Kultur

Zweifelnde Tochter, stolze Mutter: Ariela Sarbacher nähert sich in ihrem Romandebüt einer rätselhaften Familiengeschichte

Ariela Sarbacher

Ariela Sarbacher

In «Der Sommer im Garten meiner Mutter» der Zürcher Schauspielerin Ariela Sarbacher schaut man beeindruckt einer kunstvoll und spannend komponierten Selbst- und Herkunftsbefragung zu.

Es ist eines der grossen Motive für das Schreiben: Weil man nicht aufhören kann, sich an jemanden zu erinnern. Ariela Sarbacher, Zürcher Schauspielerin, Coach, Tai-Chi-Lehrerin mit Jahrgang 1965, folgt in ihrem Romandebüt dieser Spur, liefert aber mit «Der Sommer im Garten meiner Mutter» keine schmachtende Liebesschmonzette und auch keine wütende Abrechnung. Nein, man kann ihr Buch als dringlichen, konzentrierten, fragenden und am Ende klärenden Abschiedsbrief an eine prägende Person lesen: an ihre verstorbene Mutter. Eine schöne, intelligente Frau, kultiviert, zäh und verschlossen, mit ­rätselhaftem Stolz, selbstbestimmtem Wesen – und einem Hinkefuss.

Ihr gegenüber fühlt sich die unbeherrschte, zweifelnde Tochter unterlegen. Aber von der trotzdem geliebten Mutter gibt es kein Loskommen, selbst als Schauspielerin auf der Bühne nicht: «Wenn ich spreche, spricht sie aus mir, wenn ich zuhöre, hört sie mit.»

Besonders gelungen ist der naiv fragende Kinderblick

Vorerst ungeordnet scheinen diese Erinnerungsfragmente. Es sind präzise beschriebene Szenen, aus der Ich-Perspektive und immer wieder wechselnd zwischen Kinder-, Jugend- und Erwachsenensicht berichtend, was Sarbacher sprachlich souverän meistert. Vor allem der staunende, neugierige, naive Blick des Kindes gelingt ihr absolut stimmig: Woher hat die Mutter den Hinkefuss? Klackende Frauenschuhe auf der Zürcher Bahnhofstrasse bewundert das Mädchen als ein selbstbewusstes «Hier bin ich».

Warum aber hockt der italienische Nonno immer alleine in seinem Zimmer und löst dort mathematische Aufgaben? Wie können die Eltern nach ihrer Scheidung so aufgeklärt tun, während sie, das jugendliche Scheidungs- und Einzelkind, überdies Schulabbrecherin, sich nicht mehr zurechtfindet? Und gegen Ende des Buches: Wie soll es die nunmehr erwachsene Tochter und selbst Mutter zweier Mädchen ertragen, dass ihre Mutter durch Exit in den Freitod geht?

Nach und nach wird im fragmentarischen Erzählen die biografische Chronologie erkennbar. Als uneheliches Kind war die Mutter im bigotten und ärmlichen Nachkriegsitalien erst ausgegrenzt, dann wegen ihrer Intelligenz bei reichen Freundinnen beliebt und wegen einer Blutvergiftung als 12-Jährige fast gestorben. Die Tochter erfährt es spät – und ist beschämt über ihre eigene kleinliche Wehleidigkeit.

Kunstvolle und spannende Herkunftsbefragung

Sarbacher weiss, wie man gleich zu Beginn Spannung erzeugt. Da kippt die warmherzig-vertraut scheinende Gute-­Nacht-Szene am Kinderbett in Verbissenheit: Die Mutter schlägt dem quengelnden Mädchen mit einem Lineal auf den Po, weil sie im Dunkeln nicht einschlafen kann. Aber hatte sie nicht gerade zuvor gesagt, nach dem Tod werde alles dunkel? Später wird sie herausfinden, dass die Mutter nur ihrem Mann zuliebe ein Kind bekam.

Die doppelte Heimat, Italien und Zürich, bekommt in diesem Roman eine wunderbar filmische Anschaulichkeit. Scharf beobachtet, immerzu mit dem bohrenden Fragezeichen der Tochteroptik. Bis in den Namen des Ehemannes der Erzählerin darf man eine Menge Autobiografisches vermuten. Im Roman Tom, im Leben Thomas Sarbacher, ein bekannter Schauspieler. Man schaut hier beeindruckt einer kunstvoll und spannend komponierten Selbst- und Herkunftsbefragung zu.

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Autor

Hansruedi Kugler

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