Ferienstau
Ameisen stehen nicht im Stau – weil sie nicht egoistisch sind

Können wir den Insekten ihre Tricks abschauen auf dem Weg in die Ferien? Vermutlich nicht. Vermutlich können das aber bald unsere Autos.

Christian Satorius
Drucken
Teilen
Alle möchten so schnell wie möglich am Ziel sein – doch als Individuum gelingt das nicht. Was Ameisen können, könnte künftig auch die Car-to-Car-Kommunikation.
2 Bilder
Alle möchten so schnell wie möglich am Ziel sein – doch als Individuum gelingt das nicht. Was Ameisen können, könnte künftig auch die Car-to-Car-Kommunikation.

Alle möchten so schnell wie möglich am Ziel sein – doch als Individuum gelingt das nicht. Was Ameisen können, könnte künftig auch die Car-to-Car-Kommunikation.

Bilder: Keystone

Endlich ist der langersehnte Urlaub da, und dann steht man erst mal stundenlang im Stau. Dabei sollten die Ferien doch Erholung und Entspannung bringen. Aber lassen sich Staus zum Ferienbeginn und generell überhaupt verhindern?

In der Tierwelt jedenfalls schon: Ameisen haben eine Lösung für das Problem gefunden, denn der Blick auf eine Ameisenstrasse zeigt: Ameisen stehen nicht Stau. Die Wissenschaft winkte allerdings lange Zeit ab, wenn es darum ging, die Tricks der Ameisen auf unsere Autobahnen und Landstrassen zu übertragen. Diese Einschätzung hat sich in letzter Zeit geändert.

Warum wir Menschen überhaupt im Stau stehen, weiss die Verkehrsforschung schon lange: Baustellen und Unfälle stehen ganz vorne auf der Liste der Hindernisse, die den Verkehrsfluss behindern und einen Stau verursachen können. Besonders interessant ist allerdings der sogenannte Stau aus dem Nichts her­aus: Plötzlich stockt der Verkehr ohne ersichtlichen Anlass, ohne Baustelle, ohne Fahrbahnverengung oder Unfall. Es kommt zu Stop-and-go-Wellen und schliesslich zum Stau. Aus genauso unerklärlichen Gründen löst sich dieser später wieder auf.

In einem Experiment gab es sofort Stau

Wie das passiert, haben japanische Wissenschaftler erforscht und dabei entdeckt, was wir Menschen falsch machen. Die Physiker und Mathematiker um Yuki Sugiyama von der Universität in Nagoya schickten ihre Versuchspersonen mit einer klaren Vorgabe in die Experimente. Die Fahrer wurden instruiert, dem vorherfahrenden Fahrzeug in der gleichen Geschwindigkeit (30 km/h) zu folgen und dabei den Sicherheitsabstand einzuhalten, der beim Start für alle Fahrzeuge gleich war. Dann schickten die Wissenschaftler unterschiedlich viele Fahrzeuge in mehreren Durchgängen ihres Experiments auf einen 230 Meter langen Rundkurs.

Was sich einfach anhört, stellte sich als problematisch her­aus. Auf den Videoauswertungen zeigte sich, dass der Verkehr nur zu Beginn problemlos dahinfloss. Nicht allen Fahrern gelang es nämlich in der Folge, ihre Position exakt einzuhalten, und so änderte sich der Sicherheitsabstand, aber auch die Geschwindigkeit einiger Fahrzeuge schon nach nur wenigen Minuten geringfügig. Manche Fahrzeuge mussten deshalb langsamer werden, um ihren korrekten Sicherheitsabstand zum vorherfahrenden Fahrzeug einhalten zu können, andere schneller.

Es gelingt uns nicht, die Geschwindigkeit zu halten

Auf diese Weise bildeten sich nach kurzer Zeit Fahrzeuggruppen, an deren hinterem Ende die Fahrer bremsten, um nicht zu dicht auf das voranfahrende Fahrzeug aufzufahren. Die vorderen Fahrzeuge versuchten hingegen, die verlorene Geschwindigkeit wieder aufzuholen, und beschleunigten stärker, sodass Stop-and-go-Wellen entstanden, die sich mit einer Geschwindigkeit von rund 20 km/h entgegen der Fahrtrichtung ausbreiteten.

«Wir konnten zeigen», resümiert Sugiyama die Ergebnisse der Studie, «dass ein Verkehrsstau auch ohne einen Flaschenhals entsteht».

Aber warum können es die Ameisen besser? Das untersuchte ein internationales Forschungsteam um Laure-Anne Poissonnier von der Universität von Toulouse in Frankreich. In ihren Experimenten verbanden die Wissenschaftler ein Ameisennest über eine künstliche Brücke mit einer Futterquelle, sodass die Tiere nur über diese kleine Brücke an ihr Futter gelangen konnten. Dann liessen sie unterschiedlich grosse Populationen Argentinischer Ameisen (400 bis 25600 Tiere) über diese Brücke zu ihrem Futter und wieder zurück zum Nest laufen.

Gleichzeitig veränderten sie die Breite der Brücke, und zwar von 5 Millimetern auf 10 und auf 20 Millimeter. Die Ergebnisse der insgesamt 170 Experimente zeigten, dass der Verkehrsfluss auf der Brücke selbst dann nicht ins Stocken geriet, wenn 80 Prozent der Brückenoberfläche mit Ameisen bedeckt war. Den Wissenschaftlern zufolge waren die Ameisen in Sachen Stauvermeidung doppelt so effektiv wie wir Menschen.

Wir müssten uns als Fahreinheit begreifen

Das Erfolgsgeheimnis: Alle Ameisen liefen mit derselben Geschwindigkeit, Trödler und Drängler gab es nicht. «Die Ameisen passen ihr Verhalten den veränderten Bedingungen an», resümiert Poissonnier.

Andere Forscher kamen in ihren Studien mit Ameisen zu ähnlichen Ergebnissen. Wenn es auf einer Ameisenstrasse richtig voll wird, überholt keiner den anderen, keiner trödelt, keiner drängelt, vielmehr passen die Tiere ihre Geschwindigkeit einander an.

Laut den Verkehrsforschern besteht genau darin der Unterschied zu Menschen: Bei uns will jeder schneller sein als der andere und als Erster im Ziel ankommen. Die Ameisen hingegen kennen keinen Egoismus, sie verhalten sich als einziges grosses Team.

Somit lässt sich aber das Erfolgsgeheimnis der Ameisen nicht so einfach auf unsere Autobahnen und Landstrassen übertragen. Doch mit neuen Technologien scheint dieses Ziel nun in die Nähe zu rücken: Wenn die Fahrzeuge untereinander kommunizieren und sich gegenseitig warnen, dann liesse sich wohl Stau vermeiden. Diese Car-to-Car-Kommunikation ist längst keine Zukunftsmusik mehr, sondern wird zurzeit mit Hochdruck erforscht.

Aktuelle Nachrichten