Coronakrise

Um zu überleben versteigern US-Museen ihre Bilder – wie sieht es aus bei Schweizer Sammlungen?

In den USA werden gerade teure Kunstwerke verkauft – gar im Dutzend. In der Schweiz (noch) nicht. Verkäufe sind eigentlich tabu.

Zwölf Bilder des Brooklyn Museum in New York kommen am 15. Oktober unter den Hammer. Alte Meister gar, wie Lucas Cranach d. Ä., Donato de’ Bardi oder berühmte Vormoderne wie Gustave Courbet und Camille Corot. Die Meldung verbreitete sich schnell. Dass Museum ihre Schätze verkaufen, geht eigentlich gar nicht.

«Mich hat die Meldung nicht überrascht», sagt Tobia Bezzola. Der Direktor des Luganeser Kunstmuseums MASI ist Präsident der Schweizer Sektion des wichtigen internationalen Museumsrates ICOM. Im April habe die Association of Art Museum Directors in den USA beschlossen, wegen der Coronakrise das Verkaufsverbot für Museen zwei Jahre aufzuheben. Bezzola sagt:

In den USA leben die Museen von Eintritten und Shop-Einnahmen, von Mäzenen und Sponsoren. «Selbst eine so berühmte Institution wie das Guggenheim ist wegen Corona ins Strudeln geraten.» Die meisten Institutionen entlassen massenweise Personal, und manche wissen nicht, ob sie je wieder öffnen können. Also verkaufen sie.

Die Schweizer Museen sind dank Subventionen stabiler

Bei den Schweizer Museen erwartet Bezzola keine solchen Krisen-Verkäufe:

Tobia Bezzola Präsident der Schweizer Sektion des internationalen Museumsrates ICOM

Tobia Bezzola Präsident der Schweizer Sektion des internationalen Museumsrates ICOM

Doch auch hier haben freischaffende Museumspädagoginnen, Grafiker oder Führerinnen weniger Arbeit – Verluste, die nur teilweise durch Corona-Entschädigungen oder Kurzarbeit abgefedert werden.

Heikel ist die Situation bei den vielen lokalen Museen und bei Institutionen, die von Stiftungen oder Privaten getragen werden. Nicht nur wegen der Coronakrise. Das zeigt der Fall des Museums Langmatt in Baden. Es will drei bis vier – noch nicht bestimmte – Werke verkaufen, um den Betrieb und den Unterhalt der Sammlung zu sichern. Ein Sündenfall für Bezzola, «weil über drei Ecken verschleiert wird, dass das Geld für die Gebäudesanierung eingesetzt wird.»

Warum sind die Verkäufe tabu, obwohl die Depots überquellen und nur wenige Prozent der Bilder gezeigt werden? «Wissen wir heute, was unsere Nachfolger in hundert Jahren als wichtig oder gut ansehen?», fragt Bezzola rhetorisch. «Könnten wir heute Wiederentdeckungen – etwa von Künstlerinnen – machen, wenn man ihre Werke, die im Depot schlummerten, verkauft hätte?» Deshalb sind die Hürden für Deakzessionen – wie Verkäufe aus Sammlungen im Fachjargon heissen – sehr hoch. Die wichtigsten Richtlinien: Der Erlös von Verkäufen darf nur für den Ankauf anderer Werke verwendet und der Kern der Sammlung nicht angetastet werden.

Diese beiden Richtlinien haben zwei der bekanntesten Stiftungsmuseen der Schweiz eingehalten. Das Haus Konstruktiv in Zürich hat 2019 das Bild «Tassenfrau» von Thomas Bayrle verkauft, weil «das figurative Werk nicht dem Sammlungsfokus entspricht». Und die Fondation Beyeler betont: «Wir kaufen, aber verkaufen nicht.» Einmal habe man verkauft, genauer: ein Upgrade gemacht. «Beim Erwerb von Roy Lichtensteins ‹Ball of Twine› anstelle von ‹Peace through Chemistry›».

Corona ist nicht schuld, aber verschärft die Situation

Fragen wir im Handel. Verkäufe von Stiftungen oder privaten Museen gebe es immer wieder, bestätigt Cyril Koller vom Zürcher Auktionshaus. Nur werde das selten publik. Namen will er keine nennen. Die beiden internationalen Auktionshäuser, Christie’s und So­theby’s, bestätigen aktuell keine Schweizer Museumsverkäufe. Beide bieten international aber einen Museumsservice an.

Bei Christie’s ist gar eine Liste von Museen und Verkaufshighlights der letzten Jahre im Internet aufgeschaltet. Meist aus ­amerikanischen Museen, aber auch eine schöne Skulptur von Hans Arp aus dem Jerusalem Museum. Sotheby’s-Schweiz-Chefin Caroline Lang nennt auch Verkäufe für europäische Museen: Für das Wiener Leopold ­Museum verkaufte Sotheby’s Zeichnungen und «Häuser mit bunter Wäsche» von Egon Schiele, damit das Museum die Restitutionsabfindung für «Wally», sein berühmtestes Schiele-Bild, be­zahlen konnte.

Im Gegensatz zur ICOM schätzen die Händler Verkäufe auch als Chance ein. Bilder würden so wieder sichtbar, meinte etwa Koller. Anzufügen wäre: Die Grundsatzdebatte über Deakzessionen tobt schon länger, Corona hat sie nur verschärft. Galt im 20. Jahrhundert noch das Motto möglichst viel sammeln und kaufen, empfehlen Marketing­leute heute eher Profilierung und Konzentration – und meinen ausmisten, verkaufen oder gar entsorgen. Da wird man nicht so schnell zu einem Konsens ­finden.

Dass die ICOM die Richtlinien ändert, glaubt Bezzola nicht. Aber je länger die Coronakrise dauert, desto schwieriger wird es. «Falls mittelfristig Subventionen markant gekürzt werden sollten, dann könnten Verkäufe auch in der Schweiz zum Thema werden», fürchtet Bezzola. Nicht ohne Grund. Eine aktuelle Umfrage zeigt: Ein Drittel der Schweizerinnen und Schweizer will Kultur erst nach dem Ende der Pandemie wieder besuchen.

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