Kultur

Tod im Tunnel, freier Fall vom Viadukt

(Symbolbild: Keystone)

(Symbolbild: Keystone)

In «Endstation Engadin» ahndet Gian Maria Calonder alias Tim Krohn Todesfälle im Umfeld der Rhätischen Bahn. Gruselig.

Der Plot ist nicht die Stärke dieses Krimis. Die Geschichte um zwei Tote unter den Tunnelbauern am Albula wirkt reichlich verworren, und die Entwirrung geschieht gegen Schluss so schnell, dass man kaum glauben kann, wie einfach des Rätsels Lösung ist. Zudem wirken Liebe, Lust, Halluzinogene und sagenhafter Zauber mit – wahrlich üppige Kost.

Kombiniert mit dem ungeschönten Blick auf den toten Bergarbeiter, der in einem Tunnel der Albula-Strecke vom durchfahrenden Zug regelrecht gehäutet wurde, und seinem Kumpel, der vom Viadukt in die Schlucht stürzte, könnte das schon schwer aufliegen. Doch das Krimipersonal rettet die Lesenden vor drohenden Bauchschmerzen: So skurril und überzeichnet sind diese Figuren, so komisch und ironisch ihre Dialoge, dass man immer wieder erleichtert schmunzeln kann.

Eben erst versetzt, schon suspendiert

Da ist, allen voran, Polizist Massimo Capaul, eben erst nach Samedan versetzt und schon vom Dienst suspendiert. Capaul, das wissen Leserinnen und Leser des ersten Bandes «Engadiner Abgründe» (2018), kann sich nicht an die Regeln halten und hat nun Hausarrest, was er mit einem Ausflug nach Bergün zu feiern gedenkt.

Aber der Zug kann bald nicht mehr weiterfahren. Der oben genannte tote Bergarbeiter liegt auf den Schienen, doch das erfährt Capaul erst später, und unternimmt seinen Ausflug nun halt zu Fuss. Mitten im Wald stösst er auf einen bunt bemalten Bauwagen, aus dem eine süsse Stimme dringt: «Come in, come in / whoever you are / and meet a young lady / who fell from a star.» Drinnen sitzt eine weiss gekleidete Frau auf einem Fellbett und verdreht ihm bei Kerzenlicht und Tee augenblicklich den Kopf.

Alle nennen sie Fräulein Nietzsche, und Massimo Capaul ist nicht der Einzige, den sie in ihren Bann zieht. Von Beruf Schauspielerin, reist sie für die Sommermonate aus Hamburg an, um sich in den Bergen zu erholen und den Einheimischen ihre eigenen Sagen neu zu erzählen.

Hierin gleicht sie Tim Krohn, der aus Nordrhein-Westfalen in die Schweiz kam, heute im Val Müstair lebt und gerade erst seine Alpensage «Der See der Seelen» veröffentlicht hat. Ebendiese Sage findet Fräulein Nietzsche auf dem Dachboden eines 500-jährigen Gehöfts, das stark Krohns Wohnsitz ähnelt, und lässt sich davon zu einer ihrer Performances inspirieren.

So wandern Figuren von einem Buch ins andere

Die Selbstreferenzierung Tim Krohns, der sich als Krimiautor Gian Maria Calonder nennt, ist wohl ein Marketing-Gag: Beide Bücher sind kurz nacheinander bei Gatsby, einem Imprint des Berliner Kampa-Verlags, erschienen. Gleichzeitig wird aber auch der Bezugsraum des Schriftstellers spürbar, welchem die erschriebene Welt zuweilen realer scheinen mag als die Wirklichkeit. So gehen Stoffe ineinander über, so wandern Figuren von einem Buch ins andere und so vermischt sich auch die tatsächlich tragische Thematik der Todesopfer bei jedem Tunnelbau mit einer fast parodistischen Dreiecksgeschichte. Die beiden toten Bergarbeiter und Fräulein Nietzsche waren verhängnisvoll miteinander verstrickt, wie Capaul herausfindet. Er glaubt nicht an Unfälle und beginnt trotz Ermittlungsverbot nach Beweisen zu suchen.

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