Klassik
Tavolata Musicale alla Russa – das Beste aus Speis und Musik

Das neue Konzertformat der Chaarts Chamber Artists, Speis und Musik in Kombination, lebt ganz zum gewählten Motto «Das Beste von Beidem» auf. Vollmundig aber wahr.

Vincent Abt
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Vier mal hedonistische Sinnesfreuden. Die Tavolata Musicale im neuen Foyer der Alten Kirche Boswil.

Vier mal hedonistische Sinnesfreuden. Die Tavolata Musicale im neuen Foyer der Alten Kirche Boswil.

HO

Vergangenen Samstag ging die erste von insgesamt vier Tavolate Musicale im neuen Foyer der Alten Kirche Boswil über die Bühne und durch den Magen. Die Premiere «Hommage» war der russischen Musik und Küche gewidmet. Nebst den guten Bekannten Tschaikowski und Strawinsky wurde auch gespielt.

Anton Arenski liegt zeitlich zwischen den beiden Erstgenannten, was seine Musik ideal für den Hobby-Intellektuellen vom Typ «begabt aber faul» macht: Harmonisch weiter entwickelt als der «Nussknacker», doch weniger gewagt wie der «Feuervogel» ist sie in der Summe eingängig wie ein Kinderlied und dennoch spannend.

Das Streichquartett Nr. 2 Op. 25 in a-moll (1894) hat Chaarts-Intendant und Cellist Andreas Fleck, auf Basis verschiedener historischer Versionen, zu einer eigenen Orchesterpartitur zusammengezimmert – nach bester Deutscher Handwerkskunst. Volle Kontrabass-Stellen liessen eindrücklich die Fundamente der alten Kirche Boswil erzittern, um nur eine Besonderheit zu nennen.

Jungstar mit Humor

Musikalisches Feature des Abends war der junge rumänische Cellist Andrei Ionită. Er durfte sein Talent und Können an Schuhmanns Cellokonzert und Strawinskys «Suite Italienne» austoben. Andrei spielte die schwierigen Werke mit beneidenswerter Leichtigkeit und purer Freude, ganz so, als ob er zum eigenen Vergnügen vor sich hin musizierte.

Aber nicht irgendwie, sondern derart engagiert, dass der Bogen sich bisweilen in eine Pferdemähne zu verwandeln drohte. Sein Ton zeugt von Selbstvertrauen und, was für einen «jeune homme» von 22 Jahren ungewöhnlich ist, hat bereits einen eigenen Klang, der auch fernab vom Solo aus dem Orchester herauszuhören ist.

All das erreichte Andrei Ionită ohne Kaderschmiede für Wunderkinder. Er besuchte ein normales Gymnasium. Vielleicht hat er sich deshalb seinen gesunden Sinn für Humor erhalten: Dass er 2015 den Tschaikowski-Wettbewerb in Moskau gewann hätte alle erstaunt – nur ihn selber nicht.

Russkaja Kuchnja

Beim anschliessenden Diner, zu welchem sich Publikum und Musiker an einer langen, gemeinsamen Tavola frei zusammenfanden, machte die Kulturbeiz Chappelehof aus Wohlen ihre Aufwartung an die russische Küche. Nach einem herrlich kräftigen Rindfleischsüppchen wurden Pelmeni, eine Art Ravioli, Randen- sowie Linsensalat, Golubtsi (mit Fleisch gefüllte Kohlrouladen) und Kartoffeln an Pilzen aufgetischt.

Die Qualität der verwendeten Produkte hörte man in jedem Gericht und aus sicherer Quelle ist bekannt, dass es auch dem Russischen Gaumen äusserst gemundet hat. Die Gespräche am westlichen Ende zu Tisch gestalteten sich unverkrampft angeregt und es gibt keinen Grund zur Annahme, dass es gen Osten hin hätte anders sein sollen.

Die Moral von der Geschichte...

Als musikalisches Bettmümpfeli gab es zum Dessert ein humoristisches Duett für Kontrabass und Cello von Rossini. Das war treffend ausgesucht, weil der Gourmet-Komponist persönlich gut zur Tavolata Musicale der Chaarts gepasst hätte.

Zum Schluss wollen wir uns fragen, ob so viel hedonistische Sinnesfreuden in einem Haus der Andacht angebracht sind? Natürlich sind sie das. Falls Gott existiert, und falls er, wie allgemein angenommen, gütig ist, dann wird es ihn nur freuen, wenn seine Schäfchen nicht darben. Wem sich in der Vorweihnachtszeit trotzdem – oder gerade deswegen – wieder einmal die Frage nach der Ungerechtigkeit in der Welt aufdrängt, den interessiert vielleicht nachstehenden Kleinst-Exkurs in die Ethik.

Wie man in die Welt hineingeworfen wird, ob gesund und begabt in eine begüterte, liebende Familie oder in weniger glückliche Umstände, dafür gibt es keine rationale Begründung. Man kann nicht ernsthaft behaupten, man hätte es sich verdient. Einige Moralphilosophen leiten daraus die Verpflichtung ab, dass die Vorteile, welche aus diesen sogenannten unverdienten Lebensaussichten erwachsen, umzuverteilen seien. Und zwar so, dass die Schwächsten am meisten davon profitieren. (Eine der Ideen hinter dem Sozialstaat.)

Was aber können diejenigen, die hier nach bezaubernder Musik beim lukullischen Mahl sitzen tun? Der Gläubige hat es einfach: Er dankt dem lieben Gott. Und die Anderen? Dankbarkeit setzt einen Adressaten voraus. Sie ist sonst sinnlos, streng genommen. Hilfe naht in Form eines philosophischen Läckerlis namens Pragmatismus: Wir freuen uns ganz einfach und geniessen es in vollen Zügen.

Der Ausweg in diesem konkreten Fall ist nicht Konsumverzicht, sondern Konsumwertschätzung. Die einzig wahre Sünde wäre es, ignorant und unempfänglich das Schöne und Gute, was einem so unverhofft (unverdient) zu Teil wird, nicht zu schätzen. In dem Sinn: Frohe und besinnliche Weihnachten!

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