Documenta

Vorwärts in die Vergangenheit – das düstere Weltbild der wichtigsten Kunstausstellung

Die wichtigste Kunstausstellung zeichnet ein düsteres Bild der Welt. Ihr Leiter Adam Szymczyk verspricht eine Revolution. Die «Schweiz am Wochenende» nimmt Sie mit auf einen Streifzug durch die Documenta in Kassel.

Jede Documenta hat ihr Symbolwerk. Das der aktuellen Ausstellung steht wie so oft auf dem Friedrichsplatz, ist für einmal aber völlig unumstritten. Auch wenn das «Parthenon of Books» der argentinischen Künstlerin Marta Minujín hochpolitisch gemeint ist – und erst noch Bezug zum unschönsten Teil der deutschen Geschichte nimmt, auf die Bücherverbrennung der Nazis 1933 genau hier.

Trotzdem kann den Tempel der verbotenen Bücher, der für Demokratie, Toleranz und gegen Verfolgung wirbt, niemand falsch finden. Höchstens ein bisschen gross – oder noch unfertig. «Mir fehlen noch rund 25 000 Bücher», erklärte mir die Künstlerin am Mittwoch, «ich hoffe, dass viele Besucher weitere Werke mitbringen.» Gefragt sind Bücher, die auf irgendeinem Verbots-Index stehen oder standen. Die Auswahl sei ja unglaublich gross. Tatsächlich finden wir Werke von Goethe und Kafka bis Harry Potter, von der Bibel und Salman Rushdie bis Lenin sorgfältig in Plastik eingeschweisst und um die Säulen drapiert.

Als politisches Statement sieht Documenta-Leiter Adam Szymczyk seine Ausstellung mit dem Titel «Von Athen lernen». Was er damit genau meint, war mir trotz Lektüre im Vorfeld und auch nach den flammenden Reden einiger seiner Mit-Kuratoren an der Eröffnungs-Pressekonferenz nicht wirklich klar geworden. Die Documenta sei eine Rebellion gegen die falsche Entwicklung, proklamierten sie. Sie solle mit und durch die Kunst den Süden und Norden versöhnen, den wirtschaftlichen Neoliberalismus, Krisen und Kriege, soziale Ungerechtigkeit und Folgen der Kolonialisierung bekämpfen – und uns spürbar aufzeigen, wie unsicher die heutige Welt geworden ist.

Am Volk vorbei?

Müsste ich ein Werk benennen, das all das auf den Punkt bringt, würde ich die von vielen wohl unbemerkt abgeänderte Inschrift über dem «Museum Fridericianum» wählen. Neu steht im Giebel des klassizistischen Baus «BEINGSAFEISSCARY». Ein älterer Mann fragte mich: «Wissen Sie, was das soll?» Ich schüttelte erst den Kopf, sagte dann hoffnungsvoll: «Vielleicht muss man wie bei lateinischen Inschriften selber Zwischenräume einfügen. Das heisst doch «Beeing safe is scary». Sicher sein ist beängstigend/unheimlich. Nun schüttelte der Mann den Kopf: «Warum?» Er als Einheimischer findet die Documenta ja grundsätzlich eine tolle Sache. «Aber solche Dinge verstehen die Leute hier nicht.»

Rühmten da der Oberbürgermeister, der hessische Landesvater und die Bundes-Kulturpolitikerin an der Eröffnung für die Hunderten von Medienleuten die Documenta etwa am Volk vorbei? Wohl kaum. Denn auch einst umstrittene Arbeiten wurden mit den Jahren zu Markenzeichen, gar zu Dingen, die auch für den Mann vom Friedrichsplatz grosse Kunst (geworden) sind. Etwa der «Erdkilometer», den Walter de Maria 1977 in den Friedrichsplatz bohren liess, darin Messingstäbe von einem Kilometer Länge versenkte. «Geldverschwendung» hiess es damals. Kontrovers diskutiert wurde 1982 «7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung» von Joseph Beuys. Kann Bäume pflanzen Kunst sein?, lautete damals die Stammtischfrage. Richtig Freude hatten die Kasseler dagegen 1992 am «Man walking to the sky» von Jonathan Borofsky. Heute steht der Himmelsstürmer auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs, und ist zu einem der Wahrzeichen Kassels avanciert.

So lernt man von Athen

Doch zurück in die Gegenwart. Was Szymczyk mit «Von Athen lernen» meint, weiss ich nach dem Rundgang durch die weitverzweigte und mit rund 160 Künstlerinnen und Künstlern üppig bestellte Ausstellung immer noch nicht. Aber ganz praktisch hat Athen mich viel gelehrt. Genauer das Nationale Museum für Zeitgenössische Kunst (EMST) aus Athen, das im Fridericianum seine Sammlung präsentiert. Unbekannte Namen, aber eindringliche Werke zu Themen wie Krieg, Demokratie, politische Verfolgung, Migration bilden ein bedrängendes Panorama.

Laut hallen Gongschläge durch das Museum, Namen der Toten am mexikanischen Grenzzaun füllen eine Wand, im obersten Geschoss des Turms liegen zersplitterte Landeswappen aus Glas (Costas Varotsos), andernorts brennen sie, und Gastarbeiter in Vlassis Caniaris’ Installation brauchen nur ihren Körper zum Arbeiten in ein fremdes Land mitzunehmen. In einer riesigen Projektion steckt ein Fisch leblos inmitten scheinbar gemalter Beobachter am Speer, dann glotzen uns Machthaber-Fratzen an, Drähte versperren den Durchgang – und wer nach Köken Erguns Video «Soldier» nicht sofort Pazifist wird, ist selber ein Panzer.

Ähnliche thematische Schwerpunkte setzen die Ausstellungsmacher in allen bespielten Museen und Hallen. Der Musik, dem Klang, den Ritualen gehört die Documenta-Halle. Ob Plattencovers und Kostüme von Ali Farka Touré aber bildende Kunst sind? Und ob die eindringlichen Bildnisse der Basler Malerin Miriam Cahn beim Thema Rituale am richtigen Ort sind? Für mich eine Entdeckung sind hier die Masken des indigenen kanadischen Volkes der Kwakwaka’wakw und das gestickte Fries über das Alltagsleben der Samen von Britta Marakatt-Labba.

Über alle Kontinente und Jahrhunderte hinweg untersuchen Künstler in der Neuen Galerie kolonialistische Übergriffe, widerrechtliche Enteignungen, Sklaverei, christliche Missionierung und vom Westen selbstherrlich gesetzte Hierarchien. Nazi-Raubkunst ist mit Installationen von Maria Eichborn ein grosses Thema, der Fall Gurlitt wird mit Zeichnungen von Gurlitts Cousine und ein bisschen Liebermann angetippt. Und selbst im Palais Bellevue geht’s beängstigend martialisch zu und her, wenn Regina José Galindo im Video «La sombra» keuchend vor einem Leopard-Panzer davonrennt. Eine Warnung muss ich aber anbringen: Anhänger westlicher musealer Malerei kommen in Kassel nicht auf ihre Kosten.

Da die Documenta nur alle fünf Jahre stattfindet, zeugen Wechsel bei den Ausstellungsorten vom Wandel der Stadt. Die Post braucht auch in Deutschland weniger Platz, so kann die Documenta die riesige Halle nutzen – und hat den 60er-Jahre-Betonbau Schwupps in «neue Neue Galerie» umbenannt. Andrerseits sind die alten Hallen beim Bahnhof nun anderweitig genutzt, sodass der Kunst nur der alte Tunnel unter dem Bahnhofplatz bleibt – ein unheimlicher Ort für Performances. Arbeiten zur Multikulti-Gesellschaft finden in der Nordstadt oder in unbenutzten Verkaufs-Glaspavillons an der Quartiergrenze ihren passenden Platz. Einzig der grösste Grünraum Kassels, die idyllische Karls-Aue, bleibt von der Kunst diesmal fast verschont. Umso mehr irritiert dort ein aufgerissener Spazierweg, Lois Weinbergers frisch ausgehobener Garten.

Denkmal für Willkommenskultur

Auffällig – und fragwürdig – aber ist, wie rückwärtsgewandt sich diese Documenta gibt. Geschichte, Unrechts-Geschichte vor allem, bekommt sehr viel Gewicht. In der Gegenwart scheinen primär Migration und Gewalt Kunst- bzw. documentawürdig. Hans Haacke, der Altmeister der Textkunst, bringt es mit «Wir (alle) sind das Volk» vielsprachig auf den Punkt. Gar mitten in Kassel, auf dem runden Königsplatz, hat der aus Nigeria stammende US-Künstler Olu Oguibe mit seinem Obelisk der Merkel’schen Willkommenskultur ein Denkmal gesetzt.

In Goldlettern prangt hier viersprachig – in Deutsch, Türkisch, Englisch und Arabisch – das Jesus-Zitat «Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt». Als Publikumsmagnet erweist sich die Röhrenbehausung von Hiwa K auf dem Friedrichsplatz, die an Flüchtlinge und Obdachlose denken liesse, wenn sie denn von DesignStudentinnen und -Studenten nicht (zu) liebevoll in fotogene und wohnliche Mini-Wohnungen umfunktioniert worden wäre.

Von einem Blick in die Zukunft, von der Versöhnung und Veränderung, die Kunst nach dem Willen der Documenta-Leiter erzeugen könnte, habe ich in Kassel 2017 wenig gespürt. Jedenfalls nichts Hoffnungsvolles. Es sei denn, man sei Pessimist und nehme das Werk «Acropolis Redux» des Südafrikaners Kendell Geers als Prophezeiung. Der reduzierte Tempelbau wirkt so ästhetisch wie Marta Minujíns «Parthenon of Books» und ist so perfekt aus dem gesamten verfügbaren Arsenal an Stacheldraht-Rollen gebaut, dass er ins Lehrbuch der Schweizer Armee passen würde. Aber das ist mit dem Motto «Von Athen lernen» wohl kaum gemeint.

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