welt oder ein Bauprojekt in den Schweizer Bergen.

Der bequeme Spender
Spenden muss einfach und unkompliziert ablaufen und ihm so wenig Aufwand wie möglich bescheren. Deshalb findet er es am bequemsten, wenn seine Spende gleich durch den Mobilnetzanbieter eingezogen und der Monatsrechnung belastet wird.

Der spontane Spender
Irgendwo auf der Welt gibt es immer eine Katastrophe, die ihn betroffen macht. Der aktuellste Spendenaufruf ist für ihn deshalb immer auch der wichtigste. Dafür hat er immer einen Batzen übrig.

Der offensive Spender
Wenn er Gutes tut, will er, dass es möglichst die ganze Welt mitbekommt. Deshalb ist er stets darauf bedacht, dass seine (grosszügige) Spende publizistisch begleitet wird und irgendwo sein Name auftaucht.

Der egoistische Spender
Eigentlich ist ihm gar nicht so ums Spenden. Lieber gibt er sein Geld für anderes aus. Doch dann meldet sich sein schlechtes Gewissen. Um dieses zu beruhigen, spendet er mal hier, mal dort – und wird deshalb von unzähligen Hilfsorganisationen angeschrieben.

Glasbox-Happening

Wie könnte man sich auch in diesen Tagen dem Spenden entziehen, flattern doch derzeit Dutzende von Bettelbriefen ins Haus. Manche locken mit kleinen Geschenken wie Kalendern, Büchlein oder Karten. Andere appellieren direkt ans Gewissen, wie etwa Caritas, die ihren Einzahlungsschein zwischen zwei Papier-Brotscheiben steckt. Mit dem wie echt aussehenden Sandwich wollen sie Geld für arme Familien in der Schweiz sammeln. Am Computer-Bildschirm poppen Spenden-Fenster auf, wenn man eine Website anklickt, auf der Strasse versperren junge Fundraiser, die zu humanitären Spenden aufrufen, den Weg. Auch die lieblichen Weihnachtsklänge am Fernseher aus den Kehlen der Schweizer Lieblingssänger im Migros-Werbespot lassen die Seele nicht kalt – und vor allem wenn am Schluss Francine Jordi, Luca Hänni und Jaël zum Spenden auffordern. Und erst recht die Aktion «Jeder Rappen zählt», die inzwischen wie ein nationales Happening auf dem Bundeshausplatz rund um die Glasbox inszeniert wird.

Das ist alles kein Zufall: Die Vorweihnachtszeit ist die Erntezeit im Spendenbereich. Dann sitzt das Portemonnaie bei den Leuten besonders locker. «Wir sind dann grundsätzlich in einer Dankeshaltung, weil wir im Jahresrückblick sehen, dass es uns gut gegangen ist», sagt Georg von Schnurbein. Er ist Leiter des Center for Philanthropy Studies in Basel und beschäftigt sich intensiv mit diesem Thema.

Deshalb weiss er auch genau, weshalb wir spenden. Mit Altruismus hat das heute wenig zu tun. Wir geben schliesslich von unserem Überfluss. Aber: Geben gibt – und zwar ein gutes Gefühl. Denn der Mensch kann Ungleichheiten nicht gut ertragen. Und so ist beim Geben immer auch ein Gewinn dabei. Einerseits ist da zwar ein materieller Verlust, weil man Geld spendet, ohne unmittelbar etwas zurückzuerhalten. «Dem steht aber ein sozialer und emotionaler Nutzen gegenüber.» Spenden beruhe genau auf dieser Reziprozität: Ich helfe in der Erwartung, dass mir auch geholfen wird, wenn ich mal Hilfe brauche. Das ist für von Schnurbein übrigens auch ein wichtiges Indiz für eine gut funktionierende Gesellschaft.

Schneller Warm-glow-Effekt

Man könnte den Betroffenen freilich auch direkt helfen, spendet aber doch meistens einfach Geld. «Es ist eben einfacher», so von Schnurbein. Vor allem aber: «Es setzt ein schneller Warm-glow-Effekt ein.» Eine wohlige Wärme, ein angenehmes Gefühl beim Zeitpunkt der Überweisung. «Helper High» nennt er es auch. Nur ein Drittel der Menschen engagiert sich direkt. «Zeit ist heute wertvoller als das Geld.»

Ein wichtiger Grund, weshalb wir spenden, ist die Wahlfreiheit, die wir dabei haben. Während wir als Steuerzahler beim Staat oft wenig Einfluss haben, wie unser Geld eingesetzt wird, können wir hier selbst entscheiden, wer eine Spende erhält und wie hoch diese sein soll. Dabei spielt übrigens das persönliche Budget weniger eine Rolle. Es spenden nicht nur die Superreichen. Zwar hat eine Untersuchung ergeben, dass tendenziell solche mit höherem Einkommen mehr Geld ausgeben. Relativ gesehen, geben aber ärmere Menschen mehr Spenden im Vergleich zu ihrem Einkommen. Besonders spendabel sind ältere Menschen und Protestanten.

Gezielt spenden

Deshalb ist es auch wichtig, dass man richtig spendet. Wie man das macht, kann man zum Beispiel bei der Stiftung Zewo erfahren. Generell macht es Sinn, zuerst den Themenbereich genau auszusuchen, dann zwei bis drei Institutionen und deren Projekte anzuschauen und als Letztes gezielt eine Institution auszuwählen, der man spenden will. Es ist nicht sinnvoll, viele kleine Einzelspenden zu machen, weil das für die Organisationen teurer ist und man in der Folge immer als aktiver Spender angeschrieben wird. Lieber spendet man 100 Franken an eine Organisation als je 20 Franken an fünf.

Letztlich zählen aber der Wille und der Wunsch, anderen etwas Gutes zu tun – egal, welcher Spendentyp man auch ist und welches Budget man hat.

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