Apéro
Nach der Coronapause: Hurra, wir sehen uns beim Meterbrot

Der Apéro ist nach der Coronapause zurück. Endlich hat der Büroalltag wieder sein wohlorganisiertes Ventil.

Christian Berzins
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Die Apérostimmung ist die Richterskala der Teamstärke.

Die Apérostimmung ist die Richterskala der Teamstärke.

Skynesher / E+

Das Leben in einem Büro ist eine Gratwanderung zwischen Abschirmung und Entblössung. Dazwischen erhält der Arbeitende viel Wärme und Geborgenheit. Corona ist schuld, dass wir davon in den letzten zwei Jahren kaum mehr etwas abbekommen haben. Jetzt gilt es sich wieder anzupassen, denn jede und jeder von uns braucht an diesem Ort, wo es doch eigentlich um das Erbringen von Leistung geht, auch viel Verständnis für Allzumenschliches.

Wir kennen unsere Büronächsten besser als die meisten sogenannten Freunde. Aber besuchen sie uns einmal im Jahr zu Hause, möchten wir sie doch nie länger als bis 22.10 Uhr im Wohnzimmer haben. Zu viel wissen wir nämlich von ihnen aus ihre mitgehörten alltäglichen Gesprächen, denen wir gar nicht lauschen wollen. Durch die ungewollten Blicke auf ihre Bildschirme und Tische entblössen sie sich – und wir uns vor ihnen. Den Rest erzählen uns die anderen Kollegen beim … Apéro.

Alle angelernten Büro-Höflichkeiten und Büro-Gemeinheiten geraten hier ins Wanken, wenn die Schreibtischtäter zum Apéro schreiten, das Ventil des Bürolebens aufgedreht wird.

Es wäre einfacher, dem Apéro fernzubleiben

Wer nun auf stereotype Verhaltensformen setzt, sollte gleich nach Hause gehen. Denn egal, ob es der kleine spontane Apéro, der Abschiedsapéro nach 16 Jahren oder der Champions-League-Final der Apéros, der Weihnachtsapéro, ist: Da wie dort lauern neben den Abgründen die Glückseligkeiten. Jetzt gilt es, sich zu behaupten und ehrlich zu sein. Gewiss: Es wäre einfacher, dem Apéro fernzubleiben, gibt es doch nach einem langen Tag vermeintlich nichts Langweiligeres, als dazustehen und vom Gegenüber zu hören, dass er angelt. Da steckt man sich besser gleich die Salzstange in die Nase.

Am Apéro ist nun mal jeder seines eigenen Glückes Schmied. Nach der Diskussion über die Ansprache und den Wein geht’s zu den Ferien, zu Frau und Kind, zu Hobby und in die Politik. Und schon streiten zwei. Was will man mehr im Büro, diesem Heim der unterdrückten Gefühle?

Wo der Büro-Apéro lebt, herrscht unter den Angestellten eine gute Stimmung: Sie sind motiviert, arbeiten besser und – wichtig! – nicht für sich alleine, sondern zusammen: Sie sind ein Team. Leider verdrängen die meisten Chefs diesen Teamgeist, lieber verpflichten sie noch einen teuren Neuzugang, als sich mit Salzstangen und Bier um die Basis zu kümmern.

Aber eben: Was war zuerst? Der regelmässige Apéro oder die gute Stimmung unter den Mitarbeitenden?

Die Apérostimmung ist jedenfalls die Richterskala der Teamstärke. Nichts zeigt es besser, wie fest Freund und Freundin sich diese Mitarbeiter sind, als die Zusammenkunft mit Weisswein, Bier, Orangensaft und Chips. Mögen sich die Mitarbeiter, gehen sie hin. Wer den Apéro und warum macht, ist meistens egal. Aber wahrscheinlich offerieren die Chefs so selten einen Apéro, weil sie Angst haben, dass keiner kommt. Nicht viel besser ist es, wenn das Buffet überfallartig geplündert wird und der Apéro-Organisator nach 18 Minuten alleine dasteht.

Schlechtes Essen, guter Apéro?

«Es werden sowieso nur schlechte Chips und fettige Salznüsse aufgetischt, gut hat Corona die Apérokultur vernichtet», schimpft die junge kulinarisch verwöhnte Bürokollegin im Unwissen, um was es beim Apéro wirklich geht. Am allerwenigstens ums Essen – ums Trinken hingegen schon. Es ist doch simpel: Je besser der Wein, je mehr wird getrunken – und umso besser ist der Apéro.

Klar, wäre gute Kost schön, aber jeder weiss es, ob drei oder dreissig Jahre im Büro: Die Bürokollegen haben keinen viel besseren Lohn als man selbst – und geschenkt wird einen im Büroalltag bekanntlich nichts. Das Meterbrot ist bereits eine höhere Stufe der Freundlichkeit, die Fleischplatte vom Metzger der Gipfel. Mehr kommt da nicht. Wer hungrig zum Apéro geht, ist selber schuld, denn die Ausnahme – Metzger Müller am Grill, das Bier vom Fass – kommt alle sieben Jahre.

Wer nicht hungrig zum Apéro geht, kann sich auf das Wesentliche konzentrieren: die Kollegen und Kolleginnen. Sie sind schräger als die Figuren im Film «Noir», der um 23 Uhr auf Arte läuft. Wo wenig gegessen wird, fallen schon drei Gläser Weisswein ins Gewicht beziehungsweise ins Blut. Die Stimmung wird weinselig. Nichts Besseres kann einem Apéro passieren, das Tor ist offen für Peinlichkeiten, Lohnerhöhungen, Liebschaften, Langeweile, Ehrlichkeiten und Tragödien.

Der Büro-Winkelried hat eine grosse Aufgabe

Der erste, der zum Apéro schreitet, ist der Winkelried des Büros – bei 30 Apéros pro Jahr ist es 20-mal dieselbe Person. Sie weiss das nicht, verdient aber unseren Respekt. Dieser Winkelried, oft auch eine Frau, übernimmt die Aufgabe, mit dem Apéro-Organisatoren das Gespräch zu beginnen. Das ist eine grosse Aufgabe, kommt dem Kondolieren bei einer Beerdigung gleich. «Ah, du gehst?» «Wohin?» «Was hast du hier eigentlich so gemacht?» Dass jene, die als Erste da sind, auch meinen, sie müssten als Letzte gehen, ist eigenartig, aber in Ordnung.

Dass jene, die als Erste da sind, auch meinen, sie müssten als Letzte gehen, ist eigenartig, aber in Ordnung.

Dass jene, die als Erste da sind, auch meinen, sie müssten als Letzte gehen, ist eigenartig, aber in Ordnung.

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Nebenbei: Der Apérobeginn ist zu beachten wie der Beginn einer Opernvorstellung – vier Minuten zu spät ist gerade noch ok. Aber klar: Alles fürchtet sich, als Erster oder Erste dort zu stehen, den Winkelried zu geben. Und so tun dann bei Apérostart 16.30 Uhr gewisse Leute so, als wäre es 14 Uhr und sie hätten gerade zu arbeiten begonnen, fragen: «Was, schon Apéro!?» «Wer?» «Die verlässt uns!?»

Alles inszeniert. Seit drei Stunden warten diese Büroschlangen, männliche und weibliche, auf das erste Häppchen, das es zu verschlingen gilt, auf das Glas Chasselas, das sie innerlich voller Freude erheben, da sie nun die Apéro-Organisatorin nie mehr im Büro sehen zu müssen.

Zum Wohl: Es lebe der Büro-Apéro.