«Swiss Beatles»
Stiller Abschied: Les Sauterelles haben sich aufgelöst

Das Zürcher Beat-Quartett um Toni Vescoli war die erste betriebsfähige Schweizer Pop-Band. Nach dem Tod von Bassist Freddy Mangili und fast 60 Jahre nach der Gründung hat sich die Band heimlich von der Bühne verabschiedet. Eine Ära ist zu Ende.

Stefan Künzli
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1967: Les Sauterelles als Hippies. Rolf Antener, Toni Vescoli, Düde Dürst, Enzo (Heinz) Ernst (von links).
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2016: Les Sauterelles mit Toni Vescoli, Düde Dürst, Peter Glanzmann und Freddy Mangili (von links).

1967: Les Sauterelles als Hippies. Rolf Antener, Toni Vescoli, Düde Dürst, Enzo (Heinz) Ernst (von links).

Bild: ETH-Bibliothek, Comet.

Show, Ausstrahlung und Attitude sind nicht alles, aber im Pop- und Rockbusiness kann das doch ziemlich viel sein. Das wusste Freddy Mangili wie kein Zweiter: Als bei einem Konzert der Beatband The Valentinos 1962 im Thuner Cafe Du Pont der Bassist ausfiel, war Mangili als Zuschauer dort. Weil er den auffälligsten Elvis-Look hatte, wurde er angefragt, ob er einsteigen wolle. Er sagte zu, obschon er noch nie Bass gespielt hatte. Auf einem geliehenen Instrument machte er am Konzert eine Show, ohne am Verstärker angeschlossen zu sein. Publikum und Band waren so begeistert, dass der Automechaniker schon am nächsten Tag nicht mehr zur Arbeit in der Werkstatt erschien. Über Nacht wurde er Profimusiker. Nur Bass spielen musste er noch lernen.

Freddy Mangili war kein konventioneller Bassist. An seinem Instrument wurde er aber schon bald so gut, dass er 1965 bei Les Sauterelles einsteigen konnte und dem Bass 60 Jahre lang treu blieb. Auch beim Comeback der Sauterelles 1993 war er der Mann am Viersaiter und blieb es bis zu seinem Tod. Mangili hat am 10. Dezember im Alter von 80 Jahren den Kampf gegen Krebs verloren.

Freddy Mangili Bassist von Les Sauterelles

Freddy Mangili
Bassist von Les Sauterelles

Bild: Keystone

Schon im August 2019 in Liverpool war er angeschlagen. Viermal wurden die Band an die «Beatleweek» eingeladen. Ein fünftes Mal wird es im nächsten Jahr nicht mehr geben, denn wie Toni Vescoli bestätigt, haben sich Les Sauterelles still und heimlich aufgelöst.

Wir erreichen den Sänger und Bandleader der Grashüpfer auf Teneriffa, wo er mit seiner Frau Ruthli seit Jahren die kalten Wintermonate verbringt. Via Telefon schildert er die letzten Tage der Sauterelles: Bei den Proben zur Tour mit Pepe Lienhard im Juli dieses Jahres habe sich herausgestellt, dass Mangili die Kraft nicht mehr aufbringt, um auf der Bühne zu bestehen. Kurzfristig sprang Felix Müller, Bassist bei Vescoli & Co., ein und hat innert dreier Tage das ganze Repertoire einstudiert. Vescoli sagt:

«Wir haben geahnt, dass das Ende der Sauterelles naht. Es war aber auch an der Zeit, dass wir alten Spinner aufhören»

Andere, wie Krokus zum Beispiel, seien mehr als zehn Jahre jünger und seien auch schon abgetreten.

Die Band wollte noch zwei Konzerte in Häggenschwil im Oktober geben und sich dann auflösen. «Ohne grosses Tamtam», sagt Vescoli. Dazu ist es nicht mehr gekommen. In diesen Tagen sind Les Sauterelles, eine der bedeutendsten Bands in der Entwicklung des Schweizer Pop, sanft eingeschlafen. So gilt das Konzert am 13. Dezember 2019 im Stadtkeller Luzern als der letzte Auftritt mit Freddy Mangili.

Facts & Figures

1962: Gründung

1965: Erster Hit «Hongkong» und erstes Schweizer Beat-Album «Swiss Beat Live».

1966: Erstes Album «Les Sauterelles».

1968: Album «View To Heaven» und Song «Heavenly Club», der zu einem internationalen Hit wurde und 13 Wochen in der Schweizer Hitparade platziert war.

1970/71: Auflösung

1993: Reunion mit Vescoli, Dürst, Mangili und Peter Glanzmann

2013: Album «Today»

2021: Endgültige Auflösung

Damit ist eine Ära zu Ende gegangen. Die Bedeutung von Les Sauterelles für die Entwicklung des Schweizer Rock und Pop kann nicht überschätzt werden. Die Zürcher Band, die 1962 von Vescoli gegründet wurde, war die erste betriebsfähige Schweizer Popband und neben den Basler The Sevens die einzige Schweizer Profitruppe der Beat-Ära.

Ein Avatar für die Beatles in der Schweiz

Les Sauterelles orientierten sich zunächst am Sound der Gitarrenband The Shadows. Das änderte sich 1964, als die Schweiz von der Beatlemania erfasst wurde. «Die Szene ist richtig explodiert – und wir standen mittendrin», erinnert sich Vescoli. Es schossen Beatschuppen aus dem Boden und die Band spielte bis zu 350 Konzerte im Jahr. Sie wurden zu den «Swiss Beatles». Ein geschickter Marketing-Schachzug, der die Popularität der Band markant steigerte. Sie profitierte auch davon, dass das Original nie in der Schweiz spielte. «Wir waren eine Art Avatar», sagt Vescoli.

Beat löste den Jazz als Musik der Jugend ab. Einer Jugend, die auf die Befreiung von festgefahrenen, gesellschaftlichen Zwängen drängte und in der neuen Musik ein Instrument sah, um an der bürgerlich-konservativen Kultur zu rütteln. Les Sauterelles wurden in jener Zeit des Aufbruchs zur Speerspitze jener Bewegung, obwohl sie sich damals nicht wirklich für Politik interessierten.

Von der Teenie- zur Oldies-Band

Mit Les Sauterelles fand auch erstmals eine Schweizer Band internationale Beachtung. Die Band tourte zweimal, 1966 und 1967, in der Tschechoslowakei und landete mit «Heavenly Club» einen nationalen und internationalen Hit. Der Song war das erste Lebenszeichen der neuen Musik aus der Schweiz.

In den bewegten 60er-Jahren war die Band eine Boy-Group, eine Teenie-Band. Die kreischenden Mädchen vor der Bühne waren längst verschwunden und Les Sauterelles zu einer Oldie-Band mit hohem Nostalgiewert geworden. «Wir hätten es damals nie für möglich gehalten, dass wir mit bald 80 Jahren noch immer auf der Bühne stehen», sagt Vescoli. Mit Les Sauterelles ist die am längsten bestehende, dienstälteste Schweizer Band abgetreten. Nach geschätzten 3500 Konzerten.

Für Vescoli und Düde Dürst ist der Abgang von der Bühne aber noch kein Thema. Beide sind körperlich und geistig noch fit. Ves­coli wird Solo und im Duo, Dürst unter anderen mit der wiedervereinigten Rockband Krokodil und der neu formierten Beatband Flaming Pie weiter auf Schweizer Bühnen anzutreffen sein.

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