Beeinträchtigung
Drei berührende Familiengeschichten über das Aufwachsen mit Brüdern, die etwas anders sind

Wie sehr es Schwestern und Brüder prägt, mit einem Geschwister mit Beeinträchtigung aufzuwachsen, zeigt ein neuer Dok-Film.

Janine Gloor
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Franziska und Deborah Elmer mit ihrem Bruder Beni.

Franziska und Deborah Elmer mit ihrem Bruder Beni.

Voltafilm

Irgendwann hört Franziska Elmer auf, Besuch vorzuwarnen. Als Teenager hat sie Gäste jeweils darauf hingewiesen, dass ihr Bruder Beni speziell sei. Doch irgendwann fand sie: «Beni ist so, wie er ist.» Für ihren Bruder, der seit Geburt mit einer geistigen Beeinträchtigung lebt, braucht es keine Entschuldigung und keine Vorwarnung. Auch wenn er als Kind vielleicht lauter war oder Aussenstehende ihn nicht verstanden.

Franziska und ihre Schwester Deborah Elmer erlebten das Aufwachsen mit Beni als Normalfall. Und trotzdem war bei ihnen zu Hause vieles etwas anders. Beni Elmer hat seine beiden Schwestern geprägt und auch gefordert. Denn die Geschwister von Kindern mit Beeinträchtigung lernen früh, Verantwortung zu übernehmen, die Eltern zu unterstützen und eigene Bedürfnisse zurückzustellen.

Heldinnen und Helden im Hintergrund

Der SRF-Dokumentarfilm «Unsere besonderen Brüder» widmet sich diesen speziellen Geschwisterbeziehungen. «Es gibt viele Filme und Geschichten über Menschen mit Beeinträchtigung, aber von den Geschwistern wird wenig gesprochen», sagt die Regisseurin Romana Lanfranconi. «Einmal sollen diese Brüder und Schwestern die Helden und Heldinnen sein.»

Die Rolle der erwachsenen Geschwister

Lanfranconi hat schon andere Filmprojekte mit und über Menschen mit einer Beeinträchtigung gemacht, zuletzt mit Kindern. Für ihren neusten Dokumentarfilm wollte sie die Perspektive der erwachsenen Geschwister zeigen. «Ich suchte nach Brüdern und Schwestern, die sich intensiv mit ihrer Rolle auseinandersetzen mussten, weil eine Veränderung in ihrem oder im Leben der Geschwister bevorstand.»

Die Geschwister Elmer bei der Wohnungssuche für Beni

Die Geschwister Elmer bei der Wohnungssuche für Beni

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Die Elmer-Geschwister, alle um die dreissig, sind die Jüngsten im Film. Die Schwestern unterstützen Beni, sind via Whatsapp-Chat immer für ihn erreichbar. Beni Elmer möchte aus seiner betreuten Wohngemeinschaft ausziehen und allein wohnen. Er ist ein feinfühliger junger Mann, kommunikativ, Fussballfan und arbeitet Vollzeit in einer Stiftung. Der Drang des Bruders nach Eigenständigkeit ist gross, die Sorgen der Schwestern auch.

Sie hoffen, dass Beni mit den neuen Herausforderungen, zum Beispiel mit einem Haushaltsbudget, klarkommen wird. Beni Elmer bewegt sich selbstsicher im täglichen Leben, ist aber oft etwas arglos und hat nicht den gleichen Weitblick wie die Schwestern. Geduldig und mit Humor zeigen sie ihm, wie er in einer Budget-App seine Ausgaben eintragen kann. Für Franziska und Deborah Elmer ist es ein Balanceakt. Sie wollen ihren Bruder unterstützen und schützen. Und sie möchten gleichzeitig, dass er ein möglichst eigenständiges Leben führen und eine Privatsphäre haben kann.

Auf einen Schlag war der Bruder nicht mehr da

Hubi und Killian Sigrist

Hubi und Killian Sigrist

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Eine andere Familie im Film ist diejenige von Hubi Sigrist, in der die Geschwister schon über 50 Jahre alt sind. Er lebt seit einem Unfall im Rollstuhl, ist schwer beeinträchtigt und kann nicht sprechen. Für seinen Bruder Kilian Sigrist war der Unfall ein Schock. Sein Bruder sei von einem Tag auf den anderen aus dem gemeinsamen Kinderzimmer verschwunden und nie mehr zurückgekommen. Die brüderliche Verbindung aber bleibt tief.

Kilian Sigrist bezieht ein Haus unweit des Wohnheims von Hubi, übernimmt die Beistandschaft, als es für die Mutter nicht mehr geht. Doch dann muss Hubi wegziehen in ein anderes Heim und für seinen Bruder beginnt ein langer Prozess der Veränderung, an dessen Ende er mit vielem bricht und nach einer neuen Rolle sucht.

Ein Bruder für lebenslänglich

Margrit Lin und ihr Bruder Richard

Margrit Lin und ihr Bruder Richard

CH Media

Die ältesten Protagonisten im Film sind Margrith Lin und ihr Bruder Richard, der knapp siebzig Jahre alt ist. Margrith Lin hat sich mit ihren Schwestern schon immer intensiv um ihren Bruder gekümmert, der als Kleinkind schwer erkrankte und sich davon nie erholt hatte. Er sei ein dreijähriger Junge im Körper eines 70-jährigen Mannes, sagt sie im Film, während ihr Bruder daneben beglückt schaukelt.

Nach ihrer Pensionierung hat die Professorin für Heilpäda­gogik die Lebensgeschichte von Richard in einem Buch festgehalten. Der Film begleitet sie beim Entstehungsprozess dieses Erfahrungsberichts. «Ein Bruder lebenslänglich», heisst das Buch. Der Titel steht für die Verantwortung, die den Angehörigen ein Leben lang bleibt. Lin schreibt in ihrem Buch als Schwester und als Fachfrau auch vom Umgang mit den Behörden und dem Wandel, der die Gesellschaft im Verhältnis mit behinderten Personen erlebt hat.

Ein Leben im Schatten der besonderen Brüder

Bei den Dreharbeiten ist Romana Lanfranconi aufgefallen, dass sich diese Geschwister nicht gewöhnt sind, im Mittelpunkt zu stehen. So wollten die Schwestern von Beni Elmer zuerst nur mitmachen, um ihrem Bruder, der von Anfang an von der Idee eines Films begeistert war, einen Gefallen zu tun. Es brauchte dann einiges an Überzeugungsarbeit der Regisseurin, bis die jungen Frauen bereit waren, sich selber ins Zentrum zu rücken.

Jetzt, nachdem alles abgedreht und der Film kurz vor der Veröffentlichung ist, sind Franziska und Deborah Elmer froh, mitgemacht zu haben. Und hoffen, dass der Film dazu beitragen wird, beeinträchtigte Menschen in der Gesellschaft sichtbarer zu machen. Auch wenn sie das Wort beeinträchtigt nicht mögen. «Und behindert schon gar nicht», sagt Deborah Elmer. Ihr Bruder verdient Geld und trage zur Gesellschaft bei. Romana Lanfranconi will mit ihrem Film zeigen, wie nahe bei den Geschwistern von «besonderen Brüdern» grosse Freunde, aber auch Trauer liegen können. Und dass solche Geschwister viel Verantwortung, aber auch eine grosse Bereicherung bedeuten.

Ausstrahlung am 17.12. um 20.05 auf SRF 1.