Bergsport
«Ein Spagat zwischen Wertschöpfung und Natur»: Werbung am Berg nimmt zu – aber gehört es auch dahin?

Ob digitale Gipfelbücher oder Punktejagden quer durchs Schweizer Gebirge: Werbe- und Sammelaktionen in der Natur nehmen zu. Auch in der Tourismusregion Brig-Simplon kann man auf diversen Touren Punkte sammeln und Codes scannen. Doch das gefällt nicht allen.

Gülpinar Günes
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Eine Plakette der Simplon-App auf dem Wasenhorn.

Eine Plakette der Simplon-App auf dem Wasenhorn.

zvg/Brig Simplon Tourismus

Manche zieht die schöne Aussicht in die Berge, manche die Herausforderung und andere die Ruhe. Doch die Gipfel der Schweiz werden immer mehr zum Mittelpunkt von digitalen Werbe- und Tourismusaktionen, das gefällt nicht allen. So missfällt seit letztem Sommer etwa das digitale Gipfelbuch von der Graubündner Kantonalbank (GKB) gewissen Alpenschutzorganisationen: Zu ihrem Jubiläum im Sommer 2020 brachte die Bank auf 150 Bündner Gipfeln eine grössere Tafel mit einem Code zum Online-Gipfelbuch an. Auch in der Tourismusregion Brig-Simplon fallen seit letztem Winter QR-Codes an Felsen und Wegweisern auf, die für eine Punktejagd im Gebirge animieren sollen.

Auf Anfrage erklärt der Geschäftsführer von Brig Simplon Tourismus Silvio Burgener, dass man damit auf das lokale Gewerbe aufmerksam machen will. «Wir haben viele Besucher in der Region, aber vor allem im Winter eine tiefe Wertschöpfung», sagt er. In Zusammenarbeit mit den Gemeinden und dem Gewerbe sei die Idee für die «Simplon-App» entstanden: Für 25 Franken können die Nutzerinnen und Nutzer einen Saisonpass lösen und auf insgesamt 58 Wander-, Berg- oder Skitouren durch das Gebirge Punkte sammeln und diese dann bei den Betrieben ausgeben.

Dafür muss man jeweils am Ende den angebrachten Code mit dem Smartphone scannen. Damit soll auch der sanfte Tourismus gefördert werden, indem auf weniger populäre Touren aufmerksam gemacht wird. «Beim heutigen Angebot ist das touristische Potenzial nicht riesig dazu braucht es noch Anpassungen», relativiert Burgener. Dennoch haben sich letzten Winter rund 380 und im Sommer 230 Nutzer neu angemeldet.

Die Plakette auf dem Böshorn Rauthorn.

Die Plakette auf dem Böshorn Rauthorn.

zvg / Brig Simplon Tourismus

Die Codes aber fallen in abgelegenen Gebieten als Fremdkörper auf: Die blauen oder gelben Plaketten sind in der Regel an bestehenden Infrastrukturen, wie an Wegweisern oder Gipfelkreuzen angebracht. Fünf der total 58 Plaketten jedoch sind am Felsen befestigt, weil das die einzige oder sicherste Möglichkeit war, so Burgener. «Es ist nicht die Idee, die Codes an Felsen zu befestigen und so auch nur vorübergehend der Fall, bis wir eine bessere Lösung gefunden haben.»

Gehört Werbung in die Berge?

Als die Graubündner Kantonalbank letzten Sommer ihre Jubiläumsaktion auf 150 Gipfeln des Kantons lancierte, setzte sich sogleich die Alpenschutzorganisation Mountain Wilderness zur Wehr, die sich unter anderem auch gegen Heliskiing einsetzt. Die Organisation moniert, dass sich 100 der Stelen, welche die GKB für ihr digitales Gipfelbuch angebracht hat, in Gebieten mit hoher Wildnisqualität befinden – also in fast unberührter Natur.

Seit diesem Sommer, also ein Jahr nach der Aktion, fordert Mountain Wilderness die Bank dazu auf, die Stelen zurückzubauen, da das Jubiläumsjahr nun vorbei sei und Werbung in diesen Gebieten keinen Platz habe. Die Bank aber besteht darauf, sie stehen zu lassen, wie der Tages-Anzeiger schreibt. Seither läuft eine Petition für den Rückbau der Stelen.

Angesprochen auf die «Simplon App» sagt Tim Marklowski von Mountain Wilderness, dass die Organisation die Förderung des nachhaltigen Tourismus grundsätzlich befürworte und die Idee mit der App sinnvoll finde.

«Wir möchten prinzipiell aber möglichst wenig Infrastruktur in wilden Gebieten.»

In dieser Hinsicht seien die Plaketten an bestehenden Wegweisern beispielsweise weniger relevant, da der menschliche Eingriff bereits gross sei. Auch der Natur seien die Plaketten grundsätzlich egal. «Aber wir finden, es braucht werbefreie Räume für authentische Naturerfahrungen», so Marklowski. Oft gebe es sogar Alternativen zu solchen Installationen, etwa über GPS, wie es beispielsweise das digitale Gipfelbuch «Peakhunter» bereits anwendet.

Ziel: Verbot von Werbung in der Natur

Bis Ende November läuft die Petition von Mountain Wilderness gegen die Stelen der GKB noch – bisher mit 6000 Unterschriften. Derzeit werde zusätzlich abgeklärt, ob die Stelen rechtmässig sind. «Unser Ziel ist mehr Klarheit bei der Gesetzgebung und das Verbot von Werbung in offener Natur», sagt Marklowski. Das könne unter Umständen auch Konsequenzen für die Plaketten der Simplon-App haben.

«Es ist ein Spagat zwischen Wertschöpfung und Natur», ist sich auch Silvio Burgener von Brig Simplon Tourismus bewusst. Man sei bemüht, die Aktion in einem gesunden Mass durchzuführen und nicht alles zu plakatieren. «Schliesslich kommen die Leute ja für die Natur.»

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