Serientod
Wie scheidet man mit Stil aus einer Serie aus? Über gelungene und verpatzte Abgänge im «Tatort»

«Tatort»-Kommissarinnen und Kommissare werden gerade wieder reihenweise ermordet. Nach Christian Ulmen und Anna Schudt ist Meret Becker das letzte und beste Opfer.

Julia Stephan
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Tod in Serie: Meret Becker war die letzte in einer Reihe von «Tatort»-Kommissarinnen, die letzte Woche den Serientod starb.

Tod in Serie: Meret Becker war die letzte in einer Reihe von «Tatort»-Kommissarinnen, die letzte Woche den Serientod starb.

ARD/ RBB Presse & Information

Weitererzählen ist das Mantra unserer Gegenwart. Seit Netflix und Disney+ mit Serien um unsere Aufmerksamkeit buhlen, ist bei einer Geschichte kein Ende mehr in Sicht. Wie auch? Charaktere werden Staffel für Staffel so lange durch den Erzählfleischwolf gedreht, bis sie entweder blutleer sind oder ihre Darstellerinnen und Darsteller fürchten müssen, bis zu ihrer Pensionierung auf ihre Erfolgsrolle abonniert zu sein.

Abhilfe schafft da einzig der Serientod – neben fiktiven Aufbrüchen in ein neues Leben eine bewährte Methode, um einen auserzählten Charakter loszuwerden. Schon in den 2000er-Jahren wurde das Personal der Schweizer Schoggi-Soap «Lüthi und Blanc» nach acht Jahren Dauerpräsenz zur Prime Time von Drehbuchautorin Katja Früh unsentimental mit einer Bombe entsorgt. Man muss es ja nicht gleich übertreiben mit dem Blutzoll wie Macher der Fantasy-Serie «Game of Thrones», für welche die «Washington Post» in einer Auswertung 6887 Opfer zählt – die anonymen Statisten auf den Schlachtfeldern sind natürlich mit einberechnet.

2004 war bei «Lüthi und Blanc» die Welt noch in Ordnung: (hinten) Walter Andreas Müller, Jörg Schneider; (mittlere Reihe) Esther Gemsch, Hans Schenker, Hans Heinz Moser, Beat Schlatter, Patrick Frey; (vorne) Benjamin Fueter, Isabelle von Siebenthal, Renate Steiger, Tonia Maria Zindel.

2004 war bei «Lüthi und Blanc» die Welt noch in Ordnung: (hinten) Walter Andreas Müller, Jörg Schneider; (mittlere Reihe) Esther Gemsch, Hans Schenker, Hans Heinz Moser, Beat Schlatter, Patrick Frey; (vorne) Benjamin Fueter, Isabelle von Siebenthal, Renate Steiger, Tonia Maria Zindel.

Eric Bachmann

Auch in der Krimi-Serie «Tatort» gab es in den letzten zwei Jahren auf den Präsidien viel Stühlerücken. Auf eigenen Wunsch wurde die Berliner «Tatort»-Darstellerin Meret Becker am letzten Sonntag in der Folge «Das Mädchen, das allein nach Haus’ geht» erlöst von der Bürde ihres Amtes.

Damit verlässt uns nach sieben Dienstjahren mit Nina Rubin die impulsivste und emotionalste «Tatort»-Kommissarin der Serie. Es war ein Tod mit Ansage - 2019 hatte die Schauspielerin ihren Abtritt bekannt gegeben. Weil Nina Rubin ihre kugelsichere Weste einer Kronzeugin überliess, für die sie Gefühle entwickelt hat, starb sie ungeschützt im Kugelhagel eines russischen Mafioso. Ihr Tod, eine Metapher für die gesteigerte Verletzlichkeit einer kompromisslos Liebenden.

Die Intensität ihres Auftrittes ähnelte damit sehr der seelischen Nacktheit, mit der Darstellerin Anna Schudt als Dortmunder «Tatort»-Kommissarin Martina Bönisch im Februar in der Folge «Liebe mich» ohne vorherige Ankündigung aus dem Dienst geschieden war. Bönischs Tod war auch deshalb eine Sensation, weil es im «Tatort»-Universum noch nie gelungen war, den Ausstieg einer Darstellerin bis zur Ausstrahlung zu verheimlichen. Bei den Fans löste die Folge auch deshalb gewaltige Schockwellen aus.

In beiden Folgen wurde offenbar, worin die Qualitäten einer Erzählung liegen, die keinen über Cliffhanger verbundenen seriellen Anschluss besitzt: Das unvermeidliche Ende schaffte neue Möglichkeitsräume für Geschichten, die den Drehbuchschreiberinnen und Drehbuchschreibern sonst verwehrt geblieben wären. Wie in einer griechischen Tragödie bewegten sich die seit mehreren Folgen psychisch stark angegriffenen Frauen schicksalhaft auf ihr Ende zu. Losgelöst von den Zwängen seriellen Erzählens, wurde aus dem erotische Dauerknistern zwischen Bönisch und ihrem Kollegen Peter Faber plötzlich Liebe, lotete Rubin nochmals für sich die Frage aus, was Liebe wirklich ausmacht. Das verschaffte beiden Folgen eine Intensität von ungeheurem Ausmass.

Ein Abgang muss gut vorbereitet sein

Der deutsche Drehbuchschreiber Jürgen Werner beherrscht von «Traumschiff» bis «Tatort» die ganze Klaviatur des deutschen Unterhaltungsfernsehens. Als Erfinder der Dortmunder «Tatort»-Folgen lag Bönischs Schicksal in seiner Hand. Er sagt:

«Die Trauer war gross. Aber letztendlich war es auch die Chance alles wieder auf den Prüfstand zu stellen, neu zu denken. In so einem Fall hat so ein Abgang auch etwas Befreiendes.»

Ob man eine Folge perfekt auf einen Abgang zuschneiden könne, hänge davon ab, «wann die Schauspielerinnen und Schauspieler diese Entscheidung treffen und kommunizieren». Bisher habe er immer genügend Zeit gehabt. Auch beim Kölner «Tatort» «Franziska» (2014), in dem die langjährige Assistentin von Freddy Schenk und Max Ballauf, erdrosselt aus der Serie schied.

Sibel Kekilli in der Rolle der Sarah Brandt.

Sibel Kekilli in der Rolle der Sarah Brandt.

ARD

Sibel Kekilli, die in der Rolle Sarah Brandt eine der beliebtesten Kommissarinnen an der Seite des Kieler Ermittlers Borowski (Axel Milberg) war, hatte sich explizit keine Abschiedsfolge gewünscht. In ihrem letzten Fall fetzte sie sich mit ihrem Kollegen derart heftig, dass der Fall trotzdem wie ein Schlussstrich wirkte. Und der Weimarer Kommissar Lessing (Christian Ulmen) ermittelte 2021 nach seiner Erschiessung einfach als Geist weiter, was wochenlange Spekulationen zur Folge hatte, ob der Weimarer «Tatort» nun wirklich am Ende sei.

Das SRF beerdigte den Luzerner «Tatort» hingegen wie ein korrekter Beamter. Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) wurde 2019 vom Job suspendiert. Dass seine Partnerin Liz Ritschard in einer nicht existenten Fernsehzukunft seinen Job übernehmen sollte, empfanden viele als Demütigung der Darstellerin Delia Mayer, die neben Gubser schon immer die zweite Geige spielen musste.

Den elegantesten Abgang aller Zeiten gelang hingegen dem französischen Dramatiker Molière: Er starb, nach einer Vorstellung, im Kostüm seines «eingebildeten Kranken».