Pompös ist der 75. Jahrestag der alliierten Landung in der Normandie gefeiert worden. Ehrwürdige Kriegsveteranen stellten sich unter Applaus auf einer Bühne auf, zwei von ihnen sprangen wie anno 1944 sogar nochmals per Fallschirm ab, der französische Präsident Emmanuel Macron dankte auf Englisch für die Befreiung seines Heimatlandes, sein amerikanischer Kollege Donald Trump las ein Gebet seines Vorgängers Franklin D. Roosevelt vor. Schon 1994 – anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums – feierte man an den einstigen Landungsabschnitten von Utah, Omaha, Gold, Sword und Juno; 10 Jahre später wiederholte sich das Ganze, und auch 2014 waren Staatsmänner und –frauen pünktlich zur Stelle.

Die Normandie-Feierlichkeiten sind zu einem festen Bestandteil im Kalender der internationalen Gedenkkultur geworden. Operation «Overlord» war ja auch ein imposantes Ereignis. Über 6000 Schiffe brachten mehr als eine Million Soldaten – Amerikaner, Briten und Kanadier, auch Franzosen, Polen und andere – über den Ärmelkanal. Militärisch bedeutete die Invasion die Rückkehr der Westalliierten zum aktiven Landkrieg in Europa. Symbolisch und psychologisch zeigte sie an, dass die demokratischen Westmächte ihren Blutzoll zur Befreiung Europas leisteten. 11 Monate nach der Landung in der Normandie kapitulierte das Dritte Reich.

Bedeutender als die Invasion?

Vergessen geht ob all der Feierlichkeiten, dass fast gleichzeitig mit der Invasion die Sowjetunion eine Offensive auslöste, welche für die deutsche Niederlage vielleicht am Ende von noch grösserer Bedeutung war als die Invasion selbst. Jedenfalls erlitt Deutschland Verluste an Menschen und Material, die sich nicht mehr ersetzen liessen und entscheidend zur Schwächung des Dritten Reiches beitrugen. Vor allem aber verlor es innert weniger Wochen an entscheidender strategischer Tiefe. Sowjetische Truppen erreichten am 1. August 1944 bei Ostpreussen die Grenzen Deutschlands; etwas, was den von der Normandie herkommenden Westalliierten erst im November gelang. Die Soldaten Stalins stiessen jetzt über die Grenzen der Sowjetunion hinaus vor; aus dem Krieg zur Befreiung und Rückeroberung eigenen Territoriums wurde ein Feldzug zur Erweiterung der sowjetisch-kommunistischen Machtsphäre.

An der Ostfront waren die Deutschen nach den verlorenen Schlachten bei Stalingrad und Kursk endgültig in der Defensive. In der zweiten Jahreshälfte 1943 hatte die Rote Armee die Ukraine zurückerobert; Anfang 1944 gaben die Deutschendie Belagerung Leningrads auf. Doch das heutige Weissrussland und der grösste Teil des Baltikums blieben unter deutscher Besatzung. Hier stand die Heeresgruppe Mitte, einer der letzten intakten grossen Verbände der Wehrmacht. Gegen ihre Stellungen lancierte die Rote Armee am 22. Juni 1944 – am dritten Jahrestag des Angriffs Hitlers auf die Sowjetunion – mit 1,4 Millionen Soldaten die Operation «Bagration». Schon Tage vorher hatten Partisanen ihre Sabotageakte gegen die Deutschen massiv hochgefahren. Die Heeresgruppe Mitte hielt dem Ansturm nicht stand.

Am 3. Juli wurde Minsk, die weissrussische Hauptstadt, befreit, Ende Juli erreichten Rotarmisten die östlich der Weichsel gelegenen Vorstädte Warschaus und standen tief in Polen. In einigen Fällen legten die sowjetischen Panzerkolonnen in fünf Tagen 500 Kilometer zurück.

Die deutschen Verluste waren enorm: Innert 14 Tagen verlor die Wehrmacht 350 000 Mann – gefallen, verwundet oder in Gefangenschaft geraten. «Bagration» war überhaupt die erste Offensive, bei der die Sowjets eine grössere Anzahl von Gefangenen machten – schätzungsweise 250'000, darunter 22 Generäle. Wie in einem altrömischen Triumphzug liess Stalin 50'000 Kriegsgefangene durch die Strassen Moskaus führen, bewacht von Soldaten. Der Vorbeimarsch dauerte drei Stunden in der Augusthitze. Der Welt sollte gezeigt werden: Deutschland war gebrochen, der Sieg nahe.

Wassilij Jermolenko, ein Funker der Roten Armee, notierte in sein Tagebuch, unter den deutschen Kriegsgefangenen seien nun viele Teenager oder ältere Männer. «Sie sehen mitleiderweckend aus. Sie wirken wie Bankangestellte; viele tragen Brillen. Kein Zweifel, die Deutschen mobilisieren nun alles!» Die Anzeichen waren klar – Deutschland würde nicht mehr lange durchhalten. Churchill bezeichnete in seinen Memoiren den Sieg der Sowjets als «… ein Epos rauschenden Erfolgs».

«Amerikanisierung» des Kriegs

Die Feierlichkeiten für «Overlord» kontrastieren mit dem Stillschweigen zu «Bagration». Man wirft dem heutigen Putin-Russland vor, es instrumentalisiere die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zwecks Erhalt des Regimes. Das ist zweifelsohne richtig. Doch die Normandie-Feierlichkeiten zementieren ein Bild, das immer «amerikanischer» wird und den Krieg auf wenige Ereignisse, Schauplätze und Akteure reduziert. Filme wie «Saving Private Ryan» und Computerspiele wie die Serie «Call of Duty» » verfestigen das Bild.

1945 wurde in Frankreich zum ersten Mal eine Umfrage durchgeführt, welche Nation den grössten Beitrag zum Sieg über Deutschland geleistet habe. Mit 60 Prozent schwang die Sowjetunion obenaus. 2015 wurde die gleiche Umfrage wiederholt: Jetzt lagen die USA mit fast 60 Prozent vorn. Umfragen in anderen Ländern zeigen ähnliche Resultate. Dabei kämpften zwei von drei deutschen Soldaten ab 1941 an der Ostfront, vier von fünf toten deutschen Soldaten gingen auf den sowjetischen Gegner zurück.

Es geht nicht darum, die Anteile der jeweiligen Länder am Sieg über Hitler oder der jeweiligen Schauplätze am Kriegsgeschehen gegeneinander aufzurechnen; der Sieg über Hitler war eine Kombination verschiedener Faktoren. Doch das Bild des Zweiten Weltkriegs verformt sich unter dem Einfluss medialer Produkte immer mehr und hat mit den historischen Fakten nur noch selektiv zu tun. Sollen Gedenkfeierlichkeiten die Funktion von Mahnungen erfüllen, aus der Geschichte wie auch immer geartete Lektionen zu ziehen, bleibt aber ein Verständnis für den vollständigen Kontext von Ereignissen zentral.