Knall auf Fall. Oder umgekehrt: erst Fall, dann Knall. Das ist, was Christian Haller (72) eines Nachts um vier aus dem Schlaf reisst. Und der Autor ahnt noch nicht, was in diesem Moment alles mitreisst: die Veranda seines Wohnhauses am Rheinufer, die darunterliegende Mauer – aber auch seine finanzielle Existenz und mit ihr: der Boden unter seinen Füssen.

Was ist passiert? Der gestaute Fluss hat das Gemäuer des Mittelalterhauses aufgeweicht, bis es einbrach. Für den Schaden aufkommen muss und will keiner und Haller selbst vermag es aus eigenen Mitteln nicht.

Die Story des autobiografischen Romans «Die verborgenen Ufer» könnte sich auswachsen zu einer literarischen Telenovela à la «Armer Autor erlebt Tragödie seines Lebens», doch das Gegenteil ist der Fall. Denn die existenzielle Bedrohung wirft den arrivierten Schriftsteller auf grundsätzliche Fragen zurück: Wer bin ich? Was bleibt, wenn meine Existenz infrage gestellt wird? Und: Wie kam es, dass ich zum Autor wurde?

Und schon ist man als Leser mit dabei im Kreisssaal des Provinzspitals, wo der eben entbundene Säugling Christian seine frierende Mutter anpinkelt. Es ist Krieg. Aber nicht diese latente Bedrohung ist es, die den Knaben ängstigt. Nein, das Dunkel der Nacht, aber genauso das grelle Sonnenlicht, die Töne um ihn herum.

Erst mit dem Erwerb der Sprache wird die Welt fassbarer, die Dinge verlieren an Schrecken, die Anlage des Knaben zum Schriftsteller scheint zum ersten Mal auf, von allen ungeachtet: «Durch den Namen blieben die Dinge unveränderlich fest, (…) blieben nur einfach das, was sie waren.»

Dafür bleibt im Leben der Hallerschen Familie nichts wie gehabt. Sie zieht nach Basel, wo die Mutter durch das bürgerlich-städtische Umfeld – und der Vater durch seine neue Stellung als Fabrikdirektor aufblühen. «Nun hatte Papa ein Lächeln um den Mund, war ein Herr, der Mama küsste und beim Gehen die Hand auf meine Schulter legte.»

Doch selbst die latente Bedrohung war mit umgezogen und zeigte sich nun in Alpbildern – sowie im Schulunterricht. Denn der Knabe Christian hat eine Leseschwäche; heute unter dem Namen Legasthenie erkannt und behandelt, doch für damalige Lehrer der Inbegriff bübischer Verstocktheit.

In Folge dieser Schwäche gleichen die Kindheits- und Jugendjahre des Schriftstellers einem Zickzackweg zwischen Fluchten und heimtückisch lauernden Schluchten. Nicht zufällig begeistert sich der Heranwachsende für Archäologie und zum Abtauchen in vergangene Zeiten, dann für Schauspielerei, also der Möglichkeit zu einem anderen Sein.

Doch beide Leidenschaften werden jäh beendet – einmal durch Kritik von aussen, einmal von Haller selbst. Auch das Lehrerseminar und die erste grosse Liebe scheinen in Sackgassen zu führen. Krise als Beruf und Lebensprinzip? Als der junge Mann einmal mehr nicht aus noch ein weiss, schleicht sich die Literatur quasi von hinten an: Auf einem Spaziergang verschmilzt der Anblick von Natur zu einer Art Schrift; die Worte fallen ihm wie von selbst zu.

Er braucht sie nur noch aufzuschreiben. Natürlich wird auch der Weg zur Literatur dem Meister der Selbstkritik nicht zum Sonntagsspaziergang werden. Aber ab dann stellt sich seiner konstanten Krise eine weitere Konstante zur Seite: die Literatur. Und wenn ihm ein väterlicher Schriftstellerfreund den Rat gibt: «Glauben Sie ja nicht, Sie könnten den Aarauer Frühlingsmarkt besser beschreiben als einen Basar, nur weil Sie in Suhr aufgewachsen sind», schüttelt man als Leserin vehement den Kopf. Es ist der einzige falsche Satz in «Die verborgenen Ufer». Denn mit seinem neuen Buch ist Haller nach einem Ausflug ins Fantastische zurückgekehrt zu seinen Stärken: dem Erzählen über das Eigene, das sich schon in der «Trilogie des Erinnerns» in einer Mischung aus Echtheit, Eindringlichkeit und Exotik kristallisierte.