Tatort-Kritik
Na geht doch!: Der dritte Zürcher «Tatort» «Schattenkinder» rettet den Schweizer Ruf

Ausgerechnet mit einem Fall aus dem Kunstmilieu kriegt das sonst so gekünstelt wirkende Zürcher «Tatort»-Kommissarinnen-Duo endlich die Kurve.

Julia Stephan
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Das ungleiche Paar wächst langsam zusammen: Tessa Ott (Carol Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher).

Das ungleiche Paar wächst langsam zusammen: Tessa Ott (Carol Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher).

Bild: SRF/Sava Hlavacek

Ist das Kunst? Ist das Mord? Der in Nylon gewickelte, in Formalin getränkte Leichnam von Max Escher hängt im neuen Zürcher «Tatort» «Schattenkinder» wirkungsvoll im Zentrum einer leeren Lagerhalle. Haut und Augen des Toten sind tätowiert. Der Kopf ist mit Plastik überzogen. Eigentlich hätte Max Teil eines Werkzyklus der Künstlerin Kyomi (Sarah Hostettler) werden sollen. Das Spezialgebiet der auf dem Kunstmarkt hoch gehandelten und kontrovers diskutierten Künstlerin ist die Sichtbarmachung seelischer Narben auf der Haut. Ihren menschlichen «Objekten» tätowiert sie Gesicht und Körper. Für Kyomi sind ihre «Objekte» etwas ganz Besonderes. Sie lebt mit ihnen zusammen in einer Künstlerkommune. Die Objekte vertrauen ihr nicht nur ihre Haut an, sondern auch ihre ganze Lebensgeschichte.

Keine Menschen, sondern «Objekte»

Der tote Max war Kyomis «Lieblingsobjekt». Sein Tod stellt die Zürcher «Tatort»-Kommissarinnen Tessa Ott (Carol Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) vor ein grosses Rätsel. Die Ermittlungen führen zunächst zum Vater des Toten, einem ziemlich blassen plastischen Chirurgen, der viel von äusserer Schönheit zu verstehen scheint, aber wenig von den inneren Nöten seines Sohnes. Auch ein ehemaliger Schulfreund und ein pädophiler Schwimmlehrer, der Max seine innere Wunden zugefügt haben soll, stehen unter Verdacht. Und nicht zuletzt steht da die Frage im Raum, ob Kyomi und ihr skrupelloser Galerist den Tod von Max selbst herbeigeführt haben, um den um keinen Skandal verlegenen Kunstmarkt mit Seelenstriptease und entstellten Gesichtern bei Laune zu halten.

Die charismatische Künstlerin Kyomi (Sarah Hostettler) mit ihren «Objekten» aus Fleisch und Blut. Geht ihre Kunst über Leichen?

Die charismatische Künstlerin Kyomi (Sarah Hostettler) mit ihren «Objekten» aus Fleisch und Blut. Geht ihre Kunst über Leichen?

Bild: SRF/Sava Hlavacek

Ausgerechnet im Kunstmilieu, wo dem Schein ein grösserer Wert beigemessen wird als dem Sein, finden die oft so gekünstelt wirkenden «Tatort»-Ermittlerinnen zum ersten Mal zu einer routinierten und authentischen Zusammenarbeit. Der dritte Fall «Schattenkinder» ist eine Bewährungsprobe für Ott und Grandjean. Nach ihrem verpatzten Ermittlungsstart vor zwei Jahren, der sie in einer konfusen Story mit den Jugendunruhen der 1980er-Jahre konfrontiert hatte («Züri brännt») und nach einer schlecht geschriebenen Folge über Zürichs Geldadel («Schöggiläbe») im letzten Jahr kommt das neue «Tatort»-Duo erstmals in ruhigeres Fahrwasser.

Die krankhafte Zürich-Fixierung ist weg

Hätte sich «Schattenkinder» wie seine verpatzten Vorgänger Zürich als Thema vorgeknöpft, wäre das im besten Fall eine beissende Satire auf die hippe und gut mit Geld ausgepolsterte Kunst- und Galeristenszene geworden. Der 2017 ausgestrahlte Münsteraner «Tatort» «Gott ist auch nur ein Mensch» hat sich schon einmal sehr unterhaltsam in das Thema Mord als perfektes Kunstwerk hineingesteigert: Damals entpuppte sich eine Clownskulptur in einem Skulpturenpark als Leiche. Mit höherer Wahrscheinlichkeit wäre aus dem Zürcher Fall aber eine weitere Fernsehleiche geworden. Denn den Humor, wie man ihn in Münster so locker vom Stapel lässt, hätte man beim SRF beim Versuch, wieder alles richtig machen zu wollen, im Keim erstickt.

Die in Deutschland arbeitende Schweizer Regisseurin Christine Repond hatte aber – zum Glück! – ganz Anderes im Sinn. Sie lenkt den Blick weg von den Schwächen des Zürcher «Tatort»-Konzeptes, seiner fast schon krankhaften Zürich-Fixierung. Ihre «Tatort»-Folge hätte ebenso gut in Basel oder Lausanne spielen können. Zürich ist in dieser düsteren, atmosphärisch dichten Geschichte nur noch der im Dunkeln liegenden Zürichsee, eine Metapher für die seelischen Untiefen der handelnden Figuren. Die grossartig düstere Filmmusik von Marcel Vaid hebt den Zürcher «Tatort» auf der Klangspur abermals wohltuend vom Einheitsbrei der deutschen Konkurrenz ab.

Repond lässt Städtebashing, beissende Ironie und Zynismus aussen vor. Sie lässt sich wie in ihren Spielfilmen «Silberwald» (2011) über junge Neonazi-Sympathisanten oder im Beziehungsdrama «Vakuum» (2017) mit grosser Ernsthaftigkeit auf ihre Figuren ein, die durch Initiationsriten gehen, die ihr Leben verändern. Auch wenn die Story streng genommen zu komplex ist für 90 Fernsehminuten und Handlungsstränge ausfasern: Repond und den neuen Drehbuchschreiberinnen Stefanie Veith und Nina Vukovic ist es zu verdanken, dass der Zürcher «Tatort» sich nicht wieder planlos im Episodenhaften verliert.

Maskenbildner Marc Hollenstein über die tätowierten Gesichter in «Schattenkinder»

Der neue «Tatort» stellte auch Maskenbildner Marc Hollenstein vor neue Herausforderungen. Hollenstein, der seit vielen Jahren die Leichen für die Schweizer «Tatort»-Folgen präpariert, erklärt auf Anfrage, man habe man die Tattoos bewusst so konzipiert, dass sie keiner ethnischen Gruppierung zugeordnet werden können. «Die Symbolik sollte die Darsteller nicht erdrücken, ihre Mimik sollte sichtbar bleiben», sagt er. Für die komplett schwarzen Augen von Kyomis menschlichen Objekten nutzte das Team so genannte Augenschalen. Beim Dreh war aus diesem Grund ein Optiker vor Ort. (jst)
Der neue «Tatort» stellte auch Maskenbildner Marc Hollenstein vor neue Herausforderungen. Hollenstein, der seit vielen Jahren die Leichen für die Schweizer «Tatort»-Folgen präpariert, erklärt auf Anfrage, man habe man die Tattoos bewusst so konzipiert, dass sie keiner ethnischen Gruppierung zugeordnet werden können. «Die Symbolik sollte die Darsteller nicht erdrücken, ihre Mimik sollte sichtbar bleiben», sagt er. Für die komplett schwarzen Augen von Kyomis menschlichen Objekten nutzte das Team so genannte Augenschalen. Beim Dreh war aus diesem Grund ein Optiker vor Ort. (jst)

Die Drehbuchschreiber der zwei ersten Folgen, Lorenz Langenegger und Stefan Brunner, hatten die Gegensätzlichkeit der Ermittlerinnen fest in deren DNA eingeschrieben. Auch Repond kann sich davon nicht ganz befreien. Während Ott sich ohne Berührungsängste mit Kyomis Kunst auseinandersetzt und der Entstellung der Gesichter etwas Gutes abgewinnt («Wenn ich mich nicht mehr im Spiegel erkenne, befreit mich das nicht von mir selbst?»), fühlt sich ihre rationale Kollegin Grandjean davon heftig abgestossen («Wenn Sie sich nicht mehr im Spiegel erkennen, brauchen Sie eine Brille»). Trotzdem gelingt es Carol Schuler sich als Tessa Ott freizuspielen, ihrer Persönlichkeit mehr Facetten zu geben als die der chaotischen Lebenskünstlerin. Anna Pieri Zuercher muss sich leider abermals mit der Rolle der angespannten Spassbremse begnügen. Ihre Rolle bleibt uninteressant. Bleibt nur zu hoffen, dass wir ihren Initiationsritus in der nächsten Folge erleben werden. Christine Repond wird dafür abermals die Regie übernehmen.

«Tatort» – «Schattenkinder». SRF1, Sonntag, 13. März, 20.05 Uhr. Wir geben der Folge drei von fünf Sternen.

Trailer zum neuen Zürcher «Tatort» «Schattenkinder».

Quelle: Youtube