Atomkraft
Studie zeigt: Extreme Hochwasser könnten Kernkraftwerke fluten – würden aber die Sicherheit nicht gefährden

Das Bundesamt für Umwelt Bafu hat eine Studie vorgestellt, in der die Gefährdung durch extreme Hochwasser an der Aare berechnet werden. Dabei handelt es sich um äusserst seltene Ereignisse.

Bruno Knellwolf
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Das Kernkraft- und Wasserkraftwerk Gösgen würde im 100'000-jährigen Hochwasser um etwa 80 Zentimeter überschwemmt.

Das Kernkraft- und Wasserkraftwerk Gösgen würde im 100'000-jährigen Hochwasser um etwa 80 Zentimeter überschwemmt.



Bruno Kissling / OLT

Das Einzugsgebiet der Aare ist riesig umfasst 43 Prozent der Fläche der Schweiz. An der Aaremündung fliessen ormalerweise pro Sekunde 560 Kubikmeter Wasser in den Rhein. Im grossen Einzugsgebiet der Aare liegen viele kritische Infrastrukturen, vor allem die drei Kernkraftwerke Mühleberg, Gösgen und Beznau und 19 grössere Stauanlagen für die Stromversorgung der Schweiz. Alles Standorte, die von einem extremen und sehr seltenen Hochwasserereignis gefährdet sein könnten.

Blick 300'000 Jahre zurück

Um die Hochwassergefährdung an verschiedenen Schlüsselstellen in der Schweiz überprüfen zu können, hat das Bundesamt für Umwelt (Bafu) die Studie «Extremhochwasser an der Aare» erstellt und heute vorgestellt. Die Forscher des Eidgenössischen Forschungsinstituts für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) und der Universität Zürich haben dafür 300'000 Jahre zurückgeschaut und daraus Niederschlag und Temperaturen umgewandelt in Abflussdaten im Einzugsgebiet der Aare. Mit diesen Abflussszenarien haben sie abgeschätzt, wie es um die Gefahr von sehr seltenen Hochwassern steht, die statistisch alle 1000, 10'000 oder 100'000 Jahre vorkommen.

Ausgewählt wurden dafür fünf Schlüsselstellen im Einzugsgebiet der Aare: die Stadt Olten, die drei Kernkraftwerke und die Anlage des Paul-Scherrer-Instituts in Villigen. In die Beurteilung flossen auch dokumentierte historische Hochwasser wie im Jahr 1852 bei Aarburg. Solche Vergleiche zeigten, dass mit den Modellberechnungen auch extreme Spitzenereignisse abgedeckt würden, erklärt Daniel Viviroli von der Universität Zürich.

Schwemmholz und Rutschungen

Solche extreme Hochwasser führen dazu, dass es zu Rutschungen, Verstopfungen bei Brücken durch Schwemmholz – sogenannte Verklausungen – Ufererosionen, Brechen von Dämmen oder menschlichem Versagen bei der Bedienung der Wehranlagen kommt. Die lokale Gefährdungsanalyse zeigt, dass die Trimbacherbrücke oberhalb der Stadt Olten rasch verklausen würde, also durch Schwemmholz verstopf. Das Industrieareal Oltens stünde bei einem alle 100'000 Jahre vorkommenden Hochwasser zwei Meter unter Wasser.

Beim 2019 abgestellten Kernkraftwerk Mühleberg würde das Areal im extremsten Fall des 100'000 jährigen Hochwassers um knapp einen Meter überflutet, beim KKW Gösgen um 1,15 Meter und beim KKW Beznau um 1,1 Meter. Das allein sagt aber noch nichts aus, über die daraus entstehende reale Gefährdung.

Stresstests nach Fukushima

Dazu nimmt Marc Kenzelmann vom Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI Stellung. Das Hochwasserrisiko habe man dem Unfall im Atomkraftwerk Fukushima vor zehn Jahren genau analysiert und die Gefahr von Verklausungen in Stresstests geprüft. In Japan war die Ursache allerdings ein nicht mit den Aare-Verhältnissen vergleichbarer gewaltiger Tsunami mit 20 Meter hohen Riesenwellen.

«Es gab somit schon vor dieser neuen Studie entsprechende Anweisungen an die Kraftwerksbetreiber», sagt Kenzelmann. Bei Kernkraftwerken sei die Sicherheit ein laufender Prozess, der immer wieder den neusten Stand des Wissens berücksichtige. Deshalb würden jetzt die Resultate der neuen Studie genau geprüft. Die Studie liefere wichtige Grundlagen zu den Überflutungen sowie zu den Verklausungen, Hangrutschungen und morphologischen Prozessen. Diese Prozesse, zum Beispiel Erosionen am Flussufer, müssten nun lokal am Standort der Kraftwerke noch genauer betrachtet werden.

Kernkraftwerke halten das aus

Die Überflutungshöhen beim 10'000-jährlichen Hochwasser seien mit den jetzigen Sicherheitsmargen kein Problem, sagt Kenzelmann. Die Brennelemene im KKW Mühleberg liegen in Lagerbecken und deren Wärme hat sich stark reduziert. Auch wenn die Wärmeabfuhr im Falle eines Extremereignisses total ausfallen würde, könnte das nicht mehr zum Schmelzen der Brennelemente führen. Das Kernkraftwerk Leibstadt kommt in der Studie nicht vor, weil es am Rhein und nicht an der Aare liegt. Kenselmann sagt:

«Dieses Kraftwerk ist in Sachen Hochwasser überhaupt nicht gefährdet, weil es 22 Meter über dem Normalpegel des Rheins liegt.»

Er hält zudem fest, dass in Schweizer Kernkraftwerken alle Notstandssysteme, die im Falle eines extremen Hochwassers gefragt sind, speziell gebunkert seien. Das gebe es nur noch in deutschen und niederländischen Kraftwerken und entspreche hohen Sicherheitsmargen. Entwarnung gibt auch Simon Jungo vom Bundesamt für Energie (BFE) für die 19 untersuchten Stauanlagen an der Aare, der Saane, der Limmat und der Reuss. Die Sicherheit der Anlagen entspreche den neusten Erkenntnissen. «Falls Anpassungen nötig sind, werden wir das tun», sagt der Leiter Aufsicht und Sicherheit des BFE.

Die SES ist kritisch

Eine erste Stellungnahme hat die Stiftung für Energie (SES) abgegeben. Die Studie zeige, dass die befürchteten maximalen Wassermassen weitaus höher lägen als in bisherigen Nachweisen eingerechnet. Die grosse Gefahr stecke in den möglichen Verstopfungen von Wehren und Brücken rund um die AKW. Die SES behauptet zudem, die Studie habe den Einfluss des Klimawandels aussen vor gelassen, deshalb liege nahe, dass die Wahrscheinlichkeiten für extreme Hochwasser unterschätzt würden. Die SES werde die Studie nun eingehend prüfen.