Kino

Synchronisierte Filme auf Deutsch oder Originale auf Englisch? Was ist besser?

Die Filmstars haben ihre Stammsynchronsprecher für die verschiedenen Sprachen. So entstehen mehr und mehr komplett neue Filmfassungen.

Die Filmstars haben ihre Stammsynchronsprecher für die verschiedenen Sprachen. So entstehen mehr und mehr komplett neue Filmfassungen.

Corona verstärkt den Deutschtrend im Kino – darunter könnte die Echtheit der Filme leiden. Trotzdem würden viele Junge die synchronisierten Filme vorziehen, meint der CEO der grössten Schweizer Kinokette.

Es ist ein wenig wie Grillieren mit Gas oder Segeln mit Motor: Filme anschauen in der synchronisierten Fassung, auf Deutsch. Ob Gas statt Kohle, Benzin statt Wind oder ein Synchronsprecher statt Brad Pitt – das Authentische fällt weg.

Man kann einwenden, die Bilder bildeten das Herz und die Seele eines Films. Doch etwas fehlt, das Produkt ist um ein wichtiges Stück gestutzt worden, das den Reiz für viele erst ausmacht. Es fehlt das Rauchige beim Grillieren, das Spiel mit der Naturgewalt beim Segeln. Der O-Ton im Film. Das ist eine Sichtweise.

Eine Mehrheit der Deutschschweizer Kinobesucher sieht es anders. Sie schaut sich die synchronisierten Versionen an. Und der Anteil solcher Titel im Kino steigt, das belegen die Zahlen seit Jahren. Die Coronapandemie verstärkt den Trend nun noch. Das zeigen zwei Beispiele aus diesem Sommer.

Kosten sparen mit der Fassung aus Deutschland

Beispiel 1, «The King of Staten Island»: Die Tragikomödie von Judd Apatow wurde gleichzeitig auf Video-on-Demand und im Kino, aber nur in einer deutschen Synchronfassung, lanciert. 

Und man fragt sich, ob der Verleiher Universal das Potenzial des Films für den Arthouse-Bereich verkannt hat.

«The King of Staten Island» über einen Mittzwanziger, der nichts auf die Reihe bekommt, ist eindeutig ein Crossover-Film: Er funktioniert sowohl im Mainstream – als auch im Arthouse-Kino. Und er ist absolut sehenswert.

Trailer Deutsch

Trailer Original

Beispiel 2, «Ava»: Auch «Ava» läuft nur auf Deutsch. Hinter dem soliden Actionthriller steht der in Steinhausen ZG beheimatete, unabhängige Verleih Impuls Pictures.

Trailer Deutsch

Trailer Original

«Einen Film selber untertiteln zu lassen, ist mit erheblichen Kosten verbunden. Und wir wollten den Film möglichst schnell ins Kino bringen. Die Multiplexe brauchten Futter im Actionbereich», sagte der Marketingverantwortliche dieser Zeitung noch vor der Lancierung des Heilsbringers für die Kinos, «Tenet».

Rein der Namen wegen hat «Ava» ein gewisses Potenzial für den Arthouse-Bereich, aber Actionfilme wie dieser funktionieren in Mainstreamkinos besser auf Deutsch. Es geht also um Aufwand und Ertrag, und man fragt sich in der Branche gerade, ob es sich lohnt, für die Schweiz eigens eine Version mit deutschen und französischen Untertiteln herzustellen, wenn aus Deutschland eine Synchronfassung bezogen werden kann, die zwar auch ins Geld geht, aber ohnehin vorliegt. Das macht eine Einsparung von immerhin mehreren tausend Franken möglich.

Auch der internationale Filmverleih Universal hat für «The King of Staten Island», mutmasslich aus Kosten- und Zeitgründen, auf eine Untertitelung für die Schweiz verzichtet.

Synchronstimme wird wichtiger als der Star selbst

Weshalb aber werden die Synchronfassungen beliebter? Das häufigste Argument, das man hört: «Ich will mich aufs Bild konzentrieren. Muss ich die Untertitel lesen, dann verpasse ich die Bilder.» Das Problem: Nur die wenigsten kommen ohne Untertitel aus, auch wenn sie noch so gut Englisch sprechen. Doch Englisch ist nicht gleich Englisch. Viele bekunden Mühe mit einem schottischen Akzent, sie sind also auf die Untertitel angewiesen.

Philippe Täschler ist Chef der wichtigsten Kinokette in der Deutschschweiz, der Kitag. Zum Portfolio gehören Stadtkinos und Multiplex-Anlagen an den Stadträndern. Die meisten Filme laufen dort auf Deutsch. Täschler sagt, auch wenn es Jahre gebe mit mehr Eintritten bei Filmen in Originalsprache, sei der Trend klar:

Philippe Täschler CEO der Kinokette Kitag

Philippe Täschler CEO der Kinokette Kitag

Auch wenn auf Streamingportalen wie Netflix Originalsprache angewählt werden kann: Die Jungen sehen sich alles auf Deutsch an, ist Täschler überzeugt.

Täschler selbst ist Cineast, liebt Filme in Originalversion. Doch der Deutschtrend sei unaufhaltbar. Für ihn ist nichts Verwerfliches daran. Und Untertitel lesen sei sowieso out bei dieser Generation. Instagram, Youtube und Tiktok: Dass gerade bei den Jungen die Nachfrage nach synchronisierten Fassungen steigt, fügt sich für Täschler nahtlos in den Visualisierungstrend ein.

Die Macht der Gewöhnung führt für Täschler so weit, dass sich die Kinobesucher nicht mit der Stimme eines Sylvester Stallone identifizieren, sondern mit derjenigen seines deutschen Synchronsprechers. Er vermutet:

Was also ist authentisch? Eine Frage der Perspektive. Ein Cineast der älteren Generation möchte das Nuscheln eines Brad Pitt nicht vermissen. Einem jüngeren Kinogänger ist dessen Stammsynchronsprecher wichtiger.

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