Virtual Reality Spektakel
Wie ein Drogentrip: Sibylle Bergs neuen Roman gibt es jetzt als Filmerlebnis in 360°

Sibylle Bergs neuer Roman ist jetzt auch ein Erlebnis in 360°. Ein Spektakel ist das. Aber ist es auch noch Literatur?

Anna Raymann
Drucken
In einem Roman versinken? Die Virtual-Reality-Brille soll das noch leichter machen.

In einem Roman versinken? Die Virtual-Reality-Brille soll das noch leichter machen.

Kai Wiechmann / Digital Vision

Endlich können sich Bücherwürmer und Leseratten zu den Buddenbrooks an den reich gedeckten Esstisch setzen oder sich über den Chitinpanzer von Gregor Samsa beugen. Die Literatur hat die Virtuelle Realität, VR, für sich entdeckt. Die richtige Brille, ob gut ausgestattetes High-Tech oder eine simple Papp-Bastelei mit Halterung für das Smartphone, versetzt Leserinnen und Leser in fantastische Romanwelten.

Sibylle Berg macht mit ihrem neuen Roman «RCE. #RemoteCodeExecution» keine Lesereise, sondern stellt ihn so, für Nerds geeigneter, als virtuelle «Performance» in den Wohnzimmern ihres Publikums vor. Und so kommt es, dass man bald mit einer unbequemen Kartonkiste auf der Nase zur Bergschen Romanfigur wird, die nicht mehr unterscheiden kann «zwischen dem Leben im Netz und Real Life».

Rundumunterhaltung bis einem schwindelig wird

An Chipstüten vorbei blickt man auf die Bildschirme junger Hackerinnen. Man wird Teil eines hochglänzenden Unternehmens und lässt sich von Menschen – wenn sie denn nicht längst durch Avatare ersetzt worden sind – in orangen Ganzkörperanzügen zur Selbstoptimierung anspornen. Am OP-Tisch schneidet später eine grossbusige Frau einen Leib auf, tauscht Gedärm und Herz gegen Disketten. Eine halbe Stunde dauert der Film, der sich anfühlt wie ein verstörender Drogentrip woker Kunststudierender.

Kiepenheuer & Witsch / Youtube

Bei klassischen Filmen ist der Bildausschnitt gesetzt. Regisseure wie Wes Anderson überlassen keinen Blick dem Zufall und komponieren ihre Szenen bis ins letzte Detail. Auf 360 Grad kann das Publikum jedoch überall hinsehen – auch in die «falsche» Richtung. 360 Grad machen es leicht, wegzusehen – praktisch etwa bei der schauerlichen Szene im Operationssaal.

Gestalterisch schöpft das Regieteam um Sibylle Berg, und unterstützt vom VR-Kollektiv «Cyber Räuber» das technisch Mögliche aus. Vom Sessel oder noch besser (drehbaren) Bürostuhl aus gibt es rund um die eigene Achse einiges zu entdecken, die Überraschung sitzt, wörtlich, im Nacken. Und wer nach unten blickt, wird sich gar in einem neuen, immerhin gut genährten, Körper im schlecht sitzenden Anzug wiederfinden.

Die Szenen um einen herum sind prominent besetzt mit Katja Riemann, Olli Schulz und Faber. Und natürlich liest Sibylle Berg höchst selbst. Ob der spektakulären Umgebung kann es jedoch geschehen, dass man vergisst, ihr dabei zuzuhören.

Virtuelle Realität ist kein Ersatz für Fantasie

Eine Erzählung löst sich, durch die VR-Brille betrachtet, von ihrer linearen Abfolge und ist mehr räumliche Erfahrung, mehr atmosphärischer Eindruck, denn eine dramaturgisch komplexe Chronologie. Zugegeben, in einen Roman eintauchen, versinken, sich in ihm verlieren zu können, klingt reizvoll.

So ist Sibylle Berg auch nicht die erste, die Literatur in die virtuelle Realität trägt. Ein Projekt der Medienkünstlerin Sarah Elena Müller machte 2020 etwa aus Ilse Aichingers «Meine Sprache und ich» eine poetische Traumlandschaft.

Sarah Elena Müller macht aus Ilse Aichingers «Meine Sprache und ich» ein VR-Game.

Sarah Elena Müller / Vimeo

Erlaubt die VR-Brille also endlich den Blick in die Köpfe der Autorinnen und Autoren? Wer schreibt und sein Handwerk beherrscht, konnte auch schon ohne technische Hilfsmittel Welten erzeugen. Die Fantasie der Leserinnen und Leser tut ihr übriges und füllt diese Welten wohl reichhaltiger aus als es die meisten Drehbücher könnten. Nicht zuletzt deswegen haben Buchverfilmungen einen schweren Stand. «Das habe ich mir ganz anders vorgestellt», klingt das Fazit oft desillusioniert.

Auch Klaus Merz' «Los» gibt es in 360 Grad.

Sandro Zollinger / Vimeo

Wozu also das Ganze? Was kann die virtuelle Realität, worin sie die Fantasie nicht überträfe? Sie kann anregen. So etwa die vom Sundance Film Festival ausgezeichnete Interpretation von Klaus Merz’ Erzählung «Los», produziert von Sandro Zollinger. Zur klassischen Lesung bauen sich surreale Landschaften auf, sanfte Kulissen für eine Reise, von der es keine Rückkehr geben wird. Peter Thaler aber, der Protagonist, braucht diese Szenerie gar nicht zu betreten, er bleibt in den Köpfen des Publikums. Hier gelingt, was gute Literatur immer können sollte: Einen Raum entstehen lassen, der den Autor mit seinem Publikum verbindet.

RCE360°: Sibylle Berg in Zusammenarbeit mit Cyber Räuber, Stream auf www.sibylleberg.com
LOS: Klaus Merz und Sandro Zollinger, live am 9. Juni, Vögele Kultur Zentrum, Pfäffikon.