Kultur

Selbst aus dem Kerkerfenster lässt sich Literatur beobachten

Der chilenische Schriftsteller Roberto Bolaño (1953–2003). Foto von 1998.

Der chilenische Schriftsteller Roberto Bolaño (1953–2003). Foto von 1998.

Die Erinnerungen an den Militärputsch Pinochets in Chile prägen die Erzählungen von Roberto Bolaño. Herausgekommen ist «Cowboygräber» nun 17 Jahre nach seinem frühen Tod.

Kann man etwas gleichzeitig als offen, prachtvoll und trostlos beschreiben? Man kann, wenn man ein chilenischer Schriftsteller im Exil ist, der sich an seine Jugend erinnert. «Auf den ersten Blick sah ihr Haus aus wie das Haus im Film ‹Psycho›. Der einzige Unterschied waren die Steintreppe und die Landschaft. Vom Haus von Patricia Arancibia aus präsentierte sich die Landschaft offen, prachtvoll und trostlos.» Offen für die Liebe lässt sich der Ich-Erzähler von dieser prachtvollen jungen Dichterin verführen und muss wenige Tage später trostlos ihren Tod akzeptieren. Auch er ist Literat und verschwindet bald in den Kerkern des neuen Regimes. Dort beobachtet er durchs vergitterte Fenster, wie ein altes Nazi-Flugzeug statt Kondensstreifen zwei Verse von Patricia in den Himmel zeichnet.

Prügel und Flucht

Roberto Bolaño (1953–2003) berichtet in der Erzählung «Vaterland» von eigenen Erfahrungen. Er war 20, als Pinochets Armee am 11. September 1973 den demokratisch gewählten, sozialistischen Präsidenten Allende stürzte. Man spricht heute vom «11. September Lateinamerikas», der wie «9/11» 2001 in New York alles veränderte. In vielen mittel- und südamerikanischen Ländern putschte das Militär nach chilenischem Vorbild und setzte eine Gewaltspirale in Gang, die bis heute nicht zur Ruhe kommt. Bolaño wurde kurz nach dem Putsch inhaftiert und hat wohl selbst die Folter erlebt, die er auffällig vage mit «Prügel» umschreibt. Danach floh er nach Mexiko.

Die Erzählung «Cowboygräber» spielt zwischen den beiden Ländern. Der Vater der Hauptfigur ist in Mexiko, und als die Mutter endlich ausreisen kann, bleibt der junge Erzähler zurück und schliesst sich dem kommunistischen Widerstand an. Ganz anders sein Autor: Roberto Bolaño wandte sich mit 23 von seinem Heimatkontinent ab und zog nach Barcelona, wo er mit 50 an Leberzirrhose starb.

Surreal und witzig

Seit dem Tod Bolaños, dieses Erneuerers der lateinamerikanischen Literatur, wird aus seinem Nachlass immer wieder Unvollendetes zu Tage gefördert. So sind die Texte im Band «Cowboygräber» fragmentarisch – mit Ausnahme der feingeschliffenen «Komödie vom Schrecken von Frankreich».

Roberto Bolaño: «Cowboygräber». Drei Erzählungen. Hanser, 187 Seiten.

Roberto Bolaño: «Cowboygräber». Drei Erzählungen. Hanser, 187 Seiten.

Darin wandert ein junger Dichter durch eine nächtliche Stadt in Französisch-Guyana, hält Zwiesprache mit dem lachenden Hehe-Vogel und hebt in einer Telefonzelle, in der es hartnäckig klingelt, den Hörer ab. Ein Unbekannter aus Paris versucht, den Jungen für die surrealistische Untergrundliga zu rekrutieren, welche die Revolution gegen das weltumspannende Regime der schlechten Literatur plant. Auch das ist Roberto Bolaño: Ein ironischer Autor, der Alfred Hitchcock mit André Breton in tropischer Üppigkeit zusammenbringt.

Meistgesehen

Artboard 1