Soziale Netzwerke
Auf dem alternativen Twitter steht Trumps Account schon bereit

Nachdem Twitter Donald Trump rausgeworfen hat, verzeichnen unzensierte soziale Netzwerke wie Gab.com einen grossen Zulauf. Kanzlerin Merkel und Experten findet die dauerhafte Sperre von Trump problematisch.

Raffael Schuppisser
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Sieht Twitter sehr ähnlich: Die Seite Gab.com.

Sieht Twitter sehr ähnlich: Die Seite Gab.com.

CH Media

Auf Twitter ist Trump Geschichte. Keiner seiner 56'000 Tweets ist mehr zu sehen. Alles gelöscht. Nicht so auf Gab, dem oft als alternativen Twitter bezeichneten sozialen Netzwerk. Hier kann man die letzten knapp 3000 Nachrichten noch immer lesen, unzensiert. Auch die besonders Hasserfüllten, die Twitter schon frühzeitig gelöscht hat.

Über 1 Million Follower hat der Account Donald J. Trump auf Gab bereits. Seit der Noch-Präsident auf Twitter gesperrt wurde, verzeichnet Gab regen Zulauf. Stündlich kämen 10'000 neue Nutzer hinzu, verkündete Andrew Torba, der Gründer von Gab auf seinem eigenen Netzwerk.

Nur Trump selber fehlt noch. Seinen Account hat Andrew Torba ,der sich als Christ, Familienvater und Patriot bezeichnet, aufgesetzt, um seinem Idol den Einstieg zu erleichtern - und gleich seine Tweets einkopiert. Man stünde mit Trumps Team in Kontakt, heisst es in einem Blog-Post. Ob der 45. Präsident das alternative Netzwerk Gab aber tatsächlich als seine neue Online-Heimat wählt, ist noch alles andere als sicher. Den Trump-Fans, die nun umsiedeln, reicht anscheinend bereits die Aussicht darauf.

Server überlastet wegen grossem Andrang

Auf dem Netzwerk finden sich nicht nur politische Meinungen mit rechtsextremem Drall, aber viele davon. Einige überschreiten die Linie des noch Erträglichen klar: So wird etwa dem als Verräter beschuldigten Vizepräsidenten Mike Pence der Tod gewünscht.

Der Andrang auf Gab ist derzeit so gross, dass die Server überlastet sind, zeitweise konnte man sich nicht mehr registrieren. Gar nicht mehr auffindbar ist Parler, das bis anhin grösste alternative Netzwerk. In den letzten Tagen war es in den USA die am meisten heruntergeladene kostenlose App. Dann verbannte sie sowohl Apple als auch Google aus ihren App-Stores. Am Sonntagabend kündigte dann auch Amazon dem Netzwerk seine Dienste als Web-Hoster, so dass es nun nicht mehr aufgerufen werden kann. Mit dem unzensierten rechten Netzwerk, das offenbar auch beim Sturm auf das Kapitol eine Rolle gespielt hat, will man nichts zu tun haben.

Parler versucht nun, einen anderen Dienstleister zu finden, über den die Server betrieben werden können. Was gar nicht so einfach sein dürfte. Zumindest die grossen US-Dienstleister kommen dafür kaum infrage, sie wollen sich an dem als rechtsextremen Netzwerk verschrienen Parler nicht die Finger verbrennen. Dem Kommunikationsdienst Gab kann das offenbar nicht passieren. «Wer seine eigenen Server hat, ist nicht auf Amazon angewiesen», schreibt Gründer Torba.

Forscher spricht von einer grossen Gefahr

«Viele Trump-Anhänger werden nun Twitter verlassen», ist der Politikwissenschafter Orestis Papakyriakopoulos überzeugt. An der Princeton Universitiy untersucht der Forscher die politische Kommunikation in sozialen Netzwerken. Die dauerhafte Sperre von Trump auf Twitter, führe zu einem grossen Zulauf auf alternativen sozialen Netzwerken. Diesen Effekt habe man bereits beobachten können, als Twitter die Tweets der Verschwörungstheoretiker der Bewegung QAnon zu moderieren begann, erklärt der Forscher.

Auch beim Sturm aufs Kapitol waren QAnon-Anhänger dabei.

Auch beim Sturm aufs Kapitol waren QAnon-Anhänger dabei.

Keystone

In den «Rechten Echokammern», wie er es nennt, sieht Papakyriakopoulos eine grosse Gefahr. Er sagt:

Sie haben das Potenzial, die ohnehin schon geteilte US-Gesellschaft, noch mehr zu spalten.».
Orestis Papakyriakopoulos

Orestis Papakyriakopoulos

HO

Auf Twitter oder Facebook hat man die Chance mit andersdenkenden Menschen in Kontakt zu kommen, auf Parler oder Gab nicht. Die oft thematisierte Filterblase ist hier gänzlich undurchdringbar. Wer auf einem solchen Netzwerk politisch aktiv ist, wie etwa der republikanische Senator Ted Cruz es auf Parler war, der versucht nicht mehr Andersdenkende zu erreichen, sondern nur noch die eigenen Anhänger zu mobilisieren.

Ausserdem hat Twitter währende des Wahlkampfs viele Aussagen von Trump mit dem Hinweis gekennzeichnet, dass es sich hier um Falschinformationen handelt und auf andere Quellen verwiesen. Solcherlei gibt es bei unmoderierten Netzwerken nicht. In einer Gesellschaft wie den USA, in der 39 Prozent noch immer an Wahlbetrug glauben, obwohl es dafür keine Beweise gibt, ist das eine gefährliche Entwicklung.

Merkel sieht Ausschluss von Trump als problematisch an

Ist der Ausschluss Trumps von Twitter sogar kontraproduktiv? Zumindest in der Politik wird er kritisch diskutiert. So liess Angela Merkel über ihren Sprecher verlauten, sie sähe es «als problematisch an, dass jetzt die Konten des US-Präsidenten dauerhaft gesperrt wurden.» Das Grundrecht auf Meinungsfreiheit sei von elementarer Bedeutung. Eingriffe könne es nur entlang der Gesetze geben, nicht aber durch Beschlüsse von privaten Betreibern von Social-Media-Plattformen. Ähnlich äusserte sich auch Frankreichs Wirtschaftsminister Bruno Le Maire. Er verlangte, solche Entscheidungen nicht mehr Privatunternehmen zu überlassen

Auch Politikwissenschafter Papakyriakopoulos findet, dass transparent sein müsse, nach welchen Regeln jemand von Sozialen Medien ausgeschlossen werden darf. Dass Twitter und Facebook Donald Trump gerade jetzt sperren, sein ein kalkulierter Akt. «Da Joe Biden nun Präsident wird und auch der Senat eine demokratische Mehrheit erhält, haben die Tech-Unternehmen ein Interesse, möglichst gut dazustehen bei den Demokraten, um strengere politische Regulierungen abzuwenden», sagt Papakyriakopoulos.

Und wie geht es mit den Trump-Anhängern weiter? Das komme auf Trump selber an. Wenn er sich für eines der alternativen Netzwerke entscheidet, werden ihn seine Fans dort bestimmt finden. Bisher ist er aber noch nirgends aufgetaucht.

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