Zeitgeschichte
Leben einer Philosophin: Albaniens Diktator drangsalierte ihre Familie – trotzdem bekennt sie sich zum Sozialismus

Die 42-jährige Lea Ypi lehrt heute an einer englischen Elite-Uni. Ihr grossartiges Buch über ihre Mädchenjahre im bleiernen Albanien zeigt, wie leicht sich Freiheitsideale verraten lassen.

Julian Schütt
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Als Kind umarmte sie freiwillig die bronzenen Knie Stalins: Autorin Lea Ypi.

Als Kind umarmte sie freiwillig die bronzenen Knie Stalins: Autorin Lea Ypi.

Bild: David Levenson/Getty Images

Wenn uns bei jedem patriotischen Anlass eingetrichtert wird, wir würden im freisten und unabhängigsten Land leben, denken wir natürlich sofort an die Schweiz. Die Philosophin und Schriftstellerin Lea Ypi denkt aber ans Albanien der beiden letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, als das Land die wahre stalinistische Hochburg hinter dem Eisernen Vorhang war.

Diktator Enver Hoxha brach sowohl die Beziehungen zum kapitalistischen Westen als auch zu den übrigen Ostblockstaaten ab. Selbst mit der Sowjetunion und mit China hatte er sich überworfen. Faktisch war Albanien damals das isolierteste und unfreiste Land der Welt, nicht einmal die Gedanken waren frei.

Die kleine Lea nennt den Diktator «Onkel Enver»

Freiheit ist, wie man aus Lea Ypis klugem und bewegendem Buch mit dem schlichten Titel «Frei» lernen kann, nur bedingt eine subjektive Kategorie. Bekommt die kleine Lea in der Schule zu hören, sie lebe im freisten Land auf Erden, glaubt sie es, nennt den schrecklichen Diktator liebevoll Onkel Enver und umarmt im Park die bronzenen Knie Stalins.

Der albanische Staats- und Parteichef Enver Hoxha nimmt in Tirana bildwirksam ein Bad in der Menge, aufgenommen in den frühen 60er Jahren.

Der albanische Staats- und Parteichef Enver Hoxha nimmt in Tirana bildwirksam ein Bad in der Menge, aufgenommen in den frühen 60er Jahren.

Bild: Keystone

Vor der neugierigen Tochter müssen die intellektuellen und darum verdächtigen Eltern verbergen, was sie wirklich denken, denn jederzeit ist damit zu rechnen, dass sich die Kinder verplappern und damit die ganze Familie in Gefahr bringen.

Irgendwann erfährt die junge Lea, dass sie aus einer Familie kommt, die «eine Biografie hat». Das ist ein Codewort: Man hat eine gute oder schlechte Biografie. Lea Ypi hat eine schlechte. Manche Vorfahren waren einflussreich, verschwanden in den Gefängnissen. Die Familie verlor ihren Besitz. Nur verständlich, dass Lea Ypis Eltern nach dem Ende der Diktatur dem Sozialismus die Schuld an ihrer Misere geben. Sie verstehen nicht, weshalb ihre Tochter ausgerechnet Philosophie und besonders innig jene von Kant und Marx studiert.

Ypi nennt ihr Buch im Untertitel «Coming of Age at the End of History». Sie erzählt von ihrem Erwachsenwerden im stalinistischen Albanien und vom radikalen Übergang des Landes zu einem Liberalismus, der alles Staatliche zurückstutzen möchte und auf die Marktkräfte vertraut. Die flüchtenden Albaner, die eben noch in ganz Europa als freiheitsliebend gefeiert worden sind, werden wie Kriminelle behandelt, sobald sie sich an die italienische oder sonst eine europäische Küste gerettet haben. Man schickt sie umgehend nach Albanien zurück.

Lea Ypi, Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte. Suhrkamp Verlag, 333 Seiten.

Lea Ypi,
Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte.
Suhrkamp Verlag, 333 Seiten.

Bild: zvg

Schon bald zeigt sich, wie gefährdet die Freiheit ist, sobald sie ausgelebt wird. Lea Ypi interessiert sich vor allem für Ursprungsmomente. Sie geht dem Wort «Freiheit» nach, wie es sich im Kopf des Mädchens festsetzt und manche Gedankengänge provoziert. Sie studiert später Philosophie und Literatur, forscht in Rom, Paris, Oxford oder Stanford über politische Theorie. Heute lehrt die 42-jährige Philosophin an der Elite-Uni London School of Economics und hält da auch Seminare über Sozialismus, zu dem sie sich bekennt.

Oft bleibt die Freiheit eine Freiheit für Privilegierte

Lea Ypis Buch «Frei» ist völlig frei von akademischem Fachjargon. Sie denkt die Theorie nicht in Begriffen, vielmehr in Menschen – in den Menschen, die sie am besten kennt. Gerade indem sie den Blick auf Albanien richtet im Umbruch vom gescheiterten Sozialismus zum rabiat neoliberalen Kapitalismus, kann sie belegen, wie die Freiheit immer wieder geopfert und zu einer Freiheit für wenige Privilegierte wird.

Auch wenn es nicht darum geht, Hoxhas Albanien mit einem demokratischen Staat wie der Schweiz zu vergleichen, bleibt für Ypi doch jede Gesellschaft unfrei und repressiv, solange nur auf dem Papier jedes Mitglied sein Potenzial entfalten kann, in Realität aber ein Teil dieser Mitglieder vom Erfolg ferngehalten wird. Wir suchen allerdings in der grössten Unfreiheit noch kleine Freiheitsmöglichkeiten. Ypi spricht auch von der «inneren Freiheit, das Richtige zu tun», die wir alle haben. Aber ob wir wirklich frei sind zu entscheiden, was wir für das Richtige halten, ist eine andere Frage.

Lea Ypis grossartiges Buch lässt den Schluss zu, dass wir allein für uns nicht wirklich frei sein können, wenn unsere Freiheit auf Kosten anderer geht. Das ist ein aktueller Ansatz gerade jetzt in der Zeit der kaum überstandenen Covid-Pandemie, wo es immer mehr Menschen gibt, die glauben, ihre eigene individuelle Freiheit ohne Rücksicht auf andere ausleben zu können.

Lea Ypi, Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte. Suhrkamp Verlag, 333 Seiten.