Der Rolls-Royce unter den Tattoos

Michael Schraner alias Mick ist einer der bekanntesten Tätowierer der Schweiz. Für seine asiatisch inspirierten Drachen und Dämonen reisen Fans aus der ganzen Welt zu ihm ins Appenzellerland.

Melissa Müller
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Tattoo-Künstler Mick Schraner in seinem Rehetobler Studio voller Kuriositäten. Unten ein paar seiner farbenprächtigen Werke. Der ehemalige Theatermaler und Japan-Kenner hat sich auf asiatische Sujets spezialisiert. (Bild: Bilder: Urs Bucher, PD)

Tattoo-Künstler Mick Schraner in seinem Rehetobler Studio voller Kuriositäten. Unten ein paar seiner farbenprächtigen Werke. Der ehemalige Theatermaler und Japan-Kenner hat sich auf asiatische Sujets spezialisiert. (Bild: Bilder: Urs Bucher, PD)

Überall fauchen Drachen im Studio von Mick Tattoo: An den Wänden, als Stoffmuster auf einem Kissen, auf den Vorhängen und auf dem Hemd von Michael Schraner, der sich einfach nur Mick nennt. Das ist kein Zufall: Der Zürcher tätowiert die Kreaturen wie kein zweiter. Seine Mischwesen aus Reptil, Raubtier und Vogel schlängeln sich tätowiert auf Rücken, Pobacken, sie winden sich um Beine und Brüste, als seien sie selbst aus Fleisch und Blut. «Beim Drachen habe ich die totale künstlerische Freiheit, weil er ein Fabeltier ist», sagt der 53-Jährige mit der lila Wollmütze und dem Pferdeschwänzchen. Seit fünf Jahren lebt und arbeitet er in einem 100-jährigen Haus am Dorfrand von Rehetobel im Appenzellerland, durch das ein Hauch von Hippietum weht.

«No depressing shit stories – just happy tattoos», steht auf seiner Visitenkarte. Wobei, etwas leidensfähig sollte schon sein, wer sich der Nadel des Meisters aussetzt. Mick sagt seinen Kunden auch mal, dass sie abnehmen sollen, bevor er Hand anlegt. Und wer ein Tattoo von ihm hat, sollte nicht zunehmen; «es ist schade, wenn ein Drache in einem Speckröllchen verschwindet.» So gesehen, sei ein Tattoo ein «Weightwatcher».

Solche klaren Ansagen hindern Fans nicht, vom anderen Ende der Welt zu Schraner zu pilgern. Sie kommen etwa aus Chile, Las Vegas oder Mexiko. Denn Mick gilt als einer der weltbesten Tätowierer von asiatischen Sujets. Kürzlich flog ein junger Australier für drei Tage in die Schweiz, um sich von ihm einen Drachen stechen zu lassen. «Das ist schon schmeichelhaft», sagt Mick, der einst Theatermaler gelernt hat.

Ohne Führerschein und Instagram

In seinem Studio riecht es nach Zigarettenrauch, Kaffee und Räucherstäbchen. Vom Fenster aus sieht er manchmal einen Fuchs oder ein Reh am Waldrand. «Von der Natur hier sind meine Kunden aus Grossstädten wie Los Angeles hellbegeistert.» Er sammelt Schallplatten und Kuriositäten. Ein Wildschweinschädel steht neben indischen Gottheiten und dämonischen Masken. «Das Sammelsurium soll meine Kunden von den Schmerzen ablenken.» Mittendrin steht die schwarze Liege, auf der er die Menschen mit 40 ­verschiedenen Tätowiergeräten traktiert. Kunden sagen, Mick arbeite «enorm schnell», aber er gehe auch unzimperlich ans Werk. Zieht er seine langen, präzisen Linien, könne es höllisch weh tun.

Wie ist es ihm gelungen, einer der besten Tätowierer der Welt zu werden? «Chrampfe, chrampfe, chrampfe. Und du musst deine eigene Bildsprache finden.» Von seinem Können zeugen Fotos im Treppenhaus: Nackte Menschen mit Bildern wie aus einem Fantasy-Film. Dämonen und Liebesgöttinnen vereinen sich, ein Samurai zieht einen Tiger an der Leine. Das Raubtier wirkt so lebendig, als würde es gleich davonhechten.

Viele Ideen kommen Mick im Schlaf: Oft träumt er von Tattoos. Für Instagram und das Internet interessiert er sich nicht. Auch einen Führerschein hat er nicht – «die liebsten Menschen verwandeln sich in Teufel, wenn sie am Steuer sitzen.» Sein Haus ist mit dem Postauto gut erreichbar. Die teuren Mieten in Zürich zwangen Mick und seine Partnerin zum Wegzug. Das Landleben gefällt ihm: «Ich mag die Appenzeller Silvesterchläuse. Und ich kenne hier im Dorf mehr Leute als im Block in Zürich.» Auch seine Nachbarn suchen ihn auf, für diese tätowiert er ausnahmsweise mal einen Alpaufzug oder ein Appenzellerhaus, «aber nicht zu oft, das finde ich anstrengend».

In Japan sein Idol besucht

Am liebsten sind Mick die Rücken, «die schönste Leinwand, da muss man nicht noch Bauchnabel und Brustwarzen ins Bild einbeziehen». Daran, dass sich Menschen vor ihm ausziehen, musste er sich erst gewöhnen. «Man muss die richtige Mischung aus Nähe und Distanz finden, wenn man Haut berührt.» Platziert der Tattoo-Artist die Schablone mit der Zeichnung auf die Haut eines Kunden, ist da zuerst nur ein «Gnusch» von Linien. «Dann bringe ich Ordnung rein, indem ich als erstes den Hintergrund der Figuren ausgestalte. So kann ich sie plastisch wirken lassen», erklärt er die ­verblüffende 3D-Wirkung seiner Bilder. Seine Werke sind von den Tattoos der Yakuza inspiriert, der japanischen Gangster. Das japanische Tattoo sei der Rolls-Royce unter den Tätowierungen. «Ein Samurai oder eine Geisha würde sich aber niemals tätowieren lassen, das wäre unter ihrer Würde», sagt Mick, der das Land der aufgehenden Sonne mehrmals bereist hat. In Japan liess er sich von seinem Idol Hiroshi dem Dritten tätowieren. Seit Mick ein bisschen Japanisch versteht, habe dies aber manches entzaubert. «In Japan sagt eine Roboterstimme, wann man die Strasse überqueren darf.» Eine totale Bevormundung durch den Staat, «wie in einem schlechten Horrorfilm».

Gerade hat er ein Langzeitprojekt: Er arbeitet seit fünf Jahren an einem Kunden aus Chur, einem Künstler, der sich von ihm einen Bodysuit stechen lässt. Am Schluss wird sein ganzer Körper tätowiert sein. Das koste schon mal «so viel wie ein Klein­wagen».

Mick arbeitet in gebückter Haltung, tupft Blut weg. Je älter er werde, desto schwerer falle es ihm, sich lange zu konzentrieren, sagt der 53-Jährige. Das Augenlicht lässt etwas nach. «Das Tätowieren saugt alle Energie aus mir her­aus.» Zum Ausgleich geht er ins Museum, er mag Schweizer Kunst. Etwa von Markus Raetz und Franz Gertsch, der hyperrealistisch malt. Und er streift öfters über die Appenzeller Hügel – der weite Horizont entspannt seinen Geist. Und lässt die Seele über der Landschaft schweben wie einen Drachen.

Mick Schraner

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