Eine Sensibilität für Klang, flächige Texturen, längere Bögen und zeitgenössische Popformate haben in den letzten Jahren den Jazz mitgeformt. Auch die Musiker von The Great Harry Hillman sind mit dieser offenen Soundästhetik aufgewachsen. Weder zerpflücken sie Standards noch üben sie sich im brachialen Free-Play oder zelebrieren komplexe Kopf-Tracks mit virtuosen Soli. Ihre Musik lebt von Stimmungen («moods»), die melodie- und formbewusst in Aktion gesetzt werden.

Die Band versteht sich als Kollektiv, das sich mehrmals im Jahr für mehrere Tage trifft und intensiv an ihrer Musik arbeitet. «Alle bringen Stücke oder Ideen ein, die dann gemeinsam entwickelt werden», sagt Saxofonist und Bassklarinettist Nils Fischer, «wo es uns hinführt, wissen wir nicht und machen uns auch keine Gedanken darüber.»

Mit viel Lust und Akribie

Dieses offene Konzept täuscht nicht darüber hinweg, dass The Great Harry Hillman mit viel Lust und Akribie an ihre Musik herangehen. Benannt nach dem US-Hürdenläufer Harry Hillman, der 1904 an der Olympiade gleich drei Goldmedaillen gewann, scheint dessen sportliche Ambition auch die vier Musiker zu stimulieren. «Es sind zeitintensive Prozesse, bis wir ein Stück dort haben, wo wir es wollen».

2008 kam Nils Fischer aus Deutschland zum Jazzstudium an die Hochschule Luzern. Im gleichen Jahrgang studierten auch David Koch (Gitarre, Electronics), Samuel Huwyler (Bass) und Dominik Mahnig (Schlagzeug). Die vier fanden zusammen, The Great Harry Hillman machte sich schnell einen Namen. Neben ihrer musikalischen Frische zog die Band von Anfang an auch mit ihrem visuellen Auftritt (Covergestaltung, Videos) die Aufmerksamkeit auf sich. Ihre aktuelle und dritte CD «Tilt» ist in ein faltbares Cover verpackt – die Grafik stammt vom Bassisten Samuel Huwyler. Zudem wurde ein quirliger 360-Grad-Video-Clip produziert (Youtube).

TILT 360° Clip - The Great Harry Hillman - 2017

Mit ihrer Mischung aus Jazz, Rock und Improvisation behaupten sich The Great Harry Hillman als eine der interessantesten Bands der jungen Schweizer Jazz-Szene. 2015 gewannen sie den ZKB Preis. Die Band spielte regelmässig im Ausland, tourte in Deutschland, in Japan und Italien.

Die meisten der neun Tracks ihres aktuellen Albums «Tilt» haben auch eine ruhige und atmosphärische Komponente, die bei allen Ecken und Kanten dem Album eine schwebende Aura verleiht. Doch es ist eine Leichtigkeit, die auf unruhigen Fundamenten gedeiht.
Neben kargen Klanggeweben («Agnes fliegt») oder Jazz-Chill-Sounds mit sphärischen Architekturen («Remazing Ace») kann die Band auch quer und rockig knebeln («Strengen denkt an») oder mit funky Noise-Riffs und splittriger Gitarre vertracktere Soundscapes generieren («How To Dice An Onion»).

Die Kompositionen bewegen sich zwischen Wohlklang und kreativer Unruhe, Rockenergie und jazziger Phrasierung, Soundscapes und Minimal-Strukturen. Von Fischer stammen die atmosphärisch differenzierten Tracks. Zu den herausragenden Stücken gehören aber die Kompositionen von David Koch.

Erschienen ist «Tilt» auf dem bekannten US-Label Cuneiform, wo auch Schnellertollermeier und Le Rex ihre letzten CDs veröffentlichten. «Das hat uns international bereits viel Aufmerksamkeit eingebracht», freut sich Nils Fischer.

The Great Harry Hillman: Tilt (Cuneiform). Live: 28./29. 9. Match&Fuse Festival Moods Zürich; 29. 1. 2018 Isebähnli Baden.