Aufruf
«Könnte zu Krieg führen»: Internationale Forschergruppe warnt vor Social Media

Social Media könnte die Gesellschaft kollabieren lassen, warnen Forschende in einem neuen Aufruf. Und sagen, es bleibe nicht mehr viel Zeit.

Anna Miller
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Social Media hat nicht nur positive Seiten, wie Studien zeigen.

Social Media hat nicht nur positive Seiten, wie Studien zeigen.

Keystone

17 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen - von Wirtschaft über Biologie, haben im renommierten Wissenschaftsmagazin «PNAS» einen Aufruf publiziert. Darin warnen sie, die sozialen Medien, bleiben sie so unkontrolliert wie heute, könnten eine globale gesellschaftliche Krise auslösen.

Als aktuelles Beispiel nennen die Forschenden die Corona-Pandemie, die von einer so genannten «Infodemie» verseucht sei - der Verbreitung von Falschinformationen über die sozialen Medien, die zu einer rasanten Masken- und Impf-Verweigerung geführt habe. So warnen die Autorinnen und Autoren:

«Im schlimmsten Fall könnte das zu Phänomenen wie der Manipulation von Wahlen, der Verbreitung von Krankheiten und gewaltsamem Extremismus, Hungersnot, Rassismus und Krieg führen.»

Trotz des grossen Einflusses, den die sozialen Medien auf politische Entscheidungsfindung und gesellschaftliche Polarisierung ausüben, werde wissenschaftlich nur sehr wenig untersucht, welchen Einfluss Social Media auf das Verhalten der Gesellschaft haben.

Auswirkungen von Social Media soll «Krisendisziplin» werden

Sie fordern deshalb, man müsse die Forschung zur Auswirkung der sozialen Medien auf die Gesellschaft als so genannte «Krisendisziplin» etablieren. Solche Krisendisziplinen werden in der Regel dann angewendet, wenn der Welt eine grosse Gefahr bevorsteht, die noch rechtzeitig abgewendet werden muss, weil das System sonst zusammenbricht, aktuell beispielsweise, um eine bedrohte Spezies vom Aussterben zu bewahren oder den Klimawandel zu stoppen.

Im besten Fall ergebe sich eine transdisziplinäre Zusammenarbeit, mit welcher gemeinsam eine Lösung für dieses grosse Problem gefunden werden kann. «Denn die Zeit läuft uns davon», sagte Carl Bergstrom, Biologieprofessor an der University of Washington und Co-Autor der Studie gegenüber vox.com.

Bergstrom, der normalerweise zu Ateminfektionskrankheiten forscht, sagte im Interview, dieses Paper sei das Wichtigste, das er je publiziert habe. «Eben genau deshalb, weil noch so wenig darüber bekannt ist. Und es keinen wissenschaftlichen Rahmen für dieses Phänomen gibt.» Dabei sei von grösster Wichtigkeit, dass nun vermehrt dazu geforscht werde und Lösungen gefunden würden.

Und plötzlich kommt der grosse Crash

Das aktuelle «Informations-Ökosystem» gebe guter und wichtiger Information überhaupt keine Chance, nach oben zu schwimmen - und die Menschen zu erreichen. Stattdessen hätten wir es mit einem Informationssystem zu tun, das auf nie dagewesene und schnelle Art und Weise Falschinformationen verkette, die zu sozialen Explosionen führen können. Er vergleich die Fragilität der Gesellschaft mit derjenigen des Finanzmarktes: Plötzlich, vermeintlich aus dem Nichts, könne der grosse Crash kommen.

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