Belief sich der Anstieg des CO2-Ausstosses im Jahr 2017 auf 1,6 Prozent, sind es 2018 sogar 2,7 Prozent. Der grösste Anstieg seit sieben Jahren und auch der grösste absolute Wert: 37,1 Gigatonnen ausgestossenes CO2. Zahlen, welche das «Global Carbon Project» gestern veröffentlicht hat.

Der Klimaforscher Reto Knutti von der ETH Zürich erklärt warum: Die grössten Zuwächse gab es in China, durch die Ankurbelung der Metall-Industrie. Auch die CO2-Emissionen in den USA sind 2018 markant gestiegen. Nach einem ungewöhnlich kalten Winter und einem heissen Sommer war der Energieverschleiss fürs Heizen und Kühlen enorm.

Und die Forscher erwarten fürs nächste Jahr einen weiteren Anstieg der Emissionen, angetrieben von vermehrtem Öl- und Gasverbrauch aufgrund der schnell wachsenden Weltwirtschaft.

Will die Welt aber die Temperatur-Ziele erreichen, die an der Klimakonferenz in Paris festgelegt worden sind, muss der CO2-Ausstoss sinken, nicht steigen. Bereits bei einem Grad Erhöhung statt der angepeilten 2 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit seien die Auswirkungen fatal. Im Jahr 2017 habe der Klimawandel einen globalen ökonomischen Schaden von 320 Milliarden Dollar ausgelöst und noch schlimmer – 10 000 Leben gekostet.

Gesetz trotzdem verwässert

An den Fakten zweifeln nicht mehr viele. Der Klimawandel sei zu real und mit Sicherheit menschengemacht, sagt Knutti. Aber: «Die Bereitschaft, die Daten zu akzeptieren ist gewachsen. Aber nicht jene, deswegen etwas zu unternehmen.» Als Beispiel erwähnt der Klimatologe die Verwässerung des CO2-Gesetzes diese Woche im Nationalrat.

Fakten und Prioritäten widersprächen sich oft, seien nur ein Teil der Entscheidungen und oft nicht der wichtigste. Häufig seien sie nicht rational und kämen aus dem Bauch heraus. «Das Verhalten ist psychologisch gut verstanden, man spricht von kognitiver Dissonanz», sagt der ETH-Professor. «Aus Wissen folgt kein Handeln, weil dieses nicht in das Weltbild der Akteure passt.»

Das sind schlechte Aussichten für die laufenden Verhandlungen an der Klimakonferenz. Denn für Knutti gibt es keine Alternative: «Die CO2-Emissionen müssen bis etwa 2050 in der Schweiz auf null herunter. Das bedeutet die vollständige Dekarbonisierung in allen Sektoren.» Kein Verbrennen von Öl, Gas und Kohle. «Wenn die ganze Welt die Ziele von Paris anvisiert, kann man bis 2060 etwa die Hälfte der Klima-Auswirkungen vermeiden, bis 2100 noch mehr.»

Da der Klimawandel schon fortgeschritten ist, müssen sich die Länder an die bereits entstandenen Auswirkungen anpassen, so wie es die ETH Zürich und Meteo Schweiz vor vier Wochen in den Klimaszenarien für die Schweiz dargestellt haben.

Anpassung ist das eine, aktiver Klimaschutz das andere. Daran wird nun in Polen gearbeitet. Das Pariser Abkommen ist eine Selbstverpflichtung für die Länder. «Jedes Land kann selber entscheiden, wie es das Klima schützen will», sagt Knutti. Trotzdem müssten dafür Regeln aufgestellt werden, und über die wird nun an der Klimakonferenz debattiert. «Von der Konferenz erwartet man ein ‹Regelbuch›, das sagt, wie man die Emissionen berechnet.»

Zum Beispiel wie der Ausstoss von kurzlebigem Methan gegenüber dem langfristig wirkenden Kohlendioxid bewertet wird. Darf sich ein Land wie die Schweiz Wiederaufforstung in der CO2-Bilanz anrechnen lassen? Obwohl die Waldfläche in der Schweiz sowieso zunimmt – nicht wegen Klimamassnahmen?

Entwickelt werden muss ein für alle Länder anwendbarer Mechanismus. Zum Beispiel muss in allen Ländern auf die gleiche Art und Weise eine Bestandesaufnahme von Emissionen und Schutzmassnahmen gemacht werden. Und schliesslich geht es an der Klimakonferenz auch ums Geld. Wer bezahlt zum Beispiel die 100 Milliarden Franken für den weltweiten Klimaschutz? Wie viel erhalten die besonders betroffenen Entwicklungsländer?

Klima ist Sache der Staaten

Mechanismen, Berechnungsgrundlagen und Regelbuch müssen zu Massnahmen in den einzelnen Ländern führen. «Die Klimamassnahmen sind nicht Sache der UNO oder des Weltklimarats IPCC», sagt Knutti, der bei den Berichten des IPCC mitgearbeitet hat. In den Händen der Staaten und der Industrie liegt es nach den Regeln der Weltgemeinschaft, der Erderwärmung Einhalt zu gebieten.

Viele Firmen sehen durchaus Chancen, mit Cleantech Geld zu verdienen. Die wirtschaftlichen Vorteile nachhaltiger Investition in Zukunftstechnologien scheinen bei einigen angekommen zu sein. Knutti bleibt skeptisch: «Ein Grossteil denkt nicht so, bevorzugt neo-liberale Ideen und plant extrem kurzfristig.» Oder das Feld wird anderen überlassen. Die Photovoltaik-Industrie sei heute zum Beispiel aus Europa nach Asien abgewandert.

Ein deutscher Sportwagenhersteller ermöglicht seinen Kunden neustens, den CO2-Abdruck des Autos zu ermitteln und diese Emissionen zu kompensieren, indem der Fahrer ein Klimaprojekt unterstützt. Dass ausgerechnet ein Sportwagenhersteller solches anbietet, hält Knutti zwar für etwas zynisch und erinnert an «Green Washing» von Firmen.

Besser, als nichts zu tun, sei das aber. Viele grosse, internationale Konzerne hätten sich engagiert. «Entscheidend ist, dass klare Rahmenbedingungen herrschen. Dann arrangiert sich die Wirtschaft», sagt Knutti. Er erinnert an den Katalysator im Auto. Die Industrie habe das schnell umgesetzt, weil für alle gleiche Regeln galten.