Musikgeschichte
Wagners Walkürenritt zu Hitler und über ihn hinaus in die Filmwelt

Richard Wagner beeinflusste die Welt hollywoodreif: Ein Amerikaner zeigt es auf und schreibt eine Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Fritz Schaub
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Eine der bekanntesten Filmszenen, die mit Richard Wagners Musik unterlegt ist: Der Angriff mit US-Helikoptern auf ein vietnamesisches Dorf, das aus Lautsprechern beschallt wird mit dem Schlachtruf der berittenen Geisterwesen aus der Oper «Die Walküre».

Eine der bekanntesten Filmszenen, die mit Richard Wagners Musik unterlegt ist: Der Angriff mit US-Helikoptern auf ein vietnamesisches Dorf, das aus Lautsprechern beschallt wird mit dem Schlachtruf der berittenen Geisterwesen aus der Oper «Die Walküre».

Alamy

Über den Komponisten Richard Wagner (1813–1893) wurde mehr geschrieben als über jede andere Persönlichkeit – ausser über Christus und Napoleon. Jedenfalls ist eine Persönlichkeit selten so kontrovers beurteilt und in ihrer Wirkungsmacht so drastisch dargestellt worden wie Wagner. Jetzt liegt ein Band vor, der zwar nicht eine neue These zu Wagner bietet, aber die Wirkungslinien, die sich nach Wagners Tod in praktisch allen Kontinenten ausgebreitet haben, eindrücklich auffächert.

Richard Wagner (1813-1883)

Richard Wagner (1813-1883)

imago

Davon liefert der amerikanische Musikkritiker Alex Ross eine monumentale und gründlich recherchierte Bestandesaufnahme. Besonders kurz vor der Jahrhundertwende häuften sich die Thesen, welche eine verhängnisvolle Nachwirkung Wagners auf das spätere Weltgeschehen nachweisen wollten.

Wie viel Hitler steckt in Wagner?

Der Deutsch-Amerikaner Peter Viereck veröffentlichte schon 1939 in der Zeitschrift «Common Sense» den Artikel «Richard Wagner and Hitler». War man früher geneigt, Wagner als Opfer des Nationalsozialismus zu betrachten, so kehrte man jetzt den Spiess um und betrachtete Wagner gar als dessen Wegbereiter.

Wagner-Enkel Wieland legte nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinen kahlgefegten und symbolträchtig abstrahierten Bühnenbildern den Grundstein für das Neue Bayreuth, während die Familie Wagner zum Teil noch in den alten Gleisen verharrte. So erklärte Winifred, die Mutter von Wieland und Wolfgang, noch 1975 in einem Syberberg-Film: «Wenn Hitler heute hier zur Türe reinkäme, ich wäre genauso fröhlich, so glücklich, ihn hier zu haben, wie immer.»

Adolf Hitler mit Winifred Wagner vor der Villa Wahnfried bei der Eröffnung der Bayreuther Festspiele 1937.

Adolf Hitler mit Winifred Wagner vor der Villa Wahnfried bei der Eröffnung der Bayreuther Festspiele 1937.

Ullstein Bild Dtl. / ullstein bild

Nun ist dieser Strang, der von Hitler zu Wagner, Bayreuth und vermeintlich zum Holocaust führt, nicht der einzige in der ganzen Wirkungsgeschichte. Und Ross bettet ihn ein in den historischen und kulturellen Kontext. Trotzdem ist dieser Strang sehr lang, und er darf nicht einfach ad acta gelegt werden. Denn in den Bannkreis des Wagnerismus geriet Hitler schon bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Aber was begriff er von ihm? Die Meinungen darüber gehen weit auseinander. So viel steht fest: Wagners Werk ist zu komplex, zu widersprüchlich und zu vielschichtig, als dass man es nur für einen Zweck ausbeuten könnte. Allerdings war auch Schriftsteller Thomas Mann (1875–1955) der Meinung, Wagner reiche bereitwillig die Hand zu seiner eigenen Ausbeutung, etwa in den weiten Aufmärschen und den grossen altgermanischen Sujets. Der deutsche Hitler-Biograf Joachim Fest kam indes zum Schluss, dass in polemischen Äusserungen der Gehalt von Wagners Werken mit der Rezeptionsgeschichte verwechselt werde und die Rezeption auf die Werke rückübertragen werde.

1000 Filme mit Wagner-Musik

Alex Ross stellt an den Beginn seines Buchs das Ende Wagners. Die abstossenden Charakterzüge wurden in den Nachrufen – wie allgemein üblich – nicht erwähnt, umso mehr betonte man, eine Stimme sei verstummt, die «mit der Zeit vielleicht stärker wird, geachteter und geliebter». Mindestens zeigte sich: Wagner war nicht nur ein musikalisches Phänomen, sondern fand in allen Künsten Nachhall: in der ­Poesie, in der Literatur, in der Malerei, im Theater, im Tanz, in der Architektur oder im Film. Und dass die Klangmagie seiner Musik eine narkotische Wirkung ausübt, dürfte mancher Wagner-­Hörer kaum bestreiten.

Hollywood und der russische Film wären fast nicht denkbar ohne Wagners Musik. Mehr als 1000 Filme, rechnet Ross vor, verwenden seit dem Stummfilm «The Birth Of A Nation» Wagner als Filmmusik. Seither markiere der Walkürenritt fast immer männliche Heldentaten und ignoriere die Weiblichkeit der Walküren.

Wagner hatte auch Einfluss in der Psychoanalyse. Sigmund Freud verfasste, zwei Jahre nachdem er die «Meistersinger» gehört hatte, die «Traumdeutung». Zyklische Werke wie ­«Joseph und seine Brüder» von Thomas Mann, «Der Mann ohne Eigenschaften» von Robert Musil und in neuerer Zeit das Epos «Der Herr der Ringe» von J.R.R.Tolkien bis hin zu «Star Wars» aktualisieren Wagnersche Ausdrucksformen.

Ross zeichnet auch nach, wie «Wagnerianer» als Bezeichnung für Wagner-Anhänger zu einem festen Begriff wurde. Und dass dabei «wagnerianisch» gleichbedeutend war mit grandios, bombastisch, überwältigend und, auf heute bezogen, «sehr lang». Vor allem in Frankreich erlebte «Le Wagnérisme» eine Blütezeit, auch für Briten und Amerikaner war der geniale Komponist bedeutsam. Wagner-Spuren finden sich an verschiedensten Stellen in James Joyces «Ulysses», T.S.Eliots «The Waste Land» und in Virginia Woolfs «The Waves». Und Ross fand heraus: Auch «Finnegans Wake» von Joyce enthält 178 Anspielungen auf den «Ring» und 242 auf «Tristan». Und das, obwohl Joyce gar kein fanatischer Wagnerianer war.

Eine der grossartigsten Schöpfungen aus der Zeit unmittelbar nach Wagner ist für Ross «A la recherche du temps perdu» von Marcel Proust, erschienen in sieben Teilen zwischen 1913 und 1927. Ross zeigt, wie in das «nie schwülstige», als «eine Art persönliches Gespräch» konzipierte Werk Wagner-Spuren fein eingewoben sind. Damit es zum vollkommenen literarischen Pendant zur monumentalen «Ring»-Tetralogie von Wagner werde.

Alex Ross: Die Welt nach Wagner. Rowohlt, 912 Seiten.