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Corona-Krise ist die Zeit der Cabrios: Wir haben den 718 Spyder von Porsche getestet

Zwischenhalt auf dem Ofenpass: Der Porsche 718 Spyder unterscheidet sich durch zwei Höcker auf dem Heckdeckel vom «normalen» Boxster.

Zwischenhalt auf dem Ofenpass: Der Porsche 718 Spyder unterscheidet sich durch zwei Höcker auf dem Heckdeckel vom «normalen» Boxster.

Mit Ausflügen sollte man diesen Frühling zurückhaltend sein. Es sei denn, man hat ein Cabrio.

Oftmals fehlt es modernen ­Cabrios an einer klaren Linie. Nicht, wenn es um die Optik geht, sondern bei der Frage, ob man das Auto nun mit offenem oder mit geschlossenem Verdeck fahren soll.

Denn ein Cabrio – das ist heutzutage eher ein Coupé mit zusätzlichem Frischluftpotenzial. Das geschlossene Verdeck ist auf jeden Fall und zu jeder Jahreszeit dicht. Zudem lässt sich das Dach bequem per Knopfdruck binnen Sekunden öffnen und schliessen – selbst während der Fahrt. Sitz- und ­Nackenheizung und elektrisch betätigte Windabweiser helfen darüber hinaus, das Cabrio-­Erlebnis zu dosieren.

Als Fahrer braucht man sich also kaum mehr zum Offenfahren zu bekennen – man geniesst Frischluft fein dosiert und lässt sich von der Technik verwöhnen. Nachteile muss man beim Cabrio kaum mehr in Kauf nehmen. Das ist zwar angenehm, nimmt dem Cabriofahren aber auch ein grosses Stück Romantik.

Mit dem 718 Spyder will ­Porsche wieder das puristische Cabrio-Feeling auf die Strasse bringen. Auf den ersten Blick ist der Spyder nicht mehr als ein Boxster, der anstelle des üblichen, elektrisch bewegten Verdecks eine leichte Stoffmütze verpasst erhielt, die man nur per Hand öffnen und schliessen kann. Ausgerechnet beim teuersten Modell der Baureihe muss man also selbst arbeiten für sein Glück unter freiem Himmel. Dafür wird vielleicht nicht jeder Porsche-Kunde Verständnis aufbringen – die Enthusiasten aber umso mehr. Denn damit wird das Offenfahren wieder zur bewusst gewählten Freude – und ist nicht mehr bloss eine Unverbindlichkeit, die sich per Knopfdruck jederzeit rückgängig machen liesse.

Das Verdeck wird von Hand aufgesetzt.

Das Verdeck wird von Hand aufgesetzt.

Wer die Handgriffe ein paar Mal geübt hat, faltet das Stoffdach in gut 30 Sekunden hinter den Sitzen zusammen und ist bereit für ein einzigartiges ­Cabrio-Erlebnis.

Klassische Technik, modern angerichtet

Natürlich muss man bei diesem Auto das Verdeck beschreiben –weil ein händisch zu betätigendes Stoffdach, zumindest in dieser Preisklasse, einzigartig ist. Versteckter, aber genauso einzigartig und mindestens genauso stark am puristischen Fahrerlebnis beteiligt ist der Motor im 718 Spyder.

Nachdem Porsche den ­Boxster 2016 auf Vierzylinder-­Motor umgestellt hatte, ist der Spyder der grosse Rückkehrer: Er darf seine Kraft wieder in sechs Brennräumen erzeugen. Dabei kommt ein komplett neu entwickelter Motor zum Einsatz; ein reiner Saugmotor, ohne Turboaufladung. Das passt perfekt zum puristischen Roadster und ist heutzutage ebenfalls eine Seltenheit.

Damit der neue Sechszylinder mit vier Liter Hubraum trotzdem die geltenden Gesetze einhält, ist er mit Partikelfiltern ausgestattet. Hinzu kommt eine Zylinderabschaltung, die bei konstanter Fahrt jeweils eine Zylinderbank abschaltet. Nach 20 Sekunden wird die jeweils andere Bank abgeschaltet, sodass die Katalysatoren warm bleiben und die Abgase vorschriftsgemäss gereinigt werden.

So liegt der Verbrauch laut Werk bei 10,9 l/100 km. Bei konstanter Fahrt auf der Autobahn sind rund 9 l/100 km möglich, im Stadtverkehr oder bei einer zügigen Passfahrt deutlich mehr. Das Mittel lag im Test bei 11,4 l/100 km. Das ist nicht wenig, für einen Sportwagen mit 420 PS aber akzeptabel – zumal es sich um ein Auto handelt, das kaum jemand für tägliche Besorgungen einsetzt.

Viel eher ist der Spyder ein Auto für besondere Gelegenheiten. Die müssen nicht zwingend nur im Sommer sein – eine Pässe­tour im Engadin bei winterlichen Verhältnissen bringt die Talente des sportlichen Zweiplätzers perfekt zur Geltung.

Gesittet auf der Autobahn

Den Weg den Bergen entgegen auf der Autobahn meistert der 718 Spyder mit Würde. Es gibt bestimmt Autos, die komforta­bler federn. Und ganz bestimmt Autos, die den Insassen mehr Ruhe schenken – das Stoffverdeck schliesst zwar dicht, doch wurden Isolationsschichten entfernt, sodass es vor allem in Tunnels hörbar lauter wird. Doch ein paar Stunden auf der Autobahn sind im Spyder durchaus gut auszuhalten – auch dank der überraschend bequemen Vollschalensitze und der Vorfreude auf die kurvigen Strecken im Engadin.

Sachlich schlicht: Das Cockpit.

Sachlich schlicht: Das Cockpit.

Nach der Autobahn-Abfahrt in Chur ein erster planmässiger Stopp. Das Verdeck muss runter, denn die Sonne scheint, und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt sind mit Jacke und Mütze gut verkraftbar.

Es folgen die ersten Kurven, hinauf Richtung Lenzerheide. Was sofort auffällt: Selbst auf Winterreifen fühlt sich der rund 1400 kg leichte Zwei­plätzer enorm präzis an. Jede Lenkradbewegung wird direkt umgesetzt, der Wagen dreht sich spielerisch um den mittig montierten Motor.

Zahlreiche Fahrwerk-Komponenten übernimmt der Spyder direkt vom rennsportnahen 911 GT3, so auch die Brems­anlage, die auf dem Weg nach unten Richtung Tiefencastel zuverlässig verzögert.

Weiter geht die Fahrt dem Marmorera-Stausee entlang ­hinauf auf den Julierpass. Die 2284 Meter über Meer machen dem Saugmotor nicht viel aus. Er dreht spielerisch bei ­Bedarf bis zu 8000 Umdrehungen und wirkt hellwach. Geschaltet wird, passenderweise, über ein knackiges 6-Gang-­Hand­schalt­getriebe. Allerdings ­wirken die Gänge, gemessen an hiesigen Tempolimits, etwas lang übersetzt, was wiederum einen tieferen Verbrauch begünstigt.

So wirkt der 718 Spyder auf Passstrassen meist eher unterfordert: Er könnte höher drehen, schneller beschleunigen und ohne Probleme auch deutlich flotter kurven.

Doch – und das ist wohl die grösste Stärke an diesem Auto –der Spyder fasziniert trotzdem. Weil er Fahrer und Beifahrer erleben lässt, wie die Technik arbeitet. Weil er ein Gefühl von Verbundenheit mit Wetter und Natur schafft. Und weil er eben nicht nur verwöhnt, sondern auch fordert.

Zwar sollten grosse Cabrio-­Touren im Moment vermieden werden. Wer sich aber einen mindestens 123400 Franken teuren Porsche 718 Spyder in die Garage stellen kann, ­könnte die Zeit zu Hause gut nutzen, um abenteuerliche Routen für den kommenden Sommer zu planen. Weil: Vorfreude ist ­bekanntlich die schönste Freude.

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