Theater

Über Leichen lacht man doch

Stella Palino bei der Premiere von «Deine Leiche lebt».

Stella Palino bei der Premiere von «Deine Leiche lebt».

Stella Palinos neues Stück «Deine Leiche lebt» ist nichts für schwache Nerven – ein Besuch in Baden lohnt sich trotzdem.

«Vielleicht nicht für alle erträglich», warnt die Programmankündigung des Teatro Palino in Baden vor dem neuen Stück «Deine Leiche lebt». Nach der Premiere vom Mittwochabend kann man das nur unterschreiben. Für schwache Nerven oder Mägen ist «Deine Leiche lebt» tatsächlich eine Herausforderung. Und doch lohnt es sich, das Stück zu besuchen.

Basierend auf einem Text des Schriftstellers Linus Reichlin, der im vergangenen April im «Magazin» erschienen ist, hat Stella Palino das Stück in den letzten zwei Monaten auf die Beine gestellt. Dabei geholfen hat Regisseur Xavier Mestres Emilio, auf der Bühne jedoch ist Stella Palino alleine zu sehen.

Zu Beginn bewegungslos in einem Sarg liegend, die Hände auf dem Bauch aufeinandergelegt. Ruhe. Stille. Für eine lange Weile geschieht nichts. Es ist dunkel im Raum und doch sichtbar, dass die Zuschauer beginnen, sich gegenseitig Blicke zuzuwerfen. Das Warten geht weiter.

Von der Autobahn ins Krematorium

Doch plötzlich eine Bewegung im Sarg: Stella rutscht hin und her, legt sich auf die Seite, greift zum Akkubohrer und beginnt, am Sarg zu hantieren. Sie probiere gerade ihr neustes Modell aus, erklärt sie: Den Sarg im Baukasten zum selber basteln.

Stella Palino spielt in ihrem neuen Stück eine Bestatterin - früher sei sie Psychotherapeutin gewesen, erzählt sie. Im Vergleich zu ihrem neuen Beruf jedoch habe ihre alte Karriere nicht immer zu definitiven Ergebnissen geführt. An diesem Abend wolle sie dem Publikum näherbringen, was nach dem Tod mit dem Körper geschieht. Genauer: Nach einem tödlichen Autounfall.

In grausam bildlichen Details erklärt Stella Schritt für Schritt den Ablauf. Sie spielt alles exakt durch: Vom Eintreffen der Feuerwehrleute, die das Autodach an der Unfallstelle mit Schneidbrennern öffnen und dabei versehentlich die Haare der Leiche anzünden, bis zur Aschemühle, die nach der Kremation die Überreste der menschlichen Knochen zerkleinert.

Und dazwischen liegt viel. Die schon bald eintretende Leichenstarre und ihre Herausforderungen, beispielsweise, oder das Präparieren des toten Körpers durch den Thanatopraktiker - bei Autounfällen habe dieser besonders viel zu tun.

Nicht für alle erträglich, aber lohnenswert

Stella beschönigt dabei nichts. Mal laut und theatralisch die Hände in die Luft werfend, mal leise und dramatisch vor sich hin murmelnd erzählt sie auch von den Details, die sich sonst niemand auszusprechen traut. Peinlich berührt scheint dabei nur das Publikum. Nicht selten fragt man sich: Darf ich darüber überhaupt lachen? Zurückhalten kann man das Kichern aber doch nicht, wenn Palino trocken die humoristischen Zeilen vorträgt.

Es dauert eine Weile, doch plötzlich kann man sich gehen lassen. Das Lachen wird zahlreicher und lauter. Nein, das Stück ist wirklich nicht für alle erträglich. Doch es ist erfrischend, eines der wohl ernstesten Themen, mit denen man sich auseinandersetzen muss, auch mal mit Humor zu nehmen.

Aber trotz allem Humor: Nach dem Theaterstück ist man froh, nicht mit dem Auto nach Hause fahren zu müssen. Zu drastisch und düster wären die Erinnerungen. Die morbide Faszination, die im Hinterkopf manchmal schlummert, ist für eine Weile gesättigt.

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