INTERVIEW
Zürcher «Tatort»-Ermittlerinnen: «Wir sind da, um eine Illusion zu schaffen»

Hygienemasken im «Tatort»? Bloss nicht!, finden die Darstellerinnen des Zürcher «Tatorts», Anna Pieri Zuercher und Carol Schuler. Am 28. Februar kommt ihr zweiter Fall ins Fernsehen.

Julia Stephan
Drucken
Teilen
Anna Pieri Zuercher und Carol Schuler als «Tatort»-Kommissarinnen.

Anna Pieri Zuercher und Carol Schuler als «Tatort»-Kommissarinnen.

Bild: Sava Hlavacek/SRF

Das Zürcher «Tatort»-Kommissariat liegt unscheinbar oberhalb einer Coop-Filiale in Zürich-Affoltern. Ein langer Drehtag geht gerade zu Ende für Carol Schuler und Anna Pieri Zuercher, während in der Coop-Filiale unten ein Kunde dem Mann an der Kasse diskret einen Ladendieb verrät. Schuler und Pieri Zuercher jagen beim Dreh der «Tatort»-Folgen drei und vier aber keine Ladendiebe, sondern ganz andere Kaliber. Nächste Woche kommt Folge zwei («Schoggiläbe») ins Fernsehen.

Carol Schuler und Anna Pieri Zuercher, wir sitzen hier im Zürcher «Tatort»-Kommissariat. Haben die Arbeitsplätze Ihrer Figuren eigentlich irgendetwas Charakteristisches?

Anna Pieri Zuercher: Auf meinem Schreibtisch stehen mehrere Fotos, eines von meinem Film-Sohn, eines von Isabelle mit Carla Del Ponte, mit der sie am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gearbeitet hat. Und die Kunst an der Wand (Pieri Zuercher zeigt auf ein grosses Gemälde mit dem Schattenumriss einer bewaffneten Frau) gehört ebenfalls Isabelle Grandjean.

Carol Schuler: Tessa Ott hatte in Folge eins ihren ersten Arbeitstag, von ihr sieht man noch ziemlich wenig. Sie ist nicht sehr häuslich, das Kommissariat nicht ihr Lieblingsort. An ihrem Platz herrscht höchstens Unordnung.

«Ich lerne dank der vielen Autogrammanfragen aus Deutschland endlich mal dieses Land besser kennen. »

Spüren Sie den «Tatort»- Effekt schon dahingehend, dass Sie auf der Strasse angesprochen werden?

Schuler: Da während der Maskenpflicht momentan eh alle inkognito herumlaufen, werde ich bisher kaum erkannt.

Pieri Zuercher: Die Leute, die mich erkennen, sind alle sehr nett. Und ich lerne dank der vielen Autogrammanfragen aus Deutschland endlich mal dieses Land besser kennen. Ich muss die Städte auf der Landkarte regelrecht suchen, frage mich manchmal: Gibts diese Stadt überhaupt?

Ich kenne kaum ein «Tatort»-Team, das in den ersten zwei Folgen so viele schicksalhafte Wendungen und Konflikte durchlebt wie Sie beide. Geht das jetzt im gleichen Tempo weiter?

Schuler: Das wird schwer zu halten sein. In der zweiten Folge «Schoggiläbe» wird die Beziehung der Ermittlerinnen noch einmal vertieft. In den Folgen drei und vier stehen dann die Fälle mehr im Vordergrund.

Pieri Zuercher: Das SRF produziert pro Jahr zwei Fälle, da muss man sich unbedingt noch etwas aufsparen.

In welchen Milieus sind Sie beim Dreh unterwegs?

Pieri Zuercher: Für den dritten Fall bewegen wir uns in der Kunstszene. Fall vier wird in der Pharmaindustrie spielen.

Bleibt es bei der starken Konkurrenz zwischen Ihnen beiden?

Schuler: Schon als bei der ersten Folge «Züri brännt» alle über uns schrieben, hey, die hassen sich, fand ich, dass man zwischen diesen beiden Frauen durchaus eine Verbindung spürt. Wir bewegen uns in kleinen Schritten aufeinander zu.

Pieri Zuercher: Ich denke, Isabelle erkennt langsam für sich, dass Tessa trotz ihres jungen Alters einen guten Job macht. Aber Isabelle lässt sich nach wie vor nicht auf eine Beziehung mit Tessa ein. Sie ist immer noch frustriert, weil sie nicht Chefin geworden ist, will in der zweiten Folge Zürich sogar verlassen.

Wie erleben Sie den Dreh unter Corona-Schutzmassnahmen? Stand je zur Disposition, die Pandemie im Drehbuch zu verankern?

Schuler: Nein, und ich finde das auch gut so. Wer jetzt Fernsehen schaut, möchte nicht auch noch in einem Krimi Menschen mit Masken sehen. Das ist zwar unsere Lebensrealität. Aber wir sind ja gerade dafür da, eine Illusion zu schaffen, auch wenn die Welt da draussen gerade ganz anders aussieht.

Der Preis der Illusion bedeutet für Sie handkehrum viele Masken beim Dreh?

Pieri Zuercher: Wir machen jeden Morgen einen Corona-Schnelltest, erst dann gehts los.

Schuler: Wir haben beim Dreh in der Tat sehr viele maskierte Menschen um uns herum. Wenn dir dann beim Essen mal jemand ohne Maske begegnet, lernt man sich manchmal zum zweiten Mal kennen. (Lacht). Aber wir sind beide sehr glücklich über das Privileg, arbeiten zu dürfen. Die Existenz vieler meiner Kollegen – freischaffende Künstlerinnen und Musiker – ist gerade ernsthaft bedroht. Ich stand im Februar 2020 zuletzt auf einer Theaterbühne.

Neue Folge «Schoggiläbe »am 28. 2. im Fernsehen

In der zweiten Folge «Schoggi­läbe» müssen die beiden Kommissarinnen Isabelle Grandjean und Tessa Ott auf dem Zürichberg den Tod eines Schokoladenfabrikanten aufklären. Für Tessa Ott werden die Ermittlungen im Reichenmilieu unfreiwillig zu einer Begegnung mit ihrer familiären Herkunft. Regie führt wie in Folge eins die in Berlin lebende Schweizerin Viviane Andereggen, auch das Drehbuch kommt wieder von Stefan Brunner («Freud», Serie Netflix/ORF) und Lorenz Lan­genegger («Jahr ohne Winter», Roman). Der «Tatort» wird am 28. Februar, 20.05 Uhr auf SRF1 ausgestrahlt. (jst)