Hinterm Vorhang
Vier von fünf Schweizer Theaterschaffende sexuell belästigt – jetzt sprechen Betroffene

Eine Umfrage unter Schweizer Kulturschaffenden zeigt: 80 Prozent der Teilnehmenden haben in den letzten zwei Jahren mindestens einen sexuellen Übergriff erlebt. Betroffene sprechen über Nähe und Distanz in einem herausfordernden Arbeitsumfeld.

Julia Stephan und Julia Nehmiz
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CH Media

Blickt man hinter die Kulissen von Theatern und Opernhäusern, blickt man in Abgründe. Wo künstlerisch gern und oft über eine gerechtere Welt nachgedacht wird, gehören Hungerlöhne und unbezahlte Überstunden, Machtmissbrauch und Mobbing, Vetterliwirtschaft und sexuelle Belästigung zum Tagesgeschäft. Das belegt eine deutsche Studie. Sie ist damit nicht allein.

«Ist das noch ok, oder ist das schon Missbrauch?» Die Bühnenkünstlerin erlebt in ihrem Beruf mehr Graubereiche als die Bankangestellte hinter dem Schalter.

«Ist das noch ok, oder ist das schon Missbrauch?» Die Bühnenkünstlerin erlebt in ihrem Beruf mehr Graubereiche als die Bankangestellte hinter dem Schalter.

Illustration: Lea Siegwart

Der Schweizerische Bühnenkünstlerverband SBKV hat jüngst unter seinen Mitgliedern eine Umfrage durchgeführt. Die Zahlen schockieren: 80 Prozent aller Teilnehmenden haben in den letzten zwei Berufsjahren mindestens einen sexuellen Übergriff erlebt, 69 Prozent davon waren Frauen. Die Vorwürfe gehen von abwertenden und anzüglichen Sprüchen zu Angeboten beruflicher Vorteile bei sexuellem Entgegenkommen und in seltenen Fällen bis zur Vergewaltigung.

SBKV-Geschäftsleiterin Salva Leutenegger überraschte nicht nur die Zahl der Betroffenen – 260 Mitglieder meldeten 577 Vorfälle –, sondern auch die Zusammensetzung der Täterschaft. «Neben Vorgesetzten wurden im gleichen Umfang Arbeitskollegen genannt, das hatten wir so nicht erwartet», sagt sie.

Als Konsequenz hat der SBKV für seine Mitglieder im Internet eine anonyme Meldestelle eingerichtet. Eine Medienagentur soll in den nächsten Monaten die Fakten hinter den an den Verband herangetragenen Gerüchten und Vorwürfen prüfen.

Die Macht des Nestbeschmutzer-Narrativs

Fünf Jahre nach #MeToo scheint sich in der Kulturbranche die Erkenntnis durchzusetzen, dass Grenzverletzungen keine Kavaliersdelikte sind. Mit dem US-amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein, dem Dirigenten James Levine, dem Opernsänger Placido Domingo, dem Schauspieler Kevin Spacey und dem deutschen Regisseur Dieter Wedel sind eine Reihe angesehener und etablierter Künstler von ihren Sockeln gestürzt und teilweise auch verurteilt worden.

Filmproduzent Harvey Weinstein im Februar 2020 vor Gericht.

Filmproduzent Harvey Weinstein im Februar 2020 vor Gericht.

Keystone

Ein Hashtag mit Folgen

2017 machten prominente Schauspielerinnen in einem Artikel der «New York Times» öffentlich, vom US-amerikanischen Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein sexuell belästigt, eingeschüchtert oder vergewaltigt worden zu sein. Als die Schauspielerin Alyssa Milano wenige Tage später auf Twitter unter dem Hashtag #MeToo dazu aufrief, Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch öffentlich zu teilen, berichteten weltweit Millionen von Frauen und wenige Männer von ihren Erlebnissen, darunter viele Prominente.

Als Folge der internationalen Solidarisierungswelle wurden mehreren Prominente öffentlich angeklagt, darunter Schauspieler Kevin Spacey, Dirigent James Levine oder Opernsänger Placido Domingo. Mangels Beweisen oder wegen Verjährung kam es nur in den seltensten Fällen zu einer Verurteilung. Die Beschuldigten verloren jedoch oftmals ihren Job und ihre Reputation. Kritiker wie die französische Schauspielerin Catherine Deneuve nannten #MeToo deshalb 2018 in einem öffentlichen Brief eine «Kampagne der Denunziation und öffentlicher Anschuldigungen» und distanzierten sich von ihr.

Abseits rechtlicher Konsequenzen initiierte #MeToo ein intensives Nachdenken über Machtstrukturen und Alltagssexismus rund um das Geschlechterverhältnis, der teilweise zu strukturellen Verbesserungen für Frauen führte. In der Schweiz wurde der #MeToo-Hashtag 2017 zum Wort des Jahres gekürt. Im vergangenen Jahr wurde Harvey Weinstein zu 23 Jahren Gefängnis verurteilt.

Dass in der Schweiz ein #MeToo-Aufschrei bislang ausblieb, erklärt sich Salva Leutenegger mit der beinahe dörflichen Struktur der hiesigen Szene: «In Deutschland ist der Markt grösser, Umzug und Jobwechsel können einen Neuanfang bedeuten. In der Schweiz kennt jeder jeden. Wer öffentlich jemanden beschuldigt, riskiert, dass sich die Branche mit dem Beschuldigten solidarisiert.»

Das gilt umso mehr in der verschworenen Theaterfamilie, in der man auf engstem Raum gemeinsam schuftet, leidet und sich beflügelt. Das Nestbeschmutzer-Narrativ ist hier noch stark verankert. Seilschaften zwischen den Chefetagen der Institutionen sorgen dafür, dass ein vom Täter als «schwierig» etikettiertes Opfer nicht mehr engagiert wird.

Die St. Galler Opernsängerin Mona Somm machte 2018 mit weiteren Künstlerinnen in einem öffentlichen Brief publik, wie Gustav Kuhn, der damalige künstlerische Leiter, Regisseur und Dirigent der Tiroler Festspiele Erl, sich jahrelang verhielt: anhaltender Machtmissbrauch, regelmässige ungehemmte Aggression, Mobbing, öffentliche Blossstellung, Demütigungen und Schikane bis hin zu sexuellen Übergriffen. Heute sagt sie:

Ich muss damit umgehen können, dass Google-Aufrufe über meine Person mich ein Leben lang mit dieser Geschichte in Verbindung bringen. Das ist kräftezehrend und nicht immer angenehm.
Mona Somm, fotografiert im Oktober 2020.

Mona Somm, fotografiert im Oktober 2020.

Ralph Ribi

Unserer Zeitung berichten Betroffene ihre Geschichten deshalb anonym. Es sind vorgeblich banale bis traumatisierende Erlebnisse, doch alle haben in den Biografien dieser Menschen Spuren hinterlassen, ihnen Schuld- und Schamgefühle und noch mehr Selbstzweifel eingeimpft. Da ist Michael*, der im mehrwöchigen Probenprozess den unangemessenen Berührungen einer Regisseurin ausgesetzt war. Morgens begrüsste sie ihn mit dem Satz:

Du wirkst so angespannt, soll ich Dir einen blasen?

Da ist Michelle*, die sich von den homophoben und sexistischen Sprüchen und den öffentlichen Blossstellungen eines Regisseurs tief verunsichert fühlte. Den Kuss auf den Mund bei der Premierenfeier empfand sie als übergriffig.

Schauspieler Michael Ransburg war unter dem ehemaligen Intendanten Matthias Hartmann am Schauspielhaus Bochum und am Schauspielhaus Zürich engagiert. Er meldet sich als einziger mit Namen zu Wort. Sexuellen Missbrauch erlebte er nicht, dafür alle Spielarten des Mobbings, von Erniedrigung, Willkür bis Missachtung.

Die Schamgefühle aus jener Zeit verfolgen ihn bis heute, ebenso die Erinnerungen an Hartmanns Machtdemonstrationen: An einer Ensembleversammlung habe er der Belegschaft klar gemacht, dass er diejenigen, die von ihrem vertraglichen Recht auf bezahlte Überstunden Gebrauch machen wollten, fertigmachen würde. «Für eine Kollegin, die sagte, dass sie dies den Kolleginnen und Kollegen gegenüber respektlos fände, hatte dies Psychoterror zur Folge», erinnert er sich.

Michael Ransburg (links) bei einer Probe von Benjamin Schweitzers Kammeroper «Jakob von Gunten» 2010.

Michael Ransburg (links) bei einer Probe von Benjamin Schweitzers Kammeroper «Jakob von Gunten» 2010.

Keystone

Ransburgs Erfahrungen im System Hartmann zeigen eindrücklich, wie der Führungsstil eines Chefs sich in den sehr hierarchisch aufgebauten Stadttheatern auf untere Chefetagen fortpflanzt. So habe ein Vorgesetzter ihm gedroht:

Wir können hier mit dir machen, was wir wollen.

Ransburg ist nicht der erste, der Kritik an Hartmann übt. 2018 schrieben ehemalige Mitarbeitende des damaligen Wiener Burgtheater-Chefs (2009-2014) in einem öffentlichen Brief von einer «Atmosphäre der Angst und Verunsicherung». Hartmann entschuldigte sich damals öffentlich: «Ich habe es stets versucht zu vermeiden, mit der Macht zu spielen, die mir zu Gebote war. Das ist mir vielleicht nicht immer gelungen.» Nach jahrelanger Reflexion über die Geschehnisse sagt Ransburg ernüchtert, wenn auch das Theater nach wie vor liebend:

Missbrauch im Theater würde nicht funktionieren, wenn die Menschen mehr Selbstliebe und Selbstachtung hätten.

Matthias Hartmann weist die Vorwürfe zurück. Ein vertragliches Anrecht auf bezahlte Überstunden gebe es am Theater nicht. «Das Zitat kommt mir fremd vor», sagt er auf Anfrage. Psychoterror habe es nicht gegeben. «Wenn jemand es anders empfunden hat, bedauere ich das sehr.»

Matthias Hartmann war bis 2014 Direktor des Wiener Burgtheaters. Im Rahmen eines Finanzskandals legte er sein Amt nieder.

Matthias Hartmann war bis 2014 Direktor des Wiener Burgtheaters. Im Rahmen eines Finanzskandals legte er sein Amt nieder.

Keystone

Auch Sängerin Ursula*, seit vielen Jahren freischaffend, erlebte Momente der Machtlosigkeit. «Einmal habe ich einem Regisseur vor der Generalprobe widersprochen. Seine Antwort: ‹Wenn du jetzt nicht gut singst, singt eine andere die Premiere morgen.›»

An einer Probe fielen Sätze wie «Der Tenor küsst nicht gut, komm, ich zeige dir, wie küssen geht.» Als Studentin habe ein Dirigent ihr mit dem Satz «Du, ich hätte eine Tournee in Italien, wenn du nächste Woche zu mir nach Hause kommst, gibt es tolle Konzerte» sie mit einem zweifelhaften Angebot zu locken versucht. Ursula beendete die Zusammenarbeit. Und versteht trotzdem jede Frau, die lieber den Mund hält:

Wenn ich etwas sage, dann war es mein letztes Engagement. Das ist einfach Fakt.

Eine Ombudsstelle würde da wenig ausrichten können. Das Gefüge der freien Szene sei zu fragil. «Man ist einfach ersetzbar, innerhalb eines Tages.» Auf dem freien Markt gebe es null Schutz für Sängerinnen und Sänger.

Renommee schützt Regisseure

Auch Nadine* verfolgt ihre Geschichte bis in die Gegenwart. Vor Jahren hatte sie ein Kommilitone an der Schauspielschule vergewaltigt. «Ich kann mich an die folgenden Monate nicht mehr erinnern. Ich hatte Schlafstörungen, depressive Zustände», erzählt sie. T. ist heute ein erfolgreicher Regisseur. Er kooperiert mit grossen Namen der Szene, wird zu Festivals geladen, von wichtigen Kulturförderern unterstützt. Dass er sich in seinen Inszenierungen mit Feminismus, Machtmissbrauch und Manipulation auseinandersetzt, während Gerüchte über Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen seine Theaterarbeit begleiten, ist für seine Opfer besonders demütigend.

Dass er weiterhin engagiert wird, ist für Thomas Schmidt, Autor der erwähnten deutschen Studie und Professor für Theatermanagement an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main, aber keine Überraschung: «Unsere Studie hat auch deutlich gemacht, dass Regisseure geschützt werden, wenn sich Schauspieler beschweren, weil man diesen Star nochmals verpflichten will. Dabei müsste der Schutz der Schauspieler oberste Priorität haben.»

Urs*, ein langjähriger Kenner der Theaterszene, der anonym bleiben möchte, weiss aus unzähligen Gesprächen: Viele Biografien bedeutender Regiegrössen in der Schweiz müssten umgeschrieben werden, hätten Frauen den Mut, gegen sie auszusagen. «Ich kenne Regisseure, die eher ins Gefängnis gehören als an eine Probe.» Vor allem Schauspielerinnen, die heute zwischen 60 und 80 Jahren alt sind, seien in eine Arbeitskultur hineingewachsen, in der übergriffiges Verhalten als normal angesehen wurde. Wollte man inmitten der Männerbünde Karriere machen, musste man das erdulden. Er sagt:

Sie haben bis heute Angst davon zu erzählen. In der Schweiz wird immer der Whistleblower erschossen.

Schauspielschülerinnen in der «Besenkammer» durchgefickt

Die Täter legitimieren ihre Taten gerne mit der Notwendigkeit von Grenzüberschreitungen in der Kunst. Doch muss eine Grenzüberschreitung zwingend eine Grenzverletzung sein? Rückblickend auf ihre Erfahrungen mit dem übergriffigen Regisseur, sagt Michelle heute: «In einer so unsicheren Arbeitsumgebung konnte sich kein künstlerischer Prozess entfalten.»

Schauspielschulen könnten viel dafür tun, ihre Abgänger für die Graubereiche ihres Berufsfeldes zu sensibilisieren. Doch ältere Künstlerinnen und Künstler erlebten oft das Gegenteil: «Man lernte bereits in der Ausbildung, den Mund zu halten, wenn die Professoren dich anschrien», sagt Ursula. «Einmal habe ich einer Star-Sängerin geantwortet, «Sie brauchen mich nicht so anzuschreien. Ich wurde sofort des Kurses verwiesen. In meinem Zeugnis stand dann nur noch, ich hätte am Kurs teilgenommen.» Das vorgedruckte «erfolgreich» war von Hand durchgestrichen. Ein älterer Schauspieler erinnert sich an die Schilderungen einer Kollegin:

An der ehemaligen Schauspiel-Akademie in Zürich soll es diese Besenkammer gegeben haben. Es war normal, dass Schauspielschülerinnen zwischendurch dort durchgefickt wurden.

Solche Verhältnisse wären heute undenkbar. Thomas Schmidt findet trotzdem, dass Schauspielschulen zu wenig tun. «Studierende müssen mehr über ihre Rechte aufgeklärt werden. Sie sollen wissen, wann sie in einer Probensituation auch mal ‹Nein› sagen dürfen.» Seine Institution kennt Vertrauenspersonen für Studierende und arbeitet am ersten Verhaltenskodex einer deutschen Kunsthochschule.

An der Zürcher Hochschule der Künste werden solche Vertrauenspersonen gerade definiert. Neben dem internen Beratungsangebot soll eine externe Beratungsstelle eingerichtet werden. Marijke Hoogenboom, Direktorin Darstellende Künste und Film, stellt bei ihren Studierenden spätestens seit #MeToo eine erhöhte Sensibilität für dieses Thema fest.

Marije Hoogenboom

Marije Hoogenboom

ZHdK

Diesem Bedürfnis komme die Hochschule mit Workshops, Diskussionsrunden und Projekten nach. «Meiner Ansicht nach ist die beste Schulung, mit mutigen Vorfechterinnen und Vorfechtern einer anderen Betriebskultur im Theater zusammenzuarbeiten», sagt Hoogenboom.

Spätestens seit #MeToo nehmen auch Schweizer Stadttheater das Thema ernst. Externe Beratungsstellen wurden eingerichtet oder sind in Prüfung. Ein vom Schweizer Bühnenverband initiierter «Wertekompass», der die Arbeitskultur am Haus definiert, soll künftig auch bei Mobbing und sexueller Belästigung Orientierung bieten. Eigentlich hätte er im letzten Jahr erarbeitet werden sollen. Wegen Corona wurde das Projekt verschoben.

Dass externen Stellen dringend nötig sind, zeigt auch der Fall von Michael. Nach seinen Erfahrungen mit der übergriffigen Regisseurin beschwerte er sich bei der Schauspielleitung. Passiert ist nichts. Die Regisseurin war mit einem wichtigen Entscheidungsträger liiert.

Christoph Adam, heute Personalleiter und Mitglied der interimistischen Geschäftsleitung beim Theater Basel, führte schon 2013 zusammen mit dem damaligen Personalleiter einen Verhaltenskodex am Haus ein, liess Führungspersonal schulen und etablierte zwei Vertrauenspersonen, die den Mitarbeitenden als niederschwellige Ansprechpersonen zur Verfügung stehen. «Damals wurden unsere Bemühungen noch belächelt», erinnert er sich. Seit #MeToo hat sein Modell Vorbildcharakter.

Adam, der selbst sieben Jahre die Rolle der Vertrauensperson ausübte, führte in dieser Zeit mit seiner Vertrauens-Kollegin fast jeden Monat ein Gespräch. «Wir mussten auch schwierige Entscheide fällen, das war nicht immer einfach, aber es zeigt, dass unsere Arbeit nicht umsonst war.» Die vielen Missbrauchsfälle an Theaterhäusern erklärt er sich neben den noch immer starken Hierarchien mit einer weiteren strukturellen Besonderheit: «Hier arbeiten die unterschiedlichsten Berufsgruppen miteinander. Diese Menschen folgen nicht denselben uniformen Verhaltensregeln wie auf einer Bank. Im Theater sind «künstlerische Berührungen» bei Proben und auf der Bühne Teil des Berufes. Dies erschwert in gewissen Situationen die Definition des Graubereiches», so Adam.

Tauschgeschäft: Rolle gegen Sex

In Deutschland wurde 2018 als Reaktion auf #MeToo die Vertrauensstelle Themis gegründet. Sie begleitet Betroffene aus der Kultur- und Medienbranche juristisch und psychologisch. Eine von Themis durchgeführte Interviewstudie legt die Finger auf wunde Punkte im System: Die zum Schauspielberuf gehörende physische Nähe und seelische Entblössung seien das eine.

Das andere die Arbeitsbedingungen. Privat und persönlich seien im intensiven Arbeitsprozess kaum auseinanderzuhalten – wichtige Absprachen fänden beim Feierabendbier statt. Dass in diesem stark hierarchisch aufgebauten System ein extrem persönlicher Umgang gepflegt werde, befördere Missbrauch ebenso wie der hohe Arbeitsdruck, Konkurrenz, existenzielle Ängste, persönliche Abhängigkeiten und missbräuchlicher Alkoholkonsum.

Auch Michael Ransburg sagt rückblickend:

Du stehst oft so unter Strom, dass du erst viel später merkst, was eigentlich mit dir passiert ist.

In so einem geschlossenen System mit lauter ungeschriebenen Gesetzen sei man schneller bereit, seine persönlichen Grenzen für ein künstlerisches Projekt zu verschieben – von vielen Vorgesetzten werde das auch so gefordert, so die Stimmen aus der Studie.

Selbstausbeutung kann dabei extreme Formen annehmen. So erinnert sich ein Schauspieler daran, wie er von Kolleginnen sexuelle Gefälligkeiten angeboten bekam, weil man in ihm den künftigen Schauspieldirektoren vermutete. Kein Einzelfall, wie andere Vertreter der Branche bekräftigen.

Ransburgs Mobbingerfahrungen und die Studie machen deutlich, dass die überholte Praxis, Schauspielerinnen und Schauspieler zu «brechen» in den Köpfen vieler Regisseure noch herumgeistert. «Es wird selten offen so benannt», sagt Psychologin Marina Fischer, die bei Themis Opfer berät. «Jedoch zeigt sich in Verhaltensmustern wie Beleidigungen, Anschreien, fehlendem Mitspracherecht, Blossstellung und der Erwartung allzeitiger Verfügbarkeit leider genau diese Denkweise – besonders gegenüber jungen und unerfahrenen, aber auch vor allem weiblichen Schauspielenden.»

Die grösste Gefahr geht von der Normalisierung solcher Praktiken aus. Wenn die Grenzen verschoben werden, und niemand es merkt. Sängerin Ursula erlebte das häufig:

Wenn auf einer Probe ein Regisseur eine junge Schauspielerin auf den Schoss zerrte, wurde immer gelacht, nie interveniert.

Michael Ransburg fühlt sich in dieser Normalität schon lange nicht mehr zu Hause. Kürzlich lehnte er ein prestrigeträchtiges Filmangebot ab – auf der Liste der gecasteten Schauspieler stand der Name eines ehemaligen Peinigers. Auch das Angebot einer festen Ensemblestelle schlug er aus. Stattdessen hat er seine Erfahrungen in einem Einpersonenstück verarbeitet und arbeitet freischaffend. «Ich habe mich dank dieser Erfahrungen emanzipiert und bin glücklich dort, wo ich bin!», sagt er.

Nadine sieht ihre traumatischen Erfahrungen seit #MeToo in einem neuen Licht. «Mir ist klar geworden, dass ich mir nichts vorzuwerfen brauche. Und natürlich bin mir auch stärker darauf sensibilisiert, wie manche Regisseure und Kollegen ihre Machtposition ausnutzen. Bedauerlicherweise wirkt das Erlebnis bis heute in meine privaten Beziehungen. Noch heute fühle ich Wut und Traurigkeit, wenn ich darüber rede.»

Derweil stellt der Leiter der Florentiner Oper, Alexander Pereira, gefallene Künstler wie Placido Domingo oder Dirigent James Levine auf den Sockel zurück. Das Engagement der Beschuldigten rechtfertigte er so: «Ich versuche immer die zu schützen, die verteufelt werden – ob zu Recht oder zu Unrecht. So bin ich nun mal.» Bis Intendanten den Schutz von Nadine, Michelle, Ursula und Michael genauso ernst nehmen wie den von Startenören und Stardirigenten, ist es noch ein weiter Weg.
* Die Namen der Betroffenen sind der Redaktion bekannt.