Neuer Roman

Wird Peter Stamm nun ein Mystery-Autor?

Er führt seine Durchschnittsfiguren gerne ins Zwielicht ihrer Existenz und Gefühle: der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm.

Er führt seine Durchschnittsfiguren gerne ins Zwielicht ihrer Existenz und Gefühle: der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm.

Mit seinen neuen Erzählungen in «Wenn es dunkel wird» knüpft der Schriftsteller an literarische Vorbilder an – aber ohne Thrillereffekte.

Da hat man sich zu früh gefreut, denn der Start in diesen Erzählband wirkt misslungen. Ein zweiter Anlauf wird nötig und am besten überblättert man die ersten beiden Erzählungen im neuen Band des Schweizer Schriftstellers. Denn da stand doch als erster Satz des Klappentextes: «Unheimliche Geschichten von Peter Stamm», was man nach den zwei Startstorys als Etikettenschwindel empfinden muss.

Dieser literarische Feiningenieur in Sachen kleine Fluchten von unspektakulären Alltagsmenschen – der Schweizer Erfolgsautor und Buchpreisgewinner soll nun also ein Mysteryautor im Gefolge von ETA Hoffmann, Edgar Allen Poe, Franz Kafka und Stephen King sein? Müsste man eigentlich super finden. Endlich mal ein bisschen Action in seinem Werk.

Folgerichtig wäre es in Stamms literarischer Entwicklung. Das Zwiespältige und Vage der Gefühlswelt seiner Durchschnittsfiguren hatte schon immer einen dosierten Hauch Unheimlichkeit. In seinem vorletzten Roman «Weit über das Land» war sich die männliche Hauptfigur unerklärlicherweise abhandengekommen, ging von Gattin und Einfamilienhaus weg und verlor sich in den Bergen.

Und im zuletzt erschienenen Roman «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt», für den Stamm den Schweizer Buchpreis erhielt, begegnete der schriftstellernde Romanheld im Thurgauer Herbstnebel seinem Doppelgänger-Ich. Dass sich Stamm nun konzentriert auf das Unheimliche versucht, müsste man also begrüssen. Obwohl da grosse Fussspuren auf ihn warten.

Nach enttäuschtem Beginn folgen spannende Storys

Aber die Anfangserzählung «Nahtigal» mit dem pubertären David, der mit einer kindlichen Eichhörnchenmaske eine Bank überfallen will, ist zu harmlos. Und die zweite Erzählung «Das schönste Kleid» muss man grosszügig als ironisch auffassen, denn die Story nach dem Strickmuster «Mauerblümchen angelt sich mit einer verrückten Aktion den George Clooney aus ihrem Büro» ist mehr kitschig als unheimlich. Denn ohne das Bedrohliche funktioniert das Unheimliche nicht wirklich.

Die ersten beiden Texte kann man getrost überblättern. Der Band hält in der Folge aber eine ganze Reihe von spannenden, aus verschiedenen Perspektiven erzählten Storys im typischen, nüchternen Stamm-Sound bereit.

Einmal wird es sogar blutig, wenn auch nicht lebensbedrohlich – sondern eher rührend: «Wenn ich etwas gelernt habe in meinem Leben, dann, dass in der Liebe nicht die Erfahrung zählt, sondern die Hingabe.» Das sagt am Ende von «Mein Blut für Dich» eine Frau als überraschende Pointe über ihre Begegnung mit einem verstörten, viel älteren Einzelgänger, den sie beim Blutspenden kennen gelernt hat.

Schreiben mit Ovid, Oscar Wilde und Daniel Defoe

In ein Horrorszenario lässt Peter Stamm seine «unheimlichen» Geschichten nie hinauslaufen. Kurz vor seiner Pensionierung löst sich etwa in «Supermond» ein unscheinbarer Angestellter bei vollem Bewusstsein allmählich auf.

Noch nie beachtet, wird er zusehends ignoriert und von seiner Frau gar nicht mehr wahrgenommen – bis er sich tatsächlich schwerelos verflüchtigt. So treibt Peter Stamm die von Franz Kafka wiederholt beschriebene, unheimliche bürokratische Aushöhlung des Menschen konsequent in ein existenzielles Verschwinden.

Eine Art feminine Neuschreibung des «Das Bildnis des Dorian Grey» von Oscar Wilde findet man in «Sabrina». Darin schreibt Stamm Ovids «Metamorphose» und Eichendorffs «Marmorbild» zeitgenössisch weiter. Er lässt die Erzählerin sich allmählich in ihr Ebenbild einer Aluminiumskulptur verwandeln, für das sie Modell gestanden hatte.

Versammelt sind in diesem neuen Band wiederum wie meist bei Peter Stamm jene Momente der Versuchung, in denen seine Figuren kleine Fluchten aus ihrer trägen, als banal empfundenen Welt wagen.

Dieses Grundmotiv variiert er erfindungsreich und schlüpft wie selbstverständlich in eine ganze Reihe unterschiedlicher Menschen: Mann und Frau, Alt und Jung, die jeweils so farblos sind, dass man sich nicht gerne in ihnen wiederfindet.

Man mag diesen Erzählband als Nebenwerk oder als Fingerübungen eines Routiniers betrachten, vielleicht dient sogar deren Material als Skizzen für spätere Romane.

Aber wenn man zuerst «Cold Reading» liest, eine «lost-in-story» um eine sich in Barcelona zu einem Wahrsager verirrende Frau, dann eine neckische Email-Story wie «Dietrichs Knie» um einen von ihrem Partner verhinderten Seitensprung und danach in «Wenn es dunkel wird» eine atmosphärisch dichte, düstere Alpensaga um verschwundene Kinder – dann liest man auch eine kleine Weltgeschichte der fantastischen Literatur mit.

Zum Schluss lässt Peter Stamm in «Schiffbruch» einen Bankrotteure in einem Zürcher Nobelhotel sich sogar als herbeifantasierter Robinson Crusoe von der Aussenwelt abnabeln.

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Autor

Hansruedi Kugler

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