Noch ein Buch über Sexarbeiterinnen – die Herausgeberinnen haben eine klare Meinung

Nach "Piff, Paff, Puff" werden nun in "Ich bin Sexarbeiterin" erneut Prostituierte in der Schweiz vorgestellt. Lanciert haben es Frauenhilfsorganisationen, die ein Verbot der Prostitution befürchten.

Sabine Kuster
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Verlassenes Bordell während des Lockdowns im Frühling.

Verlassenes Bordell während des Lockdowns im Frühling.

(Bild: Yoshiko Kusano)

Sie ist 35 Jahre alt und kommt aus Spanien, Emma wird sie genannt. Die Escort-Frau betont, man müsse sie nicht retten und aus der Hurenwelt befreien. Sie wolle den Job machen. Aber wer Spass an der Escort-Tätigkeit haben wolle, brauche zwei Leben: «Sonst macht es dich kaputt. Du brauchst Zeit, um dich ausloggen zu können. Ich kenne fünf Mädchen, die das Vollzeit machen. Denen geht es nicht gut.»

Das Buch, in dem Emmas Geschichte steht, heisst «Ich bin Sexarbeiterin». Es ist das zweite Buch mit Porträts von Prosti­tuierten in der Schweiz innerhalb dreier Monate. Wieder bekommen Sexarbeiterinnen eine Stimme, wieder wird einem beim Lesen elend. Doch das neue Buch kommt aus einer anderen Ecke als «Piff, Paff, Puff», das von der Journalistin Aline Wüst nach zweijähriger Re­cherche im Milieu erschien.

«Ich bin Sexarbeiterin» wird von neun Organisationen herausgegeben, die Anlaufstellen für Prostituierte sind, darunter Fiz, die Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration in Zürich, oder Xenia, die Fachstelle für Sexarbeit in Bern. Die Organisationen haben sich unter dem Slogan «Sexarbeit ist Arbeit» zusammengeschlossen und setzen sich dafür ein, dass Prostitution – oder eben Sexarbeit – nicht länger stigmatisiert wird.

Die Arbeitsbedingungen sind prekär

Auf die häufige Aussage, dass niemand diesen Beruf der eigenen Tochter wünscht, findet Juno Mac, Aktivistin einer englischen Sexworker-Gewerkschaft, das sei der falsche Ansatz: «Stellen Sie sich stattdessen vor, dass Ihre Tochter es tut.» Und dann solle man sich überlegen, wie sicher die Umstände sind, wo sie arbeitet.

In solchen Texten zwischen den Porträts sprechen sich die Herausgeberinnen deutlich dafür aus, dass Sexarbeit nicht verboten wird, denn nur so könnten die Arbeitsplätze von Prosti­tuierten sicher sein.

Victoria sagt sich: "Der Job ist okay." Und schwört sich doch manchmal nie mehr hinzugehen.

Victoria sagt sich: "Der Job ist okay." Und schwört sich doch manchmal nie mehr hinzugehen.

(Bild: Yoshiko Kusano)

Victoria aus Osteuropa arbeitete zuerst in einem Warenhaus in England, aber von dem, was sie dort verdiente, konnte sie kaum leben. Sie entschied sich für die Sexarbeit. Nach dem ersten Mann habe sie sich nicht gut gefühlt, habe sich an das Abspalten der Persönlichkeit von der Arbeit gewöhnen müssen. Mit den Freiern versucht sie Sex mit möglichst wenig Körperkontakt zu haben. Victoria bilanziert: «Heute sage ich mir einfach: Der Job ist okay. Aber ich bin auch schon von der Arbeit nach Hause gekommen und habe mir geschworen, dass ich aussteige.»

Die Porträtierten wurden nicht über längere Zeit begleitet. Dafür zeigt das Buch die ganze Bandbreite der im Milieu arbeitenden Frauen: Escort-Frau Emma, eine Domina, ein Trans-Mann, eine Sexualbegleiterin für Menschen mit Behinderung und ein männlicher Sexarbeiter.

Arienne aus Ungarn, die jetzt als Putzfrau arbeitet, sagt: «Ich bin am Abend müde und erleichtert, dass ich nicht mehr auf den Strichplatz kommen muss.» Die Nigerianerin Aimée bilanziert, sie hätte gerne mehr gelernt und wäre gerne eine erfolgreiche Frau geworden, aber so sei es nun halt.

«Ich habe keine Erwartungen mehr an das Leben. Aber sterben will ich auch nicht.»

Eine Bulgarin hingegen sagt: «Wenn ich einen anderen Job wollte, könnte ich jederzeit wechseln. (…) Aber ich möchte das tun, was ich wirklich liebe, denn Sexarbeit ist meine Leidenschaft.» Und die Trans-Frau aus Brasilien sagt, natürlich sei es keine einfache Arbeit, es gebe betrunkene und gewalttätige Kunden. Zwischenzeitlich hat sie in einer Restaurantküche und als Coiffeuse gearbeitet: «Ich wollte sehen, wie es ist, ein normales Leben zu führen. Doch es gelang mir nicht.»

Wer es nicht tun muss, ist privilegiert

Das Buch hat einen glänzenden Umschlag, in dem sich jede und jeder, die oder der es in die Hand nimmt, spiegelt.

Lelia Hunziker von der Fachstelle Fiz sagt: «Sexarbeit ist für viele nicht der Job erster Wahl. Aber es ist eine Option, wenn man wenig Alternativen hat.» Und damit die Sexarbeiterinnen geschützt werden könnten, müssten die Arbeit legal und die Arbeitsbedingungen gut sein.

Sexuelle Dienstleistung zu verkaufen und zu kaufen, sei extrem stigmatisiert in der Gesellschaft. Auf die Frage, ob sie selbst es okay findet, wenn Männer Sex kaufen, weicht Lelia Hunziker aus: «Das ist eine spannende und komplexe Diskussion um Werte und Moral.»

Kein Schutz für die jüngsten Frauen

Fiz, wie auch die anderen Organisationen von «Sexarbeit ist Arbeit», lehnen Einschränkungen wie eine Alterslimite ab 30 Jahren ab, welche andere Fachleute zu einem minimalen psychischen Schutz der Frauen befürworten. Im Buch fällt aber auf, dass von zehn porträtierten Frauen vier erst ungewöhnlich spät, nämlich nach 30, ins Geschäft eingestiegen sind.

Das Argument ist wiederum, dass Sex dann mehr im Untergrund angeboten würde. Sie gehe nicht davon aus, dass es den Markt eindämmen würde. Fakt ist, dass das Angebot an käuflichem Sex in der Schweiz riesig geworden ist – durch die Personenfreizügigkeit und auch weil im Nachbarland Frankreich und in vier nordischen Ländern Freier inzwischen bestraft werden. Sexarbeiterinnen verdienen schlechter als früher, was verschiedene Porträtierte beklagen.

Strichplatz in Zürich.

Strichplatz in Zürich.

(Bild: Yoshiko Kusano)

Der Menschenhandel, also Netzwerke und Zuhälter, welche Frauen in die Schweiz bringen und ihnen einen Teil des verdienten Geldes abknöpfen, kommen im Buch nur am Rande vor, in der Einleitung steht, die Mehrheit sei nicht Opfer von Menschenhandel. Und: «In diesem Buch geht es um Sexarbeit, nicht um Menschenhandel.» Das lässt das Buch einseitig erscheinen.

Denn rund 85 Prozent aller Prostituierten in der Schweiz sind Migrantinnen: Etwa 30 bis 50 Prozent arbeiten unter Zwang gemäss Alexander Ott, Chef der Einwohnerdienste, Migration und Fremdenpolizei der Stadt Bern. In den anderen Fällen ist die Abgrenzung schwer: wenn die Frauen sagen, sie würden es freiwillig tun, aber durch Armut und Kinder dazu gezwungen sind.

Die Organisationen von «Sexarbeit ist Arbeit» bieten auch Ausstiegshilfen für Prostituierte an. Doch die Kampagne «Für eine Schweiz ohne Freier, Stopp Prostitution» der Zürcher Frauenzentrale bekämpfen sie vehement.

Die neun Frauenorganisationen machen sich stark dafür, dass Frauen bei der Sexarbeit bessere Bedingungen haben. Doch mit dem Kampf gegen Einschränkungen billigen sie auch, dass Freier weiter leichten Zugang zu jedem Sex haben, den sie wollen.

«Ich bin Sexarbeiterin», Limmat-Verlag, 2020, 150 S., Fr. 32.