Coronavirus
Kann uns die «indische Variante» den Sommer vermiesen? 5 Fragen und Antworten

Das Sars-CoV-2 mutiert weiter. In Indien ist eine weitere Mutante aufgetaucht: B.1.617. Sie hat sich bereits in einigen Gegenden von Grossbritannien massiv verbreitet und teilweise auch die Mutante B.1.1.7 als dominante Variation abgelöst.

Christoph Bopp
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B.1.617.2 – die indische Variante: Sie macht uns Sorgen.

B.1.617.2 – die indische Variante: Sie macht uns Sorgen.

Die vorhandenen Daten sind allerdings noch nicht sehr aussagekräftig. Aber die WHO hat B.1.617.2 – eine Unterart der «indischen Variante» – inzwischen zu «Variant of Concern» hochgestuft. Das ist die zweithöchste Alarm-Stufe (die höchste ist «Variants of High Consequence» – die Klasse ist im Moment noch unbesetzt) in einem Schema von vier Kategorien. Die beiden anderen sind «Variants of Interest» und «Variants Under Monitoring». Unter «Variants of Concern» figurieren neben B.1.617.2 («indisch»), noch die Varianten B.1.1.7 («britisch»), B.1.351 («Südafrika»), P.1 («Brasilien» und zwei Varianten aus Kalifornien (B.1.427 und B.1.429).

1. Wodurch unterscheidet sich die «indische Variante» von den anderen?

Unter anderem vereinigt die «indische Variante» zwei Mutationen (E484Q und L452R), die bisher schon von der «britischen» und der «südafrikanischen Variante» bekannt waren, in ihrem Genom. Dazu trägt sie eine weitere Mutation (P681R), von der man vermutet, dass sie das Spike-Protein des Virus so verändert, dass es leichter die Bildung von sogenannten Syncythien induziert. Es regt benachbarte, auch nicht-infizierte Zellen an, miteinander zu verschmelzen und Riesenzellen zu bilden. Das kann zu ernsthaften Gewebeschäden führen. Die Variante tauchte im Oktober 2020 erstmals im indischen Bundesstaat Maharashtra auf und verbreitet sich seit Januar 2021 in anderen Ländern. Momentan wurde sie in mehr als 40 Ländern beobachtet.

2. Ist die «indische Variante» auch bereits in der Schweiz?

Ja, im Raum Genf wurde sie zuerst bei einer eingereisten Person festgestellt, mittlerweile aber auch bei Personen, die nicht aus dem Ausland gekommen sind. Sie verbreitet sich also auch hier. Die Fälle sind aber immer noch sehr selten. Aber das Virus zirkuliert bereits in der ganzen Schweiz (KW 17, 16 Fälle, 1,1 Prozent).

3. Wie wird sich die neue Variante ausbreiten?

Die beiden Mutationen beim Spike-Protein deuten darauf hin, dass die Variante ansteckender ist als der Wildtyp und unter Umständen auch der Immunantwort ausweichen kann. Modellrechnungen aus England schätzen den R-null-Wert auf 5.3 (zum Vergleich: Wildtyp 2.2, britisch: 3.5). Dieser Wert gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter anstecken würde, wenn das Virus völlig neu wäre und keine Massnahmen dagegen bestehen würden. Er sagt für die tatsächliche Ausbreitung nicht viel aus. Vielleicht haben die zum Teil rasante Ausbreitung in Indien (allgemeine sanitarische Gründe) und in einigen Gegenden in England (hier könnte man spekulieren, dass die neue Variante einen Impfvorteil habe, weil sie sich in einer mehrheitlich geimpften Population besser ausbreiten kann als die alten) spezielle Gründe und Voraussetzungen. Aber es ist plausibel, dass die «indische Variante» die «britische» als die dominante Variante bald ablösen könnte.

4. Wirken die Impfungen auch gegen die «indische Variante»?

In Laborversuchen haben sich die Antikörper von einigen Geimpften weniger gut gegen die neuen Varianten (Südafrika-Typ) behauptet. Wie sich das aber in vivo auswirkt, ist noch kaum erforscht. Es gibt Hinweise, dass die in der Schweiz zugelassenen Impfstoffe (Pfizer/BionTech und Moderna) gegen die neuen Varianten eine leicht verminderte Schutzwirkung haben könnten. Aber sicheres Wissen gibt es bisher noch nicht. Man hofft ja immer noch, dass die Impfung nicht nur eine Antikörper-Immunität erzeugt, sondern auch die Zellabwehr initiiert.

5. Können uns diese oder andere neue Varianten den Sommer verderben?

Möglich wäre es. Es kommt darauf an, um wieviel ansteckender diese Variante ist und wie gut sie der Immunabwehr ausweichen kann. Modellrechnungen zeigen, dass solche Szenarien nicht ganz unrealistisch sind. Es ist aber auch möglich, dass das Infektionsgeschehen sich durch Impfungen und kluges Testverhalten so weit abschwächt, dass man die Pandemie kontrollieren kann, auch wenn sie von neuen Varianten getrieben wird. Dass sich immer wieder neue Mutationen ereignen, ist beim Coronavirus keine Überraschung. Es ist auf jeden Fall besser, das Infektionsgeschehen auf einem möglichst niedrigen Niveau zu halten. Bevor wir nicht sauber aufgeräumt haben, findet Sars-CoV-2 weiterhin ein schönes Trainingsfeld vor, um uns weitere neue Probleme zu bescheren.

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