Corona-Öffnungen
Endlich locken die alten Freiheiten wieder! Eine Liste von allem Schönen und Schrecklichen in 21 Punkten

Restaurantbesuche! Arbeiten im Büro! Ausflüge mit Fremden! Doch das Alltägliche kann auch ganz schön nerven. Ein Prosit auf das Leben.

Anna Miller
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Endlich wieder raus! Und das Schöne und Schreckliche geniessen.

Endlich wieder raus! Und das Schöne und Schreckliche geniessen.

Getty

1. Ich kann nun endlich wieder ohne Wärmedecke und Regenjacke im Gepäck Cordon Bleu bestellen. Es regnet mir mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht auf die Panade.

2. Ich darf das Cordon Bleu nun auch drinnen essen. Und mich danach, wieder zuhause, am Frittiergeruch schläfrig schnuppern, der auch nach drei Wochen Auslüften nicht rausgeht.

3. Ich darf mitlauschen, wenn fremde Menschen am Nebentisch miteinander sprechen.

4. Manchmal wünschte ich, die Abstände zwischen uns wären wieder unendlich gross.

5. Bei manchen wünschte ich auch, dass die Plexiglasscheiben für immer bleiben.

6. Ich höre also zu und stelle fest, dass sie über die gleichen Dinge reden wie immer. Dass Claudia wieder alle ins Cc genommen hat, obwohl niemand ins Cc genommen werden will. Und dass der Chef jetzt Home Office auf den Fitschi-Inseln macht, obwohl das offiziell nicht erlaubt ist.

7. Der Kellner wird mich ignorieren und ich werde dreimal winken müssen und umherfuchteln und vielleicht sogar aufstehen und ihm entgegenlaufen, um die Rechnung begleichen zu dürfen. Ich werde mich aufregen und sagen. Die haben aber auch! Trotz Corona! Trotz Lockdown! Noch immer nicht gelernt! Was Servicekultur bedeutet!

8. Ich werde fragen, wo die Toilette ist, bevor ich sie suchen gehe und mich am Ende im Getränkekeller wiederfinden.

9. Ich werde mich wieder an einem anderen Menschen vorbeipressen müssen, weil wir beide gleichzeitig die Wendeltreppe in Angriff genommen haben, ich runter und er rauf. Unsere Bäuche werden sich kurz berühren und wir werden anstrengend lächeln und versuchen, unsere Gesichter voneinander weg zu strecken und für einen kurzen Moment, nur zu Beginn, werden wir doch dankbar sein für diesen Moment, weil so viel Nähe so viele Monate lang sehr viel Schlechtes bedeutet hätte. Aber jetzt: gehts.

10. Ich werde mich nach einem Tag unerwarteter Freude ob all der Menschenmassen im ÖV angewidert in mich selbst zurückziehen und wieder darauf hoffen, dass sich im Tram niemand neben mich setzt.

11. Ich werde leise weinen, weil kein einziges Schiff auf einem Schweizer See wohl jemals wieder einen Platz zuvorderst am Bug übrig hat, den ganzen Sommer lang.

12. Ich werde leise darüber weinen, dass nun alle Rentnerinnen und Rentner wieder geballt Gruppenwanderungen auf die Rigi unternehmen und mir in der Gondel ihre Wanderstöcke in den Zeh bohren.

13. Ich werde froh sein, dass nicht immer Samstag ist und ich montags wieder ins Büro kann. Ich werde rührselig meinen Blick über die graue, unendlich anmutende, einfach abwaschbare Oberfläche meines Schreibtischs wandeln lassen und meine Füsse langsam und genüsslich auf dem Spannteppich abrollen.

14. Meine Kollegin Franziska und ich stehen in der Schlange vor dem Pasta-Wagen und nicken uns kurz zu.

15. Die Pasta wird noch immer in Plastik-Bechern serviert, viel zu teuer, lauwarm. Ich frage mich kurz, wie viel Geld ich in den letzten Monaten gespart habe, weil ich immer zuhause kochte, und wie gut das alles doch schmeckte.

16. Ich nehme mir vor, mein Essen in Weckgläser abzufüllen und sie jeden Tag eine Stunde durch den Pendelverkehr an meinen Arbeitsplatz zu schleppen und steige wohl nach zwei Tagen wieder auf Aufback-Gipfel vom Shop auf Gleis 3 um.

17. Ich werde ein paar Tage lang den ungeheuren Lärmpegel, den ein Grossraumbüro ohne Schalldämpfung erschaffen kann, einatmen wie frische Luft auf einem Gipfel nach Stunden des mühseligen Aufstiegs.

18. Ich werde mir in der zweiten Woche dann doch noch die Pamir-Kopfhörer kaufen, die ich davor beim Kollegen immer belächelte, vorzugsweise in grün.

19. Der Sommer wird kommen, und ich werde sehr stark schwitzen, wenn ich auf den Zug renne. Irgendwelche Widerlinge werden mir auf die Beine starren, ich werde mir im auf 15 Grad runtergekühlten Abteil eine Erkältung holen und vielleicht doch zuhause bleiben, weil: Sicher ist sicher.

20. Abends ist wieder unfassbar viel los. Ich werde mich nicht entscheiden können, an welche Party, in welches Restaurant, an welchen Geburtstag ich zuerst gehen soll und mich fragen, ob der Lockdown-Look noch immer strassentauglich ist oder ob ich nun wieder Zeit aufwenden muss, um mich farbgerecht anzuziehen.

21. Ich werde irgendwo rumstehen, zu viel Bier trinken und mich fragen, warum wir nach all den Monaten Introspektion wieder am gleichen Punkt sind wie immer, warum die gesamte Menschheit eigentlich nie etwas aus Krisen lernt und wie ich jetzt, da ich abends nicht mehr vor dem Fernseher sitzen darf, die Trash-TV-Marathons in meinen Kalender kriege.

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