Lyrik
Warum das berühmteste Gedicht der Welt von drei Frauen gleichzeitig übersetzt werden musste

Die Welt war hingerissen vom Auftritt der Dichterin Amanda Gorman an Präsident Joe Bidens Amtseinführung. Die deutsche Übersetzung des fulminanten Gedichts ist wachsam, aber klanglos.

Florian Bissig
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Die Dichterin Amanda Gorman.

Die Dichterin Amanda Gorman.

Kelia Anne / AP Sun Literary Arts

Das Inaugurationsgedicht der 22-jährigen Afroamerikanerin bekam eine mediale Bühne, wie sie sonst kaum je einem Gedicht zuteil wird. Selbstbewusst und mutig sprach Gorman die politische Aktualität an, den Sturm auf das Capitol, und stellte ihn in den Kontext einer visionären Zukunftsbeschwörung. «The Hill We Climb» ist ein moralischer Aufruf zu einer gerechten und geeinten Nation – und zugleich eine persönliche Demonstration: So weit kann es ein «dünnes schwarzes Mädchen» (so Gorman in ihrem Gedicht) bringen.

Unwiderstehlich war dieser Aufruf zu Einigkeit, Chancengerechtigkeit und Frieden dank der raffinierten Form des Gedichts. Gorman lässt die auf Walt Whitman zurückgehende amerikanische Tradition anklingen und verfügt zugleich über die Wucht des Rap. Sie arbeitet ausgiebig mit Stilmitteln wie Alliteration, Assonanz und Anapher und scheut auch den Reim nicht. Doch stets bleibt ihr Rhythmus satt und treibend, stets sind die Bilder anschaulich und die Botschaft eingängig.

Amanda Gorman trägt an der Inaugurationsfeier Bidens ihr Gedicht vor.

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Diese hundert dichten Zeilen nun in eine andere Sprache zu übertragen, ist eine grosse Herausforderung. Zugleich wäre es eine Chance für die Übersetzergilde, für einen Moment aus der dunklen Hieronymus-Höhle herauszutreten.

Wer darf wen übersetzen?

Bisher dominierte allerdings nicht die Kunst der Übersetzung die Diskussion, sondern die Frage nach dem richtigen «Profil» des Übersetzers. Aus dem Rennen genommen wurden, unter dem Druck von identitätspolitischen Stimmen, die Niederländerin Marieke Lucas Rijneveld und der Katalane Victor Obiols. Nun tobt ein Streit darüber, wer wen übersetzen darf. Der deutsche Verlag Hoffmann und Campe hatte dies vorausgesehen und mit Uda Strätling, Hadija Haruna-Oelker und Kübra Gümüşay ein Kollektiv, bestehend aus einer Übersetzerin, einer Rassismusforscherin und einer deutsch-türkischen Autorin, verpflichtet.

Als weiblich, divers und mit Minderheitenfragen vertraut ist das Trio nun ohne Shitstorms am Veröffentlichungstermin seines Werks angelangt. Dieses kündigt sich schon in der Übersetzung von Gormans Begrüssungsworten als identitätspolitisch wachsam an. Hier werden die «Bürger*innen Amerikas» angesprochen. Die Geschlechtsneutralität dürfte der Autorin recht sein. Ob sie hingegen mit «Americans» tatsächlich nur die Besitzer des amerikanischen Bürgerrechts gemeint hat, und nicht auch die Papierlosen, darf bezweifelt werden.

Poetische Momente: Eine allzu seltene Ausnahme

Die beflissene Korrektheit, die das Lyrik-Büchlein von Amanda Gorman vor sich her trägt, führt zuweilen vom Regen in die Traufe. In einem Anhang werden identitätspolitische Einzelheiten der Übersetzung erklärt. Etwa, dass «color» nicht mit «farbig» übersetzbar sei, weil die Vokabel herabsetzend sei. So wird die Passage «To compose a country committed / To all cultures, colors, characters, / And conditions of man.» wie folgt übertragen: «Ein Land für Menschen aller Art, / jeder Kultur und Lage, jeden Schlags.» Aus der «color» wird also die «Art». Damit ist man wieder bei der Rassentheorie, was wohl kaum als Fortschritt bezeichnet werden kann.

Das Zitat ist indessen ein Beispiel dafür, wie die Übersetzerinnen erfolgreich am Klang gearbeitet haben. Der siebenfache Stabreim des Originals ist unmöglich nachzubauen. Stattdessen bilden die Vokale von «Land», «Art», «Lage» und «Schlag» eine dichte Reihe von Anklängen und ersetzen so ein musikalisches Ereignis mit einem anderen. Leider sind diese poetischen Momente allzu seltene Ausnahmen. Strätling, Haruna-Oelker und Gümüşay sind der Sprachmacht Gormans oft nicht gewachsen. Vor Zeilen wie «We’ve braved the belly of the beast», die aus einer donnernden Baptistenpredigt stammen könnten, kapitulieren sie: «Wir haben tief in den Abgrund geblickt.» Das ist eine Inhaltsangabe, die weder die klanglichen Qualitäten noch die biblischen Metaphorik einfängt.

Für die Reime gibt es kaum Lösungen

Auch für die Reime, die Gorman effektvoll einsetzt, gibt es kaum Lösungen. Nichts könnte auffälliger sein als ein zwei Wörter umfassender Reim wie «And yet the dawn is ours before we knew it. / Somehow, we do it.» Die Übersetzung «Unversehens gehört uns der Morgen. / Irgendwie geht’s.» liefert sich unfreiwillig selbst ein Motto.

Die musikalische Dimension von Gormans Gedicht, die Zuschauer auf der ganzen Welt in den Bann schlug, in die Übertragung einzubringen, stand nicht hoch auf der Prioritätenliste des Übersetzergremiums. Weiter oben stand das Bestreben, die richtigen diskurspolitischen Signale auszusenden. Das ist schade um die ausserordentlichen poetischen Qualitäten des Originaltextes und eine vertane Chance für die Sache der Lyrikübersetzung.

«To compose a country committed
To all cultures, colors, characters,
And conditions of man.
And so we lift our gazes not
To what stands between us,
But what stands before us.
We close the divide,
Because we know to put
Our future first, we must first
Put our differences aside.»
«Ein Land für Menschen aller Art,
jeder Kultur und Lage, jeden Schlags.
Und so lenken wir den Blick nicht auf das, was zwischen uns steht,
sondern auf das, was vor uns liegt.
Wir schliessen die Gräben,
weil wir begreifen:
Soll an erster Stelle die Zukunft stehen, müssen wir erst
von unseren Differenzen absehen.»

Amanda Gorman: «The Hill We Climb» / «Den Hügel hinauf»

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