FRAUEN AN DER MACHT
Darf eine Seniorin im Bundeshaus Seil hüpfen? Warum jetzt im Parlamentsgebäude wilde Weiber für Aufruhr sorgen

Zum Anlass der zweiten Frauensession und von 50- Jahre Frauen-Stimm- und Wahlrecht erobern Künstlerinnen das Bundeshaus. Eine ungehörige Ausstellung zeigt, wo Frauen ihren Platz haben - im Zentrum der Macht.

Daniele Muscionico
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24 Tonnen Stein gegen wendige, weiche Frauensilhouetten. In der Ausstellung «Frauen im Bundeshaus» trifft Eidgenossin auf Eidgenosse.

24 Tonnen Stein gegen wendige, weiche Frauensilhouetten. In der Ausstellung «Frauen im Bundeshaus» trifft Eidgenossin auf Eidgenosse.

Bild Heinke Torpus

Unser Bundesheiligtum ist nicht wiederzuerkennen. Wer ab heute das hohe Haus durch den Besuchereingang betritt – es ist zu empfehlen, das Zutrittsprozedere ist menschenfreundlich, die Leibesvisitation wird höflichst appliziert – traut seinen Augen nicht: Die Polit-Kathedrale ist im Besitz wilder Weiber.

Überall sind sie, ungestüm, unverrückbar und just dort, wo man nicht mit ihnen rechnet. Ganze drei haben sich in der Kuppelhalle am Fusse der drei Eidgenossen gruppiert: ein Frauenkorso für Walter Fürst, Werner Stauffacher und Arnold von Melchtal. Unter weiblicher Begutachtung schrumpft das tonnenschwere Trio zu prähistorischen Opernsängern. Was für ein Elend aber auch, seit 1914 hier festzementiert zu sein, ohne Einfluss zu haben auf den Lauf der Geschichte.

Die Frauen im Bundeshaus betreiben den Ausverkauf des heiligen Ernstes und männlichen Popanzes. Glanz und Gloria gebühren nicht mehr der Monumentalarchitektur. Ab heute haben im schwerblütigen Gehäuse weibliche Formen und Normen Platz: Ein frecher roter Haarschopf lugt hier über eine Balustrade, dort orakelt ein Mondweib, eine Spiegel- und eine Reinemachefrau mit Besen stellen sich Parlamentarierinnen und Parlamentariern in den Weg. Und, ist es die Möglichkeit, in der Wandelhalle, ein Laufsteg auf 44 Metern Länge, übt eine ergraute Dame Seilspringen.

Auch das Frauennetzwerk Küttingen ist heimlich dabei

Die wilden Weiber sind los, und das hat seinen Grund. Zum Anlass der zweiten Frauensession und zur 50-Jahre-Feier des Frauenstimm- und Wahlrechts hat das hohe Haus die Rolle eines Kunsthauses übernommen. Die erste Kunstausstellung in der Geschichte des Bundeshauses ist eröffnet. Der Schweizerischen Gesellschaft Bildender Künstlerinnen (SGBK) glückt ein Coup, 67 ihrer Mitglieder halten eine Mahnwache ab im Zentrum der Macht. Sie sind präsent in Form ihrer eigenen Silhouetten, in einer Hand gut sichtbar der Wahlzettel. Die Botschaft ist unmissverständlich: Wir sind viele, wir bewegen uns nicht von der Stelle, wir haben hier unseren Platz. Denn Gleichberechtigung ist noch lange nicht erreicht.

Die Figuren der Künstlerinnen aus allen Landesteilen üben eine Stellvertreterfunktion. Sie verkörpern die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung, und sie stehen auch für jene Schwestern, die nicht eingeladen wurden. Zum Beispiel das Frauennetzwerk Küttigen.

Als die Frauen von der Aktion des SGBK erfuhren, schenkten sie einer der beteiligten Künstlerinnen, Evelyn Dönicke (Muttenz), Schriftbänder mit Parolen, die sie zum Jubiläumsjahr angefertigt hatten. Zwar war Dönickes Silhouette, die in Bern stehen sollte, schon fertig, aber sie griff zu einer Finte, man ist ja Frau: In einer zusätzlichen Umhängetasche verstaute sie die Aargauerinnen. So wanderten diese ungesehen über die graue Grenze ins Bundesheiligtum ein.

Eine «Männergesellschaft» ohne «Weiber»

So schön die Sache gedacht ist, ein Punkt irritiert. Wieso steht hinter der breitenwirksamen Idee nicht der grösste Berufsverband der Schweizer Kunstschaffenden, der mit Bundesgeldern unterstützt wird, die Visarte? Weshalb kämpft die sehr viel kleinere, privat finanzierte SGBK dafür, das Polithaus umzumünzen in ein temporäres Kunsthaus? Die Antwort liegt in der Geschichte. Und, die SGBK muss fantasievoll sein, sie kämpft um ihr Überleben.

Künstlerinnen war der Zugang zu Akademien wie auch zum 1865/66 gegründeten Berufsverband lange verwehrt. Alfred Hodler, langjähriger Präsident der GSMBA, Gesellschaft Schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten (heute Visarte), vertrat eine dezidierte Ansicht. In seiner «Männergesellschaft» tolerierte er «keine Weiber».

Als Antwort darauf griffen 1902 Schweizer Künstlerinnen zur Selbsthilfe. Hanni Bay, Adèle Lilljeqvist, Clara von Rappard, Martha Stettler und andere gründeten die SBGK. Und erst 100 Jahre später – auf Druck der Politik – öffnete sich 1972/73 auch die GSMBA den Frauen. Dass seitdem der neuere Berufsverband für Künstlerinnen attraktiver ist, weil über eine grössere Reichweite verfügend, liegt in der Natur der Sache. Die Pionierin hat das Nachsehen.

Urzelle und Vorkämpferin für Künstlerinnen

Doch die kämpferische Urzelle der Schweizer Kunst gibt nicht klein bei. Das Zustandekommen der Ausstellung ist die Leistung der Vizepräsidentin Elfi Thoma. Sie hat Sukkurs: Am 15. Dezember ist eine Führung durch die Ausstellung für Parlamentarierinnen und Parlamentarier anberaumt. Der bundeseigene Parlamentsdienst wiederum bietet jeden Mittwoch nicht weniger als zehn Führungen für die Öffentlichkeit an.

Nach Bern steht die Zukunft der 67 Künstlerinnen-Silhouetten noch in den Sternen. Möglich, dass man sie nächstes Jahr in der Stadt Ascona wiedertrifft. Hier der Rotschopf, dort die seilhüpfende Seniorin. Vorerst aber fegen sie (durch) das Bundeshaus.

Frauen im Bundeshaus: bis 17. Dezember. www.sgbk.ch