Analyse

War da DADA?

Im Cabaret Voltaire:Mit Dias, Filmen und 165 Namen an der Decke wird die Geschichte des Dadaismus rekonstriert

Im Cabaret Voltaire:Mit Dias, Filmen und 165 Namen an der Decke wird die Geschichte des Dadaismus rekonstriert

100 Jahre Dada: Das Jubiläum begann laut und stürmisch - nun ist es vorbei, ein bisschen ausgeschwappt. Wer hat eigentlich profitiert?

Mit lautem Tatütata hupten sich Zürichs Neu-Dadaisten diesen Januar ins Bewusstsein des Publikums. 100 Jahre kreative Dekonstruktion galt es zu feiern. Und dazu Zürich, den Nabel von Dada. Das Cabaret Voltaire, wo damals im verschonten Territorium Exilanten und Quertänzerinnen angesichts des Kriegs-Grauens sich gefragt haben: Und nun? Welche Antwort hat die Kunst? Haben wir noch eine Sprache?

Die spontane Antwort von Hugo Ball, Emmy Hennings, Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck, Sophie Taeuber-Arp, Hans Arp und Marcel Janco war Stottern und Stammeln, war Maskerade – und so wurde der Kunststaat zu Gurkensalat. Die Bankrotterklärung war aber keine Kapitulation. Aus den Trümmern von Literatur, Musik und Tanz wollten die Künstler etwas Neues, etwas Unerhörtes kreieren. Dada war geboren. Die Kraft dieser Anti-Bewegung war ansteckend. Nicht als Massen-Epidemie. Elitärer als Dada war wohl selten eine Kunstbewegung.

Wie uns Ausstellungen zeigten, trieben wenige Dada voran, andere verguckten sich kurzzeitig und einige weitere umkreisten das ungetaktet pulsierende Dada-Herz, um das Korsett der akademisierten Kunst zu knacken, um geniesserisch eine Prise Unsinn oder ein paar verquere Silben zu erhaschen.

Dada seriös

Ähnlich verhielt es sich mit der 100-Jahr-Feier: Ein kleiner Kern Aktivisten scharte einen schmalen Kreis Sympathisanten um sich – und die grosse Menge schaute ergötzt, aber selten sehr engagiert zu. Im Vergleich zum Start-Rummel im Januar hielten sich die Auswirkungen auf Normal-Zürich arg in Grenzen. Der Virus mochte nicht zu greifen. Ein Zürifäscht war das Dada-Jubiläum mit Nichten und Neffen. Die Neo-Dada-Väter und -Mütter konnten ausser dem engsten Familienkreis nur wenige motivieren. Aber die Wissenschaft packte die Gelegenheit, das Geld und die geschickt generierte Aufmerksamkeit, um ihre Hausaufgaben zu machen. Un-dada-mässig seriös. Man kennt nun die Quellen, weiss über Dada global und lokal bis Dada Afrika Bescheid. Das Material ist aufgearbeitet, vieles in (Online-)Archiven greifbar.

Nun sind selbst die an Dada angehängten Festspiele beendet. Es soll gar Leute geben, die gedacht haben, das Jubiläum sei schon lange fertig gefeiert; andere brabbelten beim Stichwort Dada nur noch blabla oder gaga. Daran wird auch das Schluss-Symposium Anfang Juli im Kaufleuten nichts mehr ändern. Dort, wo einst das Bürgertum, Lenin und die Dadaisten feierten, haben heute Neo-Dada, Philosophen und Zürichs (Kultur-)Schickeria nebeneinander Platz. Dada war.

Dada leise

Leise wurde es ums laut eingeläutete Dada-Jubiläum aber auch, weil es schnell übertönt wurde. Der luftige Manifesta-Bau setzte sich ins Bild, der allzumenschliche Ungeruch aus dem Migros-Museum in die Nase, und neben Zürifäscht-Sound und Street-Parade-Bumm-Bumm haben Dada-Lautgedichte sowieso keine Chance. Selbst dass die Fussball-EM mehr Emotionen weckt als die Morgenandachten des Oberdadaisten, darf man auch als Kulturfrau laut sagen.

Ein Rätsel aber bleibt. Wenn Dada-Liebhaberinnen und Hugo-Ball-Epigonen Zünfter werden wollen, fragt man sich: Ist Zürich verrückt oder Dada bürgerbrav geworden?

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