Zwischenruf
Tierschutz, ja bitte, aber: Die elendesten Hunde sind Menschen

Der Film «Streuner, unterwegs mit Hundeaugen» zeigt das Leben herrenloser Hunde in Istanbul. Brisant dabei: Die Regisseurin Elizabeth Lo bezieht die Bezeichnung «Streuner» auch auf das Schicksal rechtloser und schutzloser Flüchtlinge.

Daniele Muscionico
Daniele Muscionico
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Zeytin, ein herrenloser Mischling in Istanbul. Wie frei ist er wirklich, und wie heroisch ist sein ungebundenes Leben? Solche Fragen beantwortet in der Reportage der hündische Protagonist auf seine Weise.

Zeytin, ein herrenloser Mischling in Istanbul. Wie frei ist er wirklich, und wie heroisch ist sein ungebundenes Leben? Solche Fragen beantwortet in der Reportage der hündische Protagonist auf seine Weise.

Bild: Ascot

Schon wieder ein Rührstück über das Leben von Strassenhunden? «Streuner, unterwegs mit Hundeaugen» heisst die Reportage aus Istanbul, Autorin ist die prämierte amerikanische Regisseurin Elizabeth Lo. Sie hat den Dokumentarfilm zwischen 2017 und 2019 gedreht und will uns damit, so die Deklaration, durch Hunde­augen Einblicke in die «faszinierende Hundekultur» der Stadt geben. «Faszinierende Hundekultur»? Ist hier Zynismus am Werk oder halbgare Sozialromantik? Die Hunde jedenfalls spielen bei Lo die Rolle der letzten freien Kreaturen.

In der Realität allerdings sind die Fakten ein Stoff, aus dem die Albträume von Tierfreunden sind: 150'000 herrenlose Strassenhunde leben allein in der türkischen Hauptstadt, und die Zahl ist lediglich eine Schätzung. Das Schicksal der Streuner ist aufgearbeitet in Büchern und Filmen. Vergessen geht dabei gerne, dass in allen staatlichen Istanbuler Hundeheimen zusammen noch einmal rund 20'000 Tiere ihr Dasein fristen, ohne jede Chance auf Vermittlung.

Man will der Türkei wenig vorwerfen, denn die türkischen Hunde werden offiziell immerhin nicht mehr vergast, so wie in umliegenden Ländern, in Spanien zum Beispiel; der Staat fängt sie ein, kastriert sie und lässt sie wieder frei. Und trotzdem, unseren Sofapaschas und unseren Kampfschmusern wünscht man dieses mitleidlose Leben auf der Strasse nicht.

Das Geschäft mit den Strassenhunden

«Streuner» ist ein Stück über Tierrecht und Tierschutz, und man will sich ihm nicht entziehen. Allen Bedenken zum Trotz, dass mit schnuckeligen Welpen Zuschauergefühle manipuliert und mit treuen Hundeblicken das Spenderherz mürbe gemacht werden sollten.

Ich immerhin habe einen persönlichen Grund, Elizabeth Lo zu folgen: Der Film soll mich an meine Strassenhunde erinnern. Zwei Tiere aus Ungarn, die ich vor drei, vier Jahren von einer vermeintlich vorbildlichen Institution, die Auslandhunde in die Schweiz vermittelt, adoptiert habe. Dass das Zusammenleben schliesslich alles Denkbare überschritt und dramatisch endete, werfe ich mir bis heute vor. Hätte man bei mir heillos überforderten Tiere nicht besser dort belassen, wo sie lebten und ihr Leben einigermassen selbstbestimmt führen durften?

Seit den traumatischen Erlebnissen mit meinen beiden Hunden kenne ich die Ziffern schweizerischer Gutherzigkeit und, wahrscheinlich auch Naivität: Wöchentlich werden hierzulande rund 500 Hunde aus dem Ausland eingeführt; nicht mitgerechnet die Zahlen aus der florierenden illegalen «Welpenproduktion» in Süd- und Osteuropa.

Hunde als Verbündete rechtloser Menschen

Elizabeth Lo nun hat für ihre Reportage drei Tiere ausgesucht, die sie von Kameras auf ihren Gängen durch die traurigsten Ecken der Stadt begleitet lässt. Die Bilder der Hunde wirken bisweilen heroisiert, und der Begegnung zwischen Mensch und Tier haftet den Hauch von Manipulation an: Die Anwesenheit einer Kamera ändert bekanntlich unser Verhalten.

Doch der Blitz der Einsicht schlägt mit voller Wucht ein: Die Kreaturen, die hier das Hundeleben führen, sind nicht die Tiere. Es sind die Menschen, die sich um die Hunde kümmern! Lo zeigt, wie nebenbei, doch wohldosiert, eine Gruppe jugendlicher Flücht­linge aus Aleppo, die sich ihrer annehmen. In den Streunern finden sie Seelenverwandte und Halt. Das Fazit ist unmissverständlich: Eher möchte man in Istanbul wie ein anerkannter Strassenhund sterben als wie einer dieser rechtlosen Flüchtlinge leben!

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