Kolumne

Sprachliche Moden und Marotten: Warum sich das Wetter nicht immer für Smalltalk eignet

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Pedro Lenz.

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Pedro Lenz.

In seiner Kolumne erklärt Schriftsteller Pedro Lenz diese Woche, warum man besser nicht übers Wetter wettert, wenn man einem Meteorologen begegnet.

Im Alltag ist das Wetter meist ein unverfänglicher Gesprächseinstieg. Jemand kann sagen: «Es ist wieder heiss.» Darauf kann das Gegenüber zum Beispiel antworten: «Ja, wirklich heiss. Aber am Abend könnte Regen kommen.»

Hierauf kann derjenige, der mit dem Wetter angefangen hat, eine neue Kurve nehmen: «Ich hoffe, es bleibt trocken. Wir haben nämlich Freunde zum Grill eingeladen.» Im Idealfall ist man auf diese Weise schon bei den Themen Grillieren und Freunde angelangt und das Gespräch kann so vom harmlos Oberflächlichen allmählich in konkretere Tiefen vordringen.

Bedingung für einen geglückten Gesprächseinstieg übers Wetter ist freilich, dass man nicht ausufernd wird und merkt, wann es genug ist. Leider gibt es Leute, die nie merken, wann es genug ist. Zu ihnen gehören die Wettererklärer vom Radio SRF. Da sprach etwa der Moderator letzten Mittwoch den Wettermann auf Schleierwolken an und die Antwort klang wortwörtlich so:

«... und die Unterseite dieser Wolken kommt runter. Also das heisst konkret, zuerst sieht man ein wenig Geschmier am Himmel, dann gibt es immer mehr Geschmier, dann gibt es auch noch andere Wolken, irgendwann sind dann einmal die Bergspitzen in den Wolken. Und dann kommen immer mehr dieser Berge, die Berge und Bergspitzen kommen immer mehr in die Wolken. Und am Schluss gibt es Regen. Heute Nachmittag, wenn man ein bisschen rausschaut, kann man das eben beobachten. Jetzt im Moment sind wir in der Phase, in der es einfach immer mehr Geschmier gibt. Es gibt dann am Nachmittag eben auch immer mehr Wolken. Am Abend kommen wir dann in die Phase, in der dann auch die Bergspitzen so ein wenig in den, in den Wolken, in die Wolken reinkommen und dann gibt es auch Regen, das ist dann am Abend und in der Nacht der Fall, wo es stellenweise regnet. Aber es gibt also mengenmässig nicht viel Regen und es kommt auch gar nicht überall regnen. Es gibt auch Regionen, in denen es auch trocken bleibt. Hier ist eben gerade ein wenig ein Beispiel, dass sich das Wetter eigentlich nie so ganz richtig an ein Lehrbuch hält, weil eine Warmfront nach Lehrbuch, die würde eigentlich flächigen Landregen bringen, diese Warmfront hier, die kommt, die ist aber zu schwach, weil es eben in der Nacht gar nicht überall nass wird.»

Selbst wenn Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, nach der Lektüre dieser Wetterprognose ein bisschen durcheinandergeraten sind, sollten sie versuchen, stark zu bleiben. Der Moderator am Mittwochmittag blieb auch stark und sagte zum Wettermann:

Die Frage des Moderators war wohl harmlos gemeint, aber sie generierte wieder eine Antwort, die zu transkribieren den Umfang dieser Kolumne bei weitem sprengen würde.

Was lernen wir daraus? Das Wetter kann ein lockerer Konversationseinstieg sein, aber wirklich nur dann, wenn man nicht zufällig an einen übermotivierten Meteorologen gerät.

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