Aargauer Kunsthaus

So lassen Blumen Kunst erblühen – doch nur wenige dürfen die Ausstellung besuchen

«Blumen für die Kunst 2020»: der Aufbau für eine aufwändige Ausstellung, die dieses Jahr nur wenige zu sehen bekommen. (Musik: Audiozada)

«Blumen für die Kunst 2020»: der Aufbau für eine aufwändige Ausstellung, die dieses Jahr nur wenige zu sehen bekommen. (Musik: Audiozada)

Die Ausstellung «Blumen für die Kunst» findet statt. Allerdings muss das Aargauer Kunsthaus den Zutritt beschränken.

Dutzende Kisten voller Stauden, Tännchen und riesigen Zweigen mit Knospen türmen sich vor dem Eingang, aus einem Lieferwagen werden Plastikkisten voller bunter Blüten und Töpfe ausgeladen und schon fährt der nächste Transporter eines Blumenladens vor. Nein, wir sind nicht im En Gros Blumenmarkt, sondern stehen an diesem Montagmorgen vor dem Aargauer Kunsthaus. Die 14 Meister-Floristinnen und -Floristen müssen sich sputen, haben sie doch nur wenige Stunden Zeit, um ihre Kreationen für «Blumen für die Kunst» aufzubauen.

Die Vernissage am Montagabend musste wegen des Corona-Virus zwar abgesagt werden, die Ausstellung findet aber statt. Allerdings mit rigorosen Zutrittsbeschränkungen. 18'000 Besucherinnen und Besucher innert einer Woche kamen letztes Jahr. Das wird von den Behörden diesmal nicht akzeptiert. (Details siehe Box). «Wir sind froh, können wir den Anlass überhaupt durchführen» sagt die verantwortliche Sammlungskuratorin Simona Ciuccio. Bevor die Journalistin ins Kunsthaus darf, fragt die Pressefrau: «Waren Sie in den letzten zwei Wochen in Italien, China oder einem anderen heiklen Ort?»

Frisches Grün macht gute Laune

Welch ein vitaler Empfang! Riesige grüne Stelen und eine Wand voller Grünzeug in allen Klangvarianten der Farbe sorgen im Foyer für einen wunderbar frischen Auftakt. Studierende des Weiterbildungszentrums Rorschach-Rheintal haben diese Hingucker aus exotischen Fair Trade Blättern bereits am Sonntag gebaut. Es riecht frisch und saftig, sie fühle sich mit dieser grünen, lebendigen Wand im Rücken sehr wohl, sagt die Frau am Empfang gut gelaunt.

Aus Stauden mit verdorrten Blättern, Tännchen und braunwarmen Terracotta-Töpfen baut das Team des Basler «Fleurs des rois» eine grossflächige Landschaft vor dem imposanten Gemälde «Staubbachfall» von Alexandre Calame. Das Braun der Felsen, die Gebirgsschlucht verlängert sich so in den Saal. «Das Publikum soll quasi in das Gemälde eintreten können», sagt Florist Severin Stadler.

Wie inszeniert man mit Blumen und Pflanzen aber eine kahle Winterlandschaft von Giovanni Segantini? Floristin Claudia Lischer aus St. Moritz lacht über die Frage und sagt: «Das Licht und der pointillistische Auftrag reichen für uns aus dem Engadin.» Mit pastellig blau-rosa-gelb eingefärbtem Schleierkraut bauen sie und ihre Gehilfin eine schwebende Blütenebene, ein Abbild der raffinierten Lichtreflexe vor dem Bild.

Wo man sich auch aufhält, tigert bald Andy Giger, der Technikchef des Kunsthauses, vorbei. Er kontrolliert, ob die Sicherheitsabstände zu den wertvollen Kunstwerken eingehalten werden und dass keine Erde, also keine Keime und Käfer, ins Kunsthaus gelangen. Gefordert ist das ganze Technikteam, das mit der Hebebühne das Licht richtet und Fäden spannt, das Kunstwerke umhängt.

Demotiviert wirkt niemand

Demotiviert wegen der Publikums-Einschränkung wirkt niemand. Hauptsache der Aufwand war nicht umsonst, denn der ist riesig. Einen halben Urwald baut der Zürcher Marco Weisskopf vor Hermann Scherers expressivem Baumgarten auf. Blaue Bäume und knallige Farben, das rufe doch nach exotischen starkfarbigen Blüten und Blättern, sagt er. Verhaltene Töne liebt Isabelle Becker aus Zug. Sie sorgt mit dunklen Vasen und rot-braun-violetten Blumen für ein florales Pendant vor Heiny Widmers Abstraktion.

Dass sich strenge Geometrie und Blumen nicht ausschiessen, beweist Katja Schläfli aus Budapest, die Oscar Lüthis kubistisches Figurenbild dreidimensional im Raum nachbaut. Wie ein 3D-Modell wirkt gar Frank Wössners von Hodlers Niesen inspirierter Kubus. Luftiges Schleierkraut bildet die rahmenden Jugendstilwölkchen, den Berg hat der Basler aus Frühlingshyazinthchen gebaut. Noch ist er grün, aber in wenigen Stunden wird der blaue Himmel aufblühen. Das kann kein Virus verhindern.

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