Filmkritik
Superfrau im Shoppingcenter

In «Wonder Woman 1984» kommt die Heldin zum Fliegen. Der Film legt gerade noch eine saubere Landung hin.

Regina Grüter
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Die 35-jährige Israelin Gal Gadot ist und bleibt der Trumpf des Wonder-Woman-Franchise.

Die 35-jährige Israelin Gal Gadot ist und bleibt der Trumpf des Wonder-Woman-Franchise.

Bild: Getty Images

Diana Prince alias Wonder Woman (Gal Gadot) hat ihren ersten Auftritt in einem Einkaufszentrum – 66 Jahre nachdem sie von Themyscira auszog, um den Ersten Weltkrieg zu beenden und die Menschheit zu retten. Sie bringt ein paar Kleinganoven zur Strecke – mit einem Augenzwinkern, so ganz ohne Pathos. Das ist schön selbstironisch, und die poppigen 80er-Jahre geben optisch einiges her. 1984 ist das Jahr, in dem Reagan wiedergewählt werden sollte; das Einkaufszentrum das Herz der Konsumkultur und Ausdruck unbedingter Wunscherfüllung.

Der Bösewicht will alles, und er will es sofort

Angetrieben von ihrem unerschütterlichen Gerechtigkeitssinn und dem ebenso felsenfesten Glauben in die Menschen und ihre Fähigkeit zu lieben, hat Diana Prince all die Jahrzehnte zurückgezogen unter den Menschen gelebt. Sie arbeitet als Archäologin im Smithsonian Museum in Washington D.C. Dort trifft sie auf die linkische Gemmologin Barbara Minerva (Kristen Wiig) und einen uralten Wunschstein, den der Fake-Öl-Tycoon Max Lord in seinen Besitz bringt, bevor die Wissenschafterinnen auch nur ahnen, was es damit auf sich hat. Aber da haben sie ihre naiven Wünsche schon geäussert: Barbara will so sein wie Diana, stark, sexy, cool und besonders.

Und Diana? Die Halbgöttin aus dem DC-Comic-Universum hatte in «Wonder Woman» (2017) im Piloten Steve Trevor (Chris Pine) ihre grosse Liebe gefunden – und gleich wieder verloren. Und es ist ein kluger Zug (wenn auch nicht ganz logisch ausgeführt), dass ausgerechnet ihre Menschlichkeit die Superheldin in ein Dilemma bringt (Regisseurin Patty Jenkins hat diesmal auch am Drehbuch mitgeschrieben). Aber sie erinnert sich noch rechtzeitig an die Lektion, die sie in Kindertagen – etabliert in der atemberaubenden Eröffnungssequenz – gelernt hat: Wahrer Erfolg gründet nicht auf einer Lüge.

Man kann schwerlich behaupten, dass Wonder Woman in «Wonder Woman 1984» das absolute Zentrum des Films ist, wie sie es im ersten Teil war. In Bezug auf die Antagonisten Max Lord und Barbara Minerva/Cheetah ist das nicht weiter schlimm, da Pedro Pascal («The Mandalorian») und Kristen Wiig («Bridesmaids») richtig gute Performances abliefern. Das Drehbuch aber mäandert. Die Story um den magischen Stein treibt seltsame Blüten und ist in etwa so chaotisch wie die Welt, die nach und nach im Chaos versinkt. Nach 90 Minuten Exposition mündet der Film in eine Stunde überbordende Action.

Mehr Action und höhere Hürden sind nicht besser

Es ist der Ruf des Sequels nach mehr Action und höheren Hürden für die Titelheldin, der «WW 1984» ein bisschen zum Verhängnis wird. Paradox eigentlich, ist es doch genau das, was die Geschichte anprangert, dieses «immer mehr». Warum also dem Muster folgen? So kommt Wonder Woman in ihrem zweiten Abenteuer zwar wortwörtlich zum Fliegen – eine der Reminiszenzen an ihren Kollegen Superman –, der Film bringt gerade noch eine saubere Landung hin.

Abschliessend gilt es eigentlich nur noch Eines zu sagen: «Wonder Woman 1984» ist völlig okay für einen Popcorn-Filmabend zu Hause auf dem Sofa. Aber, wenn Sie irgendwie können, warten Sie doch, bis Mädchen wieder im Wonder-Woman-Kostüm vor dem Kino Schlange stehen. Gal Gadot ist und bleibt denn auch der Trumpf dieses Franchise. Sie ist eben nicht nur stark, sexy, cool und besonders, sondern bleibt bei all diesem Bombast wunderbar natürlich und nahbar.

Hinweis: Wonder Woman 1984 gibt es jetzt auf Sky Show.