Ukraine-Krieg
«Putin ist ein Psychopath»: Star-Regisseurin Yana Ross hält in Zürich eine Mahnwache

Sie ist in Moskau geboren, hat 9/11 in New York erlebt, arbeitet seit drei Jahren auch in Zürich und findet «Neutralität» als Grundwert unseres Landes hochproblematisch. Die Regisseurin Yana Ross über die Verantwortung des Westens am Terror von Putin.

Interview: Daniele Muscionico
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Yana Ross, Hausregisseurin am Schauspielhaus Zürich, in Moskau geboren, lebt heute in Vilnus. Seit einer Woche hält sie beim Zürcher Rathaus eine Mahnwache.

Yana Ross, Hausregisseurin am Schauspielhaus Zürich, in Moskau geboren, lebt heute in Vilnus. Seit einer Woche hält sie beim Zürcher Rathaus eine Mahnwache.

zvg

Yan Ross, weshalb stehen Sie seit einer Woche mit einem Protestschild auf der Zürcher Rathausbrücke?

Yana Ross: Am Morgen des ersten Kriegstags las ich die internationalen Schlagzeilen und die der Schweizer Medien und stellte fest: In der Schweiz herrscht tödliche Stille. In Kenntnis der Geschichte der schweizerischen Neutralität und ihres wirtschaftlichen Profits während des Zweiten Weltkriegs denke ich: Das darf sich nicht wiederholen.

Sie fürchteten tatsächlich, wir würden indifferent reagieren?

Ich bin seit drei Jahren in der Schweiz und – ja, ich hungere nach euren Gefühlen. Meine Idee war es, Schweizerinnen und Schweizern in die Augen zu sehen und sie daran zu erinnern: Die sogenannte Neutralität ­finanziert direkt und indirekt Putins Krieg: 30 Prozent seines Blutgeldes sind hier. Ich möchte mich auf Gespräche einlassen über eure Gefühle. Deshalb ist der letzte Satz meines Plakats auch: «Hört auf, die Ukraine mit eurer neutralen Gleichgültigkeit zu töten. Fühlt etwas!» Man kann sich wütend fühlen, ohnmächtig... Alles ist besser als Gleichgültigkeit.

Die Schweiz tut sich mit Gefühlen schwerer als andere Länder, die Sie kennen und in denen Sie gearbeitet haben?

Absolut! Das beginnt schon in der Kindheit. Wie kann man einem Kind das Konzept von «Neutralität» erklären? Soll es «neutral» sein, wenn ein Freund gemobbt wird, wenn es ein verletztes Tier sieht? Wenn man es Mitgefühl lehrt, bricht man die Ideologie dieser Gesellschaft, die vorgibt, «neutral» zu sein. In der Schweiz ist «Neutralität» eine Etikette. Gefühle zu zeigen, Wut, Freude, reden, wenn man nicht gefragt ist, steht für schlechtes Benehmen. Das ist gegen die menschliche Natur. Das Tabu führt zu einer empfindungslosen Gesellschaft.

Sie wissen aber schon, dieses Land hat eine grosse diplomatische und humanitäre Tradition...

Ich denke, diese Strategien sind eine Selbsttäuschung. Sie helfen lediglich, nachts besser schlafen zu können. Diplomatie und Humanität stehen nicht für die Schweiz als Ganzes, als führende Wirtschaftsmacht.

Sie haben in New York 9/11 hautnah erlebt. Sehen Sie Parallelen zur letzten Woche, hat eine Zeitenwende begonnen?

Wir erleben keine Zeitenwende, wir erleben einen Bruch. Alle Werte und Grenzen, moralische, geografische, sind zerbrochen. Niemand weiss, was als Nächstes sein wird. Mit diesem Krieg ist alles Denkbare denkbar – und machbar geworden.

Hat der Westen versagt, weil er zu leichtfertig an eine regelgebundene Weltpolitik geglaubt hat?

Ich muss Ihnen sagen, dass während meiner Aktion viele Schweizerinnen und Schweizer auf mich zukommen, die mir erklären: Die Ukraine gehört Russland, ich wünsche mir, Osteuropa würde nicht existieren, die Welt wäre dann ein besserer Platz. Sie denken, Putin sei kein schlechter Mensch, der Westen habe ihn zu lange ignoriert, und nun bezahlten wir den Preis.

Hat der russische Machthaber unser Vertrauen ausgenutzt?

Putin kam durch Terror an die Macht, er terrorisiert die Menschen seit über 20 Jahren. Der Westen wusste das genau, aber er entschied sich trotzdem, mit ihm Geschäfte zu machen. Wir sind Putins Komplizen, wir alle sind schuldig, wir haben kaltblütig von seinem Terror profitiert. Und wir profitieren weiterhin, indem wir uns War-Porn ansehen, barocke Fassaden, die unter Bomben zu Schutt zerfallen, Menschen, die sterben. Was tut diese Menschheit? Was hat sie getan, als Putin mit unserem Segen Syrien zerstört hat und dort seine Waffen testete, als er die Krim verschluckt hat?

Halten Sie Putin für wahnsinnig?

Ein Psychiater würde wahrscheinlich nicht zögern und ihm sehr schnell eine Diagnose ausstellen: Wladimir Putin ist ein Psychopath.

Ist unser Deal, der Deal des Westens mit dem Diktator, das Eigeninteresse des Profits, das uns antreibt, möglicherweise ähnlich wahnsinnig wie Putin selber?

Nein, das ist es nicht. Es geht darum, welche Werte Europa und die Welt vertreten wollen. Für mich steht die Ukraine in diesen Tagen für Demokratie und für unsere humanitären Ideale. Die Ukraine ist die Linie, auf der wir für eine freie demokratische Welt kämpfen – oder eben nicht. Wenn nicht, müssen wir uns eingestehen, dass wir keine Demokratie sind, sondern die Werte hochhalten eines ­zynischen, technokratischen, pragmatischen Geschäftsmodells. Jeder kümmert sich um seine eigenen Interessen.

Was erwarten Sie von der Schweiz?

Sie meinen von den Menschen in Ihrem Land? Als wir am ersten Abend Kerzen angezündet haben, sah ich viele wunderschöne junge Gesichter. Ich sah ihre Betroffenheit und ihr Mitgefühl. Ich hoffe, diese Menschen können mit ihren Gefühlen ihre Eltern und Grosseltern erreichen und das Konzept «Neutralität» ändern. Und ich spreche hier nicht von militärischer Neutralität, sondern von einem Grundwert der Schweiz. Neutralität als Wert ist ein Scheisswert.