Teurer Genuss
Wie schmeckt einer der teuersten Whiskys der Welt? Wir nippten an der 50'000-Franken-Flasche

David Stewart wacht seit 1974 über die Geheimnisse der Destillerie Balvenie in Schottlands Nordosten. Seine exklusivste Kreation – den Balvenie 50 – kann man jetzt auch in der Schweiz probieren.

Samuel Schumacher und Fabian Hock
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Schottland exportiert jedes Jahr Whiskys im Wert von mehreren Milliarden – auch in die Schweiz.

Schottland exportiert jedes Jahr Whiskys im Wert von mehreren Milliarden – auch in die Schweiz.

Bilder: The Balvenie

Nein, ein geduldiger Mensch sei er eigentlich nicht, sagt David Stewart in die Kamera. Aber er müsse halt, anders könne er seinen Job ja nicht ausführen. Dann hebt Stewart im fernen Glasgow seinen Whisky zum Prosten vor die Linse. Im Glas schwappt ein zwölfjähriger Balvenie, sein Standard-Drink an einem normalen Wochentag. In unseren Gläsern aber wartet ein Gutsch von Stewarts Meisterwerk: dem Balvenie 50, einem 50-jährigen Whisky aus der gleichnamigen Destillerie im Nordosten Schottlands.

Stewart, seit 1974 der Brennmeister von Balvenie, hat all sein Wissen in die Kreation des seltenen Tropfens gesteckt. Kurz nachdem der heute 76-Jährige Anfang der 60er-Jahre bei Balvenie als Buchhalter angefangen hatte, wurde der Gerstensaft in die Eichenfässer geleert und 50 Jahre lang in Ruhe gelassen. 148 Flaschen des edlen Destillats gibt es weltweit. Im Einzelhandel kosten sie je rund 50000 Franken.

Ein Whisky, so teuer wie ein brandneuer Familienwagen: Ist das purer Wahnsinn, oder ist der Balvenie 50 wirklich so viel besser als die Tausenden Konkurrenten, die man sich für einen Bruchteil des Preises kaufen kann? Das wollen wir herausfinden. In einem Anflug hedonistischer Genusslust nach einem guten Jahr pandemiebedingtem Verzicht reisen wir in die Urner Bergwelt ins Hotel Chedi Andermatt, wo die einzige «Balvenie 50»-Flasche der Schweiz steht.

David Stewarts Meisterwerk: der «Balvenie 50». Nur 148 Flaschen gibt es, eine davon in der Schweiz.

David Stewarts Meisterwerk: der «Balvenie 50». Nur 148 Flaschen gibt es, eine davon in der Schweiz.

Bilder: The Balvenie

Rapper und Boxer mit eigenen Marken

Seit seiner Erfindung im Jahr 1494 durch den Mönch John Cor im schottischen Kloster Lindores hat der Gerstensaft eine erstaunliche Wandlung durchlebt. Das einstige «aqua vitae» der Klosterbrüder (auf Gälisch heisst Whisky noch heute «uisge beathe», «Wasser des Lebens») ist längst zur global gehandelten Massenware geworden. Allein die 133 Destillerien in Schottland exportieren jährlich Whisky im Wert von mehreren Milliarden Franken. Glamouröse Investoren wie der kanadische Rapper Drake oder der irische Boxer Conor McGregor haben eigene Whiskymarken lanciert. Mit dem Welt-Whisky-Tag am 21. Mai hat die hochprozentige Spirituose sogar einen eigenen «Fiirtig».

Viel Brimborium um ein Getränk, das in seiner Herstellung erstaunlich einfach ist: Man nehme frische Gerste, weiche sie ein («mälzen»), trockne sie auf einem Dörrboden und räuchere sie nach Belieben im Torfrauch (oder wie in Island im Schafskot), mahle das Ganze, kippe das Mehl ins Wasser, vergäre den Sud, destilliere diesen «Wash» und lagere ihn für mindestens drei Jahre in Holzfässern. Danach wird das Destillat mit frischem Wasser verdünnt, gefiltert und abgefüllt. Fertig.

Ganz so einfach sei das dann doch nicht, erzählt David Stewart, während wir den 50-jährigen Whisky «zum Schnuufe» zur Seite stellen und stattdessen an einem Glas mit Balvenie 21 nippen («wie wenn du eine torfig süsse Wolke verschluckst», Flaschenpreis 180 Franken). An über 400000 Fässern hat der legendäre «Malt Master» in seiner Karriere schon geschnuppert und unzählige Fässer zusammengekippt, um die perfekte Mischung hinzubekommen. Nur dank jahrzehntelanger Erfahrung gelingt es ihm, aus immer neuen Fässern die immer gleichschmeckenden Spirituosen zu kreieren.

Fast die ganze Familie nebeneinander: Balvenie 12, 21, 30 und 40. Nur Balvenie 50 fehlt.

Fast die ganze Familie nebeneinander: Balvenie 12, 21, 30 und 40. Nur Balvenie 50 fehlt.

Bilder: The Balvenie

Auch die Engel fordern ihren Anteil

Vor uns steht ein neues Glas, Balvenie 30, 990 Franken pro Flasche. Wir nippen («wie eine Katzenpfote am Gaumen: pfeffrig, kratzig, Ingwernoten, und wenn du ihn runterschluckst, zieht die Pfote ihre Krallen ein, samtweich») und lauschen Stewarts Storys. Wieso ist guter Whisky eigentlich so wahnsinnig teuer? «Ist er nicht», sagt Stewart und hebt erneut sein Glas mit seinem Zwölfjährigen (Flaschenpreis: rund 50 Franken). Der hier tue es allemal. Je älter aber ein Whisky sei, umso höher die Lagerungskosten – und umso grösser der Verlust durch den «angel’s share»: Pro Jahr verdunsten zwei Prozent des Fassinhaltes und gehen «zu den Engeln». Je länger der Whisky lagert, umso weniger bleibt im Fass zurück.

Mit Bedacht und Respekt also soll man die alten Säfte trinken. Zum Beispiel den Balvenie 40, den wir als Nächstes probieren («liebliche Zitrusnoten, wie ein flüssiger Blumenstrauss», Flaschenpreis: knapp 5000 Franken). Wer sich den Genuss der teils torfig-rauchigen, teils edelsüssen Tropfen einmal gönnt, entkommt dem Bann des Gerstengeistes kaum noch. Der Schauspieler Humphrey Bogart bereute auf seinem Sterbebett, nicht mehr Whisky getrunken zu haben. Der Sänger Frank Sinatra nahm gar eine Flasche Whisky mit ins Grab. Und die Bewohner Irlands sind dem hochprozentigen Genuss so sehr verfallen, dass sie über den Whisky sagen, er sei eine Erfindung Gottes, um die Iren davon abzuhalten, die Welt zu erobern.

Vier goldene Regeln für Einsteiger

1. Am Boden bleiben

Ein guter erster Whisky für die eigene Hausbar muss nicht teuer sein. Tolle Einstiegswhiskys gibt es bereits für unter 50 Franken.

2. Aufs Jahr achten

3 Jahre muss der Whisky im Fass lagern, vor 7 Jahren wird er meist nicht angerührt. Ab 15 Jahren wird es teuer. 12 Jahre eignen sich für den Einstieg bestens.

3. Experimentieren

Gönnen Sie Ihrem Whisky einige Minuten an der Luft, bevor Sie ihn trinken. Ein paar Tropfen Wasser nehmen ihm die Schärfe. Verzichten Sie jedoch auf Eis.

4. Spass haben

Es muss nicht immer geschwenkt, geschnüffelt und gefachsimpelt werden. Das «falsche Glas» gibt es nicht. Whisky soll Spass machen!

Doch mit den irischen oder amerikanischen Whiskeys (mit «e» geschrieben) fangen wir gar nicht erst an. Wir bleiben bei den Schotten, genauer beim Balvenie 50. Ein «rares Vergnügen» sei das, sagt David Stewart. Nur wenige Tropfen der rund 20 Millionen Whisky-Fässer, die derzeit in Schottland lagern, enden dereinst in derart exquisiten Bouteillen.

Welche Köstlichkeiten die Brennmeister einst aus ihnen hervorzaubern werden, weiss niemand. Stewart weiss nur, dass er seine Nase nicht mehr lange in all die Fässer stecken will. Er hat eine Nachfolgerin auserkoren, die seinen Job übernehmen wird: Kelsie McKechnie heisst die 29-jährige Schottin. Dass die Destillerie bei ihr in guten Händen sein wird, hat sie bereits bewiesen: Sie war dabei, als David Stewart die sieben Fässer auswählte, aus denen er den Balvenie 50 zusammenmischte.

David Stewart gibt sein Amt als Brennmeister bald an Kelsey Mc- Kechnie weiter.

David Stewart gibt sein Amt als Brennmeister bald an Kelsey Mc- Kechnie weiter.

Bilder: The Balvenie

Wie er schmeckt, dieser sündhaft teure Saft? Schwer zu beschreiben, finden wir. Am besten probieren Sie’s bald selber mal. Ein bisschen Exzess nach all dem Verzicht darf ja wohl sein.

Unsere Redaktion wurde eingeladen, den Balvenie 50 im «Chedi Andermatt»zu probieren.

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