Am 19. April 1919 wurde in Weimar vom Architekten Walter Gropius das Bauhaus gegründet. Die Kunstschule wurde nach ihrer Übersiedelung nach Dessau zur einflussreichsten Bildungsstätte für Architektur, Kunst und Design im 20. Jahrhundert. Was viele nicht wissen: Nach Tel Aviv ist Biel die einzige Stadt, in welcher der Architekturstil des Bauhauses, auch Neues Bauen genannt, seinen grössten städtebaulichen Niederschlag fand. Zwar haben hier nicht die bekannten Star-Architekten wie Le Corbusier oder van der Rohe gearbeitet. Aber alle damals tätigen regionalen Architekten nahmen die Formen und Prinzipien des Bauhauses auf und realisierten sie.

Warum ausgerechnet in Biel?

«Es kam in den zwanziger und dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts in Biel vieles zusammen, was die städtebauliche Entwicklung für das Neue Bauen förderte», erklärt Matthias Grütter (55), der einen Stadtparcours zum Bauhaus-Stil in Biel verfasst hat. Der Sozialdemokrat Guido Müller (1875-1963), ein Anhänger dieser Architekturströmung, war seit 1921 Stadtpräsident. Biel erlebte zu jener Zeit eine grosse Wachstumsphase. Die umliegenden Gemeinden Vingelz, Bözingen, Mett und Madretsch wurden zwischen 1900 und 1919 eingemeindet; die Einwohnerzahlen stiegen also. Nachdem der neue Stadtpräsident die Schulden abgebaut hatte, wurde begonnen, das Stadtbild zu erweitern, neue Arbeitsplätze und Wohnungen zu bauen.

Am Anfang stand die Verlegung des Bahnhofs vom Guisanplatz an den heutigen Standort. So entstand ein neu bebaubares Gelände das zusätzlich durch die Regulierungen der Aare und der Schüss erweitert wurden. Ganze 90'000 m2 sollten neu bebaut werden. Müller versammelte dazu eine Reihe gleichgesinnter Politiker, Stadtplaner und Architekten um die neuen Quartiere «aus einem Guss» zu realisieren. «So entstanden nicht nur Einzelbauten, sondern ganze Quartiere und Strassenzüge, öffentliche und industrielle Bauten, alle im neuen Bau-Stil. Als einzige Stadt erhält Biel 1930 Sonderbauvorschriften, welche Flachdächer für obligatorisch erklären», weiss Grütter.

Die damals entstandenen Hotels, das Volkshaus, Tramstationen, etliche Mehrfamilienhäuser, Gewerbe- und Industriebauten sind noch heute zu sehen. «Abgesehen von einigen Häusern, die in den Achtziger und Neunziger Jahren verschwanden, hat man bis heute zu dieser Bausubstanz Sorge getragen», freut sich Grütter. Wesentlich zum Erhalt habe sicher auch die Expo.02 beigetragen, meint er. «Damals hat man vieles neu erkannt, restauriert und unter Schutz gestellt.»

Die typischen Bauformen

Zu erkennen sind in Biel die Gebäudeformen, die für den Bauhaus-Stil typisch sind: Glatte neutrale Fassaden, Balkone in Beton, oft folgen die Bauten dem Strassenverlauf, die Treppenhäuser sind durch Glas sichtbar, Lifte in runden Anbauten angebracht, die Fensterfronten streng geometrisch angeordnet. Oft sind die Fassaden in den unterschiedlichsten Farben gestrichen: Alle Grün-, Blau-, Gelb- oder Rottöne, aber auch Weiss und Grau sind möglich.

Damit der interessierte Laie diesen Bauten folgen kann, hat Matthias Grütter die Broschüre «ArchitekTour Biel» realisiert. Ein Stadtführer der besonderen Art, mit welchem man auf alle wichtigen Bauhaus-Gebäude aufmerksam gemacht wird und spielerisch Informationen darüber bekommt. «Es war mir wichtig, auf einige Gebäude aus der vorherigen Gründerzeit und der Epoche nach dem Bauhaus-Stil aufmerksam zu machen.» Der gebürtige Solothurner Grütter lebt seit vielen Jahren in Biel und sagt: «Je besser ich die Stadt kennenlerne, umso lieber wird sie mir». Vor einiger Zeit hat er bereits den «Stadtparcours Biel», eine City-Tour mit Quiz und die «Schatzsuche Biel», eine Schnitzeljagd durch die Stadt konzipiert.

Die Broschüre ArchtekTour Biel kann bei Matthias Grütter bezogen werden. Die Rundgänge sind alle selbstständig und etappenweise absolvierbar. www.parcours-BielBienne.ch