«Arrival»

Sprache rettet die Welt

Amy Adams spielt in «Arrival» eine Sprachwissenschafterin, die versucht, mit ausserirdischen Besuchern (hinten: ihr Raumschiff) zu kommunizieren.

Amy Adams spielt in «Arrival» eine Sprachwissenschafterin, die versucht, mit ausserirdischen Besuchern (hinten: ihr Raumschiff) zu kommunizieren.

Im genialen Science-Fiction-Film «Arrival» muss Amy Adams ausserirdische Besucher übersetzen. Regisseur Denis Villeneuve hat mit Designern und Mathematikern zusammengespannt, um eigens für den Film ein System an hochkomplexen Schriftzeichen zu entwickeln.

Es ist ein unheimlicher Dunst, dem sie entsteigen. Zwölf Flugobjekte; linsenförmig, pechschwarz und so gross wie Hochhäuser. Die Raumschiffe der Ausserirdischen verteilen sich scheinbar wahllos über den Globus und verharren wenige Meter über dem Boden im Schwebezustand. Auf der Erde breitet sich Panik aus. Und dann passiert – erst mal nichts.

Hätte ein Roland Emmerich («Independence Day») oder ein Michael Bay («Transformers») hier Regie geführt, würden jetzt zweifellos die grossen Geschütze ausgefahren. Kampfflugzeuge, Panzer und Langstreckenraketen würden die elenden Dinger aus dem Himmel knallen, selbstverständlich nach einem aufopfernden Kampf. Frei nach dem Motto: Erst schiessen, dann Fragen.

Offizieller Filmtrailer zu «Arrival»

Offizieller Filmtrailer zu «Arrival»

Denis Villeneuve geht dieses Szenario genau umgekehrt an. Der kanadische Filmemacher («Sicario») hat die Kurzgeschichte «Story of Your Life» von Ted Chiang verfilmt, die Anfang des Jahrtausends mit zahlreichen Science-Fiction-Preisen ausgezeichnet worden war. Wie Changs Buch postuliert Villeneuves Film: Beim ersten Kontakt mit einer ausserirdischen Zivilisation sind nicht Soldaten gefragt, sondern Kommunikationsexperten.

Die beste Waffe ist der Verstand

Die Heldin von «Arrival» heisst Dr. Louise Banks (gespielt von Hollywoodstar Amy Adams) und ist von Beruf Sprachwissenschafterin. Ihre beste Waffe ist ihr Verstand, und Heldenhaftigkeit sieht bei ihr so aus: Im Inneren eines Raumschiffs schreitet Dr. Banks behutsam auf zwei riesige Aliens zu, streift ihren Schutzanzug ab und drückt ihre nackte Hand gegen die durchsichtige Schutzwand zwischen ihnen. Die Aliens – wegen ihrer Körperform Heptapoden genannt – tun es ihr gleich. «So stellt man sich aufrichtig vor», kommentiert Dr. Banks zufrieden.

Die Linguistin ist von der Army aufgeboten worden, um in Erfahrung zu bringen, weshalb die ausserirdischen Besucher hier sind. In den Augen von Dr. Banks eine komplexe Frage, auf die vorsichtig hingearbeitet werden muss. Die Menschen müssten zunächst die Grundlagen der Aliensprache verstehen, weil schon das kleinste Missverständnis potenziell Gefahr birgt. «Werkzeug» oder «Waffe»? Ein feiner, aber entscheidender Unterschied.

Solche Alien-Schriftzeichen gilt es in «Arrival» zu entschlüsseln.

Solche Alien-Schriftzeichen gilt es in «Arrival» zu entschlüsseln.

Aber wie verständigt man sich mit Ausserirdischen? Ausgesprochen klingt ihre Sprache im Film wie die Klickgeräusche eines Delfins. Und ausgeschrieben ist sie eine Serie kreisförmiger Symbole (sogenannte Logogramme), die aussehen wie Kaffeeflecken, und die die Heptapoden mit einer Art Tinte in den offenen Raum hinein formen. Die Idee von Dr. Banks: Auf eine Tafel schreibt sie menschliche Worte, deren Bedeutung sie vorspielt. Die Heptapoden antworten dann mit einem Logogramm. Nun ordnet die Linguistin dem kreisförmigen Muster Bedeutungen zu. Ein spannendes Experiment.

Eigene Sprache nur für den Film

Regisseur Denis Villeneuve hat mit Designern und Mathematikern zusammengespannt, um eigens für den Film ein System an hochkomplexen Schriftzeichen zu entwickeln. Villeneuves Vorgabe: Die Zeichen dürften an nichts Menschliches (wie zum Beispiel Hieroglyphen) erinnern. Die entscheidende Eingebung hatte schliesslich die Frau des Produktionsdesigners – eine Künstlerin.

Faszinierend: Dass die Logogramme kreisförmig sind, hat mit der speziellen Denkweise der Heptapoden zu tun. Und je mehr sich Dr.  Banks diese fremde Sprachwelt aneignet, desto tiefer taucht sie auch in die Gedankenwelt der Aliens ein. Um das verblüffende Ende des Films nicht vorwegzunehmen, sei dazu an dieser Stelle aber nicht mehr verraten.

Heisser Oscar-Kandidat

Villeneuve hat den Filmstoff auf clevere Art um eine gesellschaftspolitische Dimension erweitert. Die jeweils nächstgelegenen Nationen haben in die elf anderen Raumschiffe ihre eigenen Teams entsandt. Die bittere Ironie des Films ist, dass sich die Wissenschafter und die Aliens immer besser verstehen, während die Staatschefs untereinander keinen Konsens finden. Villeneuve unterstreicht damit die Bedeutung von interkultureller Verständigung: Eine gemeinsame Kommunikationsbasis ist der Schlüssel zum Frieden.

Der kanadische Filmemacher etabliert sich zunehmend als einer der spannendsten Regisseure in Hollywood. Er erzählt hier derart unaufgeregt, dass seine hypnotischen Bilder und der komplexe Filmstoff ihre volle Wirkung entfalten. «Arrival» ist zerebrales Science-Fiction-Kino und steht den Klassikern des Genres in nichts nach. Schon jetzt wird der Film zu Recht als heisser Oscar-Kandidat gehandelt.

Das sind beste Aussichten für Denis Villeneuves nächsten Film, der ohnehin schon mit riesigen Erwartungen verknüpft war: Villeneuve dreht gerade «Blade Runner 2049» (mit der Schweizerin Carla Juri), die Fortsetzung von Ridley Scotts Kultklassiker von 1982. Dieser hatte damals auf ähnliche Art Intelligenz, Stil und Tiefgründigkeit miteinander vereint.

Arrival (USA 2016) 116 Min. Regie: Denis Villeneuve. Ab Donnerstag im Kino.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1