Den Ärmel reingezogen - eine Liebeserklärung an die Puffärmel

Die Lust am gebauschten Ärmel reicht von der Renaissance bis in die Jetztzeit. Flügelärmel und Puffärmel feiern ein Comeback.

Helen Lagger
Merken
Drucken
Teilen
Puffärmel und Bustier für den Frühling bei Dolce & Gabbana. (Bild: Getty)
5 Bilder
XL-Ärmel in der aktuellen Kollektion von Alexander McQueen. (Bild: Getty)
Satinbänder und Puffärmel: die gruseligen Zwillinge im Film «The Shining» (1980). (Bild: PD)
1981: Dianas Hochzeitsrobe mit den spektakulär gebauschten Ärmeln. (Bild: Getty)
Überdimensionierte Ärmel: «Porträt einer Frau inspiriert von Lucretia», Lorenzo Lotto. (Bild: PD)

Puffärmel und Bustier für den Frühling bei Dolce & Gabbana. (Bild: Getty)

Mein Lieblingskleid durfte ich für den Kindergarten nur ausnahmsweise anziehen, weil der Fotograf kam. Ich beglückwünsche mein jüngeres Ich zu dieser Wahl, denn ich finde das Kleid noch heute top. Wegen der Flügelärmel.

Als in den 70er-Jahren geborenes Kind wurde man mit Puff- und Flügelärmeln sozialisiert. Das Hochzeitskleid der Tante wurde eingehend im Fotoalbum betrachtet. Sie tanzte in einem mit Puffärmelchen versehenen Satinkleid Polonaise. Satin und gebauschte Ärmel tragen auch die gruseligen Zwillinge in Stanely Kubricks Film «The Shining». Der Film von 1980 spielt zwar in den 20er-Jahren, doch die hellblauen Ballkleider atmen den Geist des Erscheinungsjahres.

Renaissance: Puffärmel so gross wie der Kopf

1981 erhob schliesslich Prinzessin Diana mit ihrer spektakulären Hochzeitsrobe des britischen Designerduos David und Elizabeth Emanuel die gebauschten Ärmel zum Nonplusultra. Elizabeth Emanuel sagte zwei Jahrzehnte später in einem Interview, das Kleid wäre heute nicht mehr tragbar.

«Die Robe ist ein echtes Kind der 80er-Jahre.»

Doch zum Glück kehrt Mode bekanntlich immer wieder. In den diesjährigen Frühlings- und Sommerkollektionen haben Flügel- und Puffärmel im Stil der 80er-Jahre einmal mehr ihren grossen Auftritt. Dabei gibt es aufgeblähte Ärmel schon viel länger, nämlich seit der Renaissance.

Im Gemälde «Porträt einer Frau als Lucretia» malte der manieristische Meister Lorenzo Lotto (1480–1557) Puffärmel so gross und rund wie den Kopf der Dargestellten. Überdimensionales war auch in der Biedermeierzeit angesagt.

Man sprach von so genannten Gigotärmeln nach dem französischen «Gigot» für «Hammelkeule».

Punkto Voluminosität können die Designerinnen und Designer der Jetztzeit locker mit dem Biedermeierzeit Schritt halten. Historisch und futuristisch zugleich kommen etwa die Kreationen von Olivier Rousteing für Balmain daher.

Für grosse Mädchen

Puffärmel richtig getragen können verspielt und romantisch daherkommen – aber niemals kleinmädchenhaft. Der Ärmel im XL-Format kann seiner Trägerin etwas Mächtiges und Exzentrisches verleihen. Allessandro Micheles Entwürfe für Gucci wirken kühl und kühn zugleich. Die Roben von Sarah Burton für Alexander McQueen erinnern in ihrer Kompaktheit an moderne Architektur.

Puffärmel als Bollwerk gegen alles Unerfreuliche?

Ein gekonntes Spiel mit Volumen findet man auch bei Alberta Feretti. Gebauschte Flügelärmel am ultrakurzen Rock lassen die Trägerin zum modischen Höhenflug abheben. Bei Dolce & Gabbana haben die mit kleinen runden Puffärmeln versehenen Kleider etwas unschuldig Ländliches. Das Motiv einer Kaktusblüte ziert Rock wie Ärmel, während das schwarze Bustier an ein bayerisches Dirndl denken lässt.

Einfach nur hübsch

Eins haben alle Puffärmel gemein: Sie sind Tand ohne Funktion, weshalb sie seit jeher Ausdruck von Status waren. Ist der Look deshalb untauglich im Alltag? Nicht unbedingt. Es gibt ja schliesslich nebst den Kleidern auch zahlreiche Blusen mit gebauschten Ärmeln die man bürotauglich mit Jeans kombinieren kann. Wer also seine Ärmel hochkrempeln mag – bitte schön. Wahre Puffärmelfrauen bevorzugen gemeinhin die Musse.